Für Jugendliche mit Ausbildungswunsch wird die Suche in diesem Jahr womöglich schwieriger als sonst. SYMBOLFOTO: DPA
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Für Jugendliche mit Ausbildungswunsch wird die Suche in diesem Jahr womöglich schwieriger als sonst. SYMBOLFOTO: DPA

Ausbildungsmarkt

Ausbildungssuche in der Corona-Krise: Schwierige Zeiten für Bewerber

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Viele Firmen sind jetzt im Krisenmodus, trotzdem werden qualifizierte Fachkräfte künftig dringend gebraucht. Droht wegen Corona nun eine Ausbildungsflaute im Kreis Gießen? .

Kurzarbeit, drohende Insolvenzen, Vorboten einer Rezession: Dass die Corona-Situation viele Unternehmen noch lange beschäftigen wird, ist schon jetzt absehbar. Diese Unsicherheit wirkt sich auch auf die Fachkräfte von morgen aus: junge Menschen, die eine betriebliche Ausbildung anstreben.

Droht nun angesichts der angespannten wirtschaftlichen Lage eine Ausbildungsflaute im Kreis Gießen? Langfristig werde es wohl Auswirkungen auf dem Ausbildungsmarkt geben, erwartet Johannes Paul, Sprecher der Arbeitsagentur in Gießen. "Wir hoffen, dass es sich auf dem Niveau des Vorjahres einpendelt. Es wäre schade, wenn wir einen Abbruch erleben, aber davon gehe ich noch nicht aus", so Paul weiter.

Im Laufe der vergangenen Jahre sei die Zahl der gemeldeten Azubi-Stellen gestiegen. andererseits verzeichne man einen Rückgang bei den Bewerbern - auch wegen des demografischen Wandels und dem Wunsch vieler, weiter die Schule zu besuchen. Die Folge: "Jugendliche können sich die Stellen mehr und mehr aussuchen", so Paul.

Unterm Strich kommt es stets darauf an, Bewerber und Unternehmen passend zu vermitteln. Mitunter gelingt das erst im Laufe des Ausbildungsjahres, das formal im Oktober beginnt. Monatlich zählt die Arbeitsagentur, wie viele Ausbildungswillige noch "unversorgt" sind. Demnach waren im April 947 Suchende im Kreis noch immer ohne Azubi-Vertrag, vor einem Jahr waren es 915.

Dieser leichte Anstieg scheint darauf hinzudeuten, dass die "Nachvermittlung" schwieriger geworden ist. Paul betont jedoch, dass gerade unterjährige Zahlen nur bedingt aussagekräftig seien, zumal nicht alle Bewerber mit der Agentur in Kontakt stünden.

Sorge bereitet Paul im Moment eher, dass gewohnte Angebote der Arbeitsagentur nur bedingt greifen: Um Bewerbern Perspektiven für Ausbildungsberufe aufzuzeigen, gehen üblicherweise etliche Berufsberater in die Schulen - gerade jetzt, in der "heißen Phase", sagt Paul. Aufgrund der Schließungen war das zuletzt nicht möglich. Zwar würden auch Live-Beratungen im Internet zurzeit stark nachgefragt, das könne die tief gehende, individuelle Betreuung aber nicht ersetzen. "Das bereitet uns schon ein bisschen Kopfzerbrechen" - gerade mit Blick auf Jugendliche, die im Elternhaus bei der Suche wenig Unterstützung erfahren. Es gelte nun zu vermeiden, "dass jemand durchs Raster fällt", sagt Paul.

Wie schätzen Betriebe die Lage auf dem Ausbildungsmarkt ein? "Der Mangel an Berufsorientierung ist zurzeit in der Tat ein Riesenproblem", sagt Björn Hendrischke, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. Gerade auf die "spätentschlossenen" Bewerber habe man zurzeit "kaum Zugriff".

Dass die Corona-Krise künftig zu einem massiven Einbruch der Ausbildungsbereitschaft von Unternehmen im Kreis führen wird, davon geht aber auch er nicht aus. "Ich denke, dass wir einen leichten Rückgang bei Ausbildungsplätzen haben werden, aber nicht Richtung zehn, 20 Prozent", so Hendrischke. Vielleicht werde manches Unternehmen bei der Ausbildung ein Jahr aussetzen. Aber gerade mit Blick auf den Fachkräftemangel hätten Arbeitgeber ein Interesse daran, die Kapazitäten für Azubi-Plätze nicht zurückzufahren.

Für fundierte Aussagen, wie viele Azubi-Stellen dieses Jahr geschaffen werden, sei es noch zu früh: "So richtig merken wir das erst im August und September, dann kommen die Ausbildungsverträge bei uns rein. Auch jetzt gibt es schon frühe Kandidaten, da sind die Zahlen vergleichbar mit dem Vorjahr. Da höre ich keine Alarmglocken", fasst Hendrischke zusammen.

Auch Arbeitsagentur-Sprecher Paul hält sich mit Prognosen zurück, doch sein Appell ist klar: "Wenn jeder versuchen würde, das Maximum an Ausbildungsplätzen auszureizen, könnte der Fachkräfte-Bedarf besser gedeckt werden."

Gerade Arbeitnehmerverbände unterstreichen zurzeit die Verantwortung der Wirtschaft: "Die Ausbildung im dualen System ist eine gesellschaftliche Aufgabe und auch eine Verpflichtung für die Unternehmen", sagt der DGB-Kreisvorsitzende Klaus Zecher.

Zur Diskussion über den Fachkräftemangel gehöre auch, dass Ausbildungswerkstätten teils reduziert worden seien. Nun sehe er die Gefahr, dass Einschnitte bei qualifizierten Ausbildungen folgen könnten. Etwa dann, wenn in der Krise Azubis stärker in die Produktion eingebunden würden, um Kosten zu senken. Man dürfe nicht nur auf die Zahl der Ausbildungsplätze schauen, so Zecher, sondern auch darauf, dass die Stellen für die Zukunft qualifizieren.

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