Wie sicher läuft das noch für Senioren im Verkehr? Das ist ganz individuell zu beurteilen. (Symbolfoto: dpa)

Rentner am Steuer

Autofahrer (84) nach Unfall an Kita verurteilt - Neuer Führerschein soll her

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Ein 84-Jähriger steht vor Gericht, wird zu einer Geldstrafe und 17 Monaten Fahrverbot verurteilt, weil er beim Ausparken den Zaun einer Kindertagesstätte und eine Hauswand ramponiert hat.

Gießen - Der Rentner schießt mit seinem Citroën rückwärts aus der Parklücke, dann mit quietschenden Reifen und aufheulendem Motor wieder vorwärts. Und erneut zurück, um dann noch mal mit Karacho vorwärts zu fahren, bis das Auto schließlich an der Hauswand zum Stehen kommt. Das Ganze spielte sich im April 2018 auf einem Parkplatz unmittelbar neben einem Kindergarten ab. Den Zaun der Kita fährt der Senior ebenfalls um. Und das zur besten Abholzeit, nachmittags gegen 15.30 Uhr. Kinder spielen im Garten, Mütter sehen das wüste Gekurve mit Schrecken. Erzieherinnen rennen, um die Kinder aus der Gefahrenzone zu bringen.

Womöglich dürfte dies seine letzte Autofahrt gewesen sein. Denn der Führerschein wurde von herbeigerufenen Polizisten sichergestellt, blieb bis jetzt eingezogen.

Vorwurf: Fahrlässige Verkehrsgefährdung

"Ist ihnen denn klar, was da passiert ist? Sie hätten ein Kind umfahren können", fragt Richterin Sonja Robe den 84-Jährigen im Gießener Amtsgericht. Der Vorwurf, der ihm gemacht wird: fahrlässige Gefährdung des Straßenverkehrs.

Doch der Senior verweist drauf, dass er seit 1957 den Führerschein hat - und 327 000 Kilometer unfallfrei gefahren ist: "Ich bin kein Neuling!" Er erklärt den Unfall damit, das sich wohl das Gaspedal seines Wagens verklemmt habe. Der Wagen mit Automatikgetriebe habe ganz von allein beschleunigt. Dass er gleich zweifach mit Vollgas vorwärts und rückwärts gefahren ist, so wie es eine Zeugin glaubhaft schildert, das hat der alte Mann so nicht in Erinnerung, streitet es ab.

Dabei ist es nicht das erste Mal, dass der Rentner auffällig geworden ist: Bereits im Jahr 2016 alarmierte ein Lkw-Fahrer die Polizei, weil der Mann auf der Autobahn durch die Wetterau Richtung Gießen mit Tempo 30 und eingeschalteten Warnblinkern unterwegs war - auf der mittleren Fahrspur. Den Polizeibeamten erklärte er sein Verhalten seinerzeit mit einem Krampf im Bein.

Führerscheinstelle gefragt

Die Führerscheinstelle des Landkreises Gießen griff ein, ordnete einen Fitness-Check und weitere Prüfungen zur Fahrtauglichkeit an. Nachdem der Mann sich hilfesuchend an die Öffentlichkeit gewandt hatte, wurde ihm das dafür nötige Geld von zwei sozial gesonnenen Unternehmen gespendet. Der Test wurde nach einigem Hin und Her 2017 bestanden, der "Lappen" war gerettet.

So kommt er diesmal nicht mehr davon. 600 Euro Geldstrafe und ein Führerschein-Entzug für 17 Monate - auf die die 14 zurückliegenden Monate "ohne" angerechnet werden. Richterin Robe folgte weitgehend der Staatsanwaltschaft und begründete ihren Spruch mit Verweis auf "körperliche Mängel", die womöglich zum Verwechseln von Gas und Bremse führten. "Irgendwann funktioniert das Autofahren eben nicht mehr so gut", gibt die Richterin dem Herrn mit auf den Weg. Doch genau diese Einsicht oder gar Reue, so sagt sie in der Urteilsbegründung, lasse er vermissen.

Wobei der Senior nach dem Urteil ankündigt, dass er sich in drei Monaten, nach Ablauf der Sperre, bei der Zulassungsstelle um einen neuen Führerschein bemühen werde. Denn, so macht er deutlich: Das Auto ist das letzte ihm verbliebene Stück eigenständiger Mobilität. Mit dem Laufen klappt es nicht mehr so ganz; da muss ein Rollator als Hilfsmittel dienen. Das schränkt auch das Nutzen von Bussen ein, befürchtet der Mann.

Ohne Auto komme er "nicht zum Arzt, nicht zum Schwimmbad, nicht zum Einkaufen, nicht zum Grab meiner Eltern in Österreich. Ich bin blockiert".

Verlust von Freiheit

Es gibt keine strikte Altersgrenze, ab wann die Fahrtüchtigkeit eingeschränkt ist. Es kommt auf den Einzelfall an, sagt der Gießener Psychologe Prof. Joachim Stiensmeier-Pelster. Bestehen (Selbst-)Zweifel,, so kann man einen Arzt konsultieren, der schaut, ob die Person aus gesundheitlichen Gründen in der Lage ist, ein Auto zu führen. Auch Fahrlehrer sind Ansprechpartner, um bei einer Probefahrt zu schauen, ob der Mensch mit den Verkehrssituationen hinreichend gut zurechtkommt. Aber das sind freiwillige Maßnahmen.

Zu bedenken ist auch: Mit dem Führerschein gewinnt man einen hohen Grad an Freiheit, man ist nicht angewiesen auf andere Menschen. Das ist ein großer Wert, sagt der Psychologe.Freiheit aufzugeben, das falle schwer. Und: Es ist abhängig davon, wo man wohnt und ob es einen gut ausgebauten ÖPNV gibt.

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