Noch sitzt Finn Scheipers am heimischen Wohnzimmertisch und lernt Georgisch. Er hofft, dass Anfang November endlich Richtung Tiflis geht. FOTO: LKL
+
Noch sitzt Finn Scheipers am heimischen Wohnzimmertisch und lernt Georgisch. Er hofft, dass Anfang November endlich Richtung Tiflis geht. FOTO: LKL

Ausreise auf eigenes Risiko

  • vonLena Karber
    schließen

Eine bewegte Geschichte und eine noch junge Demokratie - das findet Finn Scheipers spannend. Für seinen Freiwilligendienst in Georgien hat der 19-Jährige aus Watzenborn-Steinberg daher sogar ein neues Alphabet gelernt. Doch wegen Corona musste die Ausreise immer wieder verschoben werden. Und jetzt ist die Finanzierung in Gefahr.

Schon mehrfach standen die Zeichen auf Abflug. "Im August haben wir uns auf eine Ausreise im September vorbereitet und im September auf eine Ausreise im Oktober", sagt Finn Scheipers, während er am Wohnzimmertisch seines Elternhauses in Watzenborn-Steinberg sitzt. "Jetzt bereiten wir uns auf eine Ausreise im November vor, aber die Ungewissheit ist schon eine gewisse Belastung."

Der 19-Jährige, der in diesem Jahr sein Abitur an der Herderschule in Gießen gemacht hat, wollte eigentlich am 3. September in einen Flieger nach Tiflis steigen, um ein Jahr Freiwilligendienst in Georgien zu abzuleisten. Doch Corona machte ihm, so wie vielen anderen jungen Menschen, die nach dem Abitur in die weite Welt aufbrechen wollten, einen Strich durch die Rechnung.

Bis Ende September galt in Deutschland eine pauschale Reisewarnung für fast alle Länder außerhalb der Europäischen Union - und Georgien war von dieser Regelung nicht ausgenommen. Dabei war das Land der ersten Corona-Welle entgangen war: Ein frühzeitiger Lockdown hatte dafür gesorgt, dass es über Monate kaum Corona-Fälle gab.

Für Scheipers und fünf weitere Freiwillige der Organisation "act for transformation" bedeutete das: warten. Währenddessen standen zweimal wöchentlich Online-Kurse auf dem Programm, um Sprachkenntnisse, die sie im Juni bei einem Vorbereitungsseminar gewonnen hatten, zu vertiefen. Dass Georgien nicht nur eine eigene Sprache, sondern auch ein eigenes Alphabet hat, bereitet Scheipers jedoch keine großen Probleme. "Wenn man das Grundprinzip verstanden hat, geht es eigentlich ganz gut", sagt der 19-Jährige, der bereits in der Schule ein eifriger Lerner war.

Für den geschichtsinteressierten jungen Mann war die eigene Sprache Georgiens sogar ein Pluspunkt, der ihn gerade für dieses Land, das bei uns weitgehend außerhalb des Radars läuft, begeistert hat. "Georgien ist ein sehr traditionsreiches Land mit einer sehr, sehr reichen Geschichte, das sich seine Tradition und Kultur erhalten hat", schwärmt er. Besonders spannend sei das Aufeinandertreffen verschiedener Einflüsse: Perser, Osmanen, Russen - sie alle haben ihre Spuren hinterlassen. Und gleichzeitig, sagt Scheipers, orientiere sich das Land heute sehr stark am Westen und an Europa.

Scheipers, der in seiner Freizeit gerne Fußball und American Football schaut, findet Georgien jedoch noch aus einem weiteren Grund spannend: Er möchte später Jura studieren und interessiert sich besonders für internationales Recht und Menschenrechte - Themen, die in einem Land mit einer noch recht jungen Demokratie besonders spannend sind. Schließlich soll Scheipers, der seinen Freiwilligendienst bei der Nichtregierungsorganisation Democracy Research Institute (DRI) in der georgischen Hauptstadt Tiflis machen wird, vor allem im Bereich "Menschenrechts-Monitoring im Südkaukasus" aktiv sein. Das kann Wahlbeobachtungen beinhalten oder Forschungen dazu, wie sich die ständige Verschiebung der Demarkationslinie zwischen Georgien und den abtrünnigen Regionen Abchasien und Südossetien seit dem Krieg mit Russland im Jahr 2008 auf das Leben der Bewohner dieser Region auswirkt.

"Georgien befindet sich in einem stetigen Demokratisierungsprozess", sagt Scheipers, der das Land trotz Defiziten im Bereich der Pressefreiheit "auf einem guten Weg" sieht. "Ich glaube, das ist eine gute Vorbereitung auf mein Studium."

Nach langem Warten gab es dann vor ein paar Wochen endlich gute Nachrichten: Zum 1. Oktober wurde die pauschale Reisewarnung durch differenzierte Warnungen für einzelne Länder abgelöst - und endlich konnten Flüge für die Freiwilligen gebucht werden. Doch die Freude währte nicht lange, denn bereits wenige Tage später, am 7. Oktober, wurde Georgien aufgrund der mittlerweile rasant steigenden Infektionszahlen erneut als Risikogebiet eingestuft.

Wegen einer möglichen Infektion macht sich Scheipers wenig Sorgen. "Die Gesundheitsversorgung in Georgien ist super", sagt er. Das Problem ist ein anderes: Normalerweise wird der Freiwilligendienst bis zu 75 Prozent durch das "weltwärts"-Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gefördert - doch nun könnte dieses Geld wegen der Reisewarnung wegfallen.

"Wenn wir jetzt ausreisen, ist das auf eigene Verantwortung und auf eigenes Risiko", sagt Scheipers. "Und bisher ist unklar, ob die Finanzierung steht." Bislang haben die Freiwilligen, die ohnehin aufgerufen waren, Spenden zu sammeln, genug für die ersten drei Monate. "Aber dann geht uns vielleicht das Geld aus", sagt Scheipers. Solange die Finanzierung nicht geklärt ist, gibt es für ihn weiterhin eine große Unsicherheit. Plan B wäre, im November ein Jura-Studium in Gießen zu beginnen, aber eigentlich möchte er unbedingt den Flieger am 5. November nach Tiflis nehmen. "Das ist die letzte Gelegenheit, sonst werde ich nie nach Georgien kommen."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare