Autokino statt Abiball

  • Thomas Brückner
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Büffeln für die Klausuren, gespanntes Warten auf die Noten. Nochmals die Nase in die Bücher stecken, fürs Mündliche. Wenn es gut gegangen ist: Zeugnisübergabe, Abiball, Feiern ohne Ende. So läuft es normalerweise. 2020 aber ist vieles anders, der klassische Ball fällt wegen Corona aus - dafür gibt es neue, kreative Ideen. Autokino auf dem Schulhof etwa.

Abi in Coronazeiten: Älteren Semestern dürfte da der näselnde Seufzer "traurig, traurig, traurig" eines Theo Lingen in den Sinn kommen. Als Oberstudiendirektor Dr. Gottlieb Taft glänzte der in den Paukerfilmen der 1960er, beschrieb so seine tiefe Enttäuschung über die "Lümmel aus der letzten Bank". Die verfolgten damals mit Anzug und Krawatte den Unterricht.

Doch diese Zeiten sind vorbei. Mit einer Ausnahme: Beim Abiball ist seit vielen Jahren schon - der Proteststurm der 68er ist längst abgeflaut - Festgarderobe angesagt. Nicht aber im Jahr 2020: Aufgrund der Corona-Auflagen fällt die Feier flach. "Traurig, traurig, traurig", meint da auch Andrej Keller als Direktor der CBES Lollar sozusagen Kollege jenes Oberstudiendirektors Dr. Gottlieb Taft (gut: tatsächlich beschränkt er sich auf die einmalige Verwendung des Adjektivs). Durchaus nachvollziehbar sei schließlich die Enttäuschung der Schüler darüber, dass dieser bedeutende Tag nicht in festlichem Rahmen gefeiert, ja auch, dass so manches Abendkleid im Schrank bleiben muss.

Zumindest kann es nicht im Rahmen eines Balls getragen werden. Dafür heißt es an der CBES: "Vorhang auf zum Autokino". Keller rechnet mit etwa 75 Pkw, die auf den Pausenhof fahren werden. Von der Bühne herab wird er seine von 20 auf fünf Minuten "eingedampfte", per Lautsprecher übertragene Rede halten.

Die Eltern und ihr Nachwuchs werden Ansprache und auch zwei Solo-Gesangseinlagen bei runtergeleierten Seitenfenstern verfolgen. Das aus Schülern gebildete Abi-Komitee hat eigens einen "Liegenschaftsplan" erstellt, auf dass der gebotene Abstand gewahrt bleibt. Und wie läuft die Zeugnisübergabe ab? "In einer Art Drive-in, wie bei McDonalds", scherzt Andrej Keller.

Ein etwas anderes Autokino gibt es auch in Laubach. Das Kolleg allerdings nutzt dazu noch das World Wide Web: Die Feier wird auf YouTube übertragen, die Internetadresse bei der Ankunft verteilt. So kann auch Papa auf dem Rücksitz die Grußworte auf der Bühne und die digitalen Ehrungen auf dem iPad verfolgen. Und noch mehr: Impressionen aus der Schulzeit des Abi-Jahrgangs und von Schülern produzierte Video-Sequenzen, die während der Zeugnisübergabe eingespielt werden.

Um genügend Platz zu schaffen, wird am 26. Juni die Straße vor der Schule komplett gesperrt. Die Kollegiaten samt Familien dürfen nur in "einem einzelnen geschlossenen Pkw" am Parkplatz vorfahren. Kleinbusse, offene Cabrios und Wohnmobile müssen draußen bleiben. Trotz Absage des Balls, sagt Schulleiterin Ellen Reuther, gelte es doch, "innezuhalten und diesen Wechsel von Umfeld, Bezugspersonen und Vertrautem gebührend in den Blick zu nehmen - ihn erinnerbar zu machen." Wiewohl dieses Autokino etwas anders ist - "Popcorn & Co" gibt es dennoch.

Auch an der Gesamtschule Hungen fällt der traditionelle Abiball in der Stadthalle ins Wasser. Gemeinsam mit den Schülern, sagt Direktorin Alexandra Kuret, habe man mehrere Alternativen durchdacht. Ergebnis ist ein "Abi-Abschied im Schichtbetrieb" - da in der Aula und nicht im Auto, könnte hier die Festgarderobe zu ihrem Recht kommen.

Jeweils nur eine Klasse erhält am 20. Juni Zutritt, jeder Schüler darf maximal zwei Gäste mitbringen, Direktorin und Tutoren halten kurze Reden, bevor die rund 70 Zeugnisse überreicht werden, wie überall ohne Handschlag. Dazu spielt eine Band - vom Band.

An der Theo-Koch-Schule Grünberg steht die Verabschiedung der 93 Abiturienten unter einem passenden Motto "Mit Abstand am besten! Abitur 2020". Bei der Zeugnisübergabe in der Aula werden die sechs Tutorengruppen einzeln hereingerufen. Für jede ist eine Stunde eingeplant, sodass die Geschichte diesmal von 9 bis 15 Uhr dauert. Vor allem für Direktor Jörg Keller. Wie er sagte, werde es nur kurze Reden von Tutoren- und Schülerseite, Live-Musik und Ehrungen geben.

Die "Grimmicher" sind etwas großzügiger (die neue Aula fasst aber auch rund 400 Personen): Je Schüler sind hier drei statt zwei Gäste erlaubt. In der Regel, sagt Keller, würden dies die Eltern und der Freund oder die Freundin sein. "Ein solcher familiärer Rahmen erscheint uns aktuell besonders gut geeignet, zumal sich so die Abstands- und Hygieneregeln einhalten lassen." Am Ende avisierte er noch - wie passend - eine "ausgefallene" Idee der Zeugnisübergabe und ein symbolisches Geschenk - mehr mochte er partout nicht verraten.

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