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Auf Augenhöhe mit dem Kaiser

  • Gabriele Krämer
    vonGabriele Krämer
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Sie glaubten, ihren Augen nicht zu trauen: In der einstigen römischen Stadt "Germania Magna" in Waldgirmes fanden Archäologen 2009 den lebensgroßen Pferdekopf einer vergoldeten bronzenen Reiterstatue. Weltweit sorgte das für Schlagzeilen - und eine Entwicklung, die bis Mitte 2021 in der Eröffnung eines Besucherzentrums gipfeln wird.

Vom derzeitigen "Feldherrenhügel" aus wird der Blick künftig gen Norden über die 7,7 Hektar große befestigte Anlage schweifen. Die kleine Anhöhe am Rande der Grabungsfläche des Römischen Forum Waldgirmes wird demnächst abgetragen. Sie weicht dem Neubau eines Besucherzentrums mit einer Nutzfläche von rund 200 Quadratmetern.

In einem Brunnen bei Waldgirmes hatten die Forscher im August 2009 in zehn Metern Tiefe den fast vollständig erhaltenen Pferdekopf einer vergoldeten bronzenen Reiterstatue und einen Schuh des Reiters gefunden. Nach ersten Untersuchungen gehören die Fundstücke zu einem Reiterstandbild des Kaisers Augustus, der von 23 vor bis 14 nach Christus regierte (das Foto oben zeigt die im Forum stehende Abbildung). Schon seit 1993 hatten Wissenschaftler die älteste römische Stadtgründung östlich des Rheins erforscht. Doch einen Fund solcher Qualität und Erhaltung hatte es in Deutschland bis dahin nicht gegeben. Die Sensationsentdeckung schrieb inzwischen ihre eigene Geschichte, beschäftigte jahrelang wegen ungeklärter Ansprüche eines Landwirts als Besitzer der Fundfläche die Justiz und mündete schließlich in einen Vergleich am Oberlandesgericht Frankfurt.

Investition von 500 000 Euro

Seit 2018 ist der restaurierte Pferdekopf im Römerkastell Saalburg zu sehen. Eine Replik des 15 Kilo schweren Kopfes wurde an drei Tagen im Juli 2019 ausgestellt - rund 1000 Besucher strömten in die Lahnauhalle in Waldgirmes. In der Folge verdreifachten sich nach Angaben von Vereins-Geschäftsführer Rainer Grabowski die Besucherzahlen am Forum und in der etwa 500 Meter entfernt gelegenen Vereinsgeschäftsstelle. Dort ist nun auch eine neu konzipierte Ausstellung zum Thema "Römisches Leben im antiken Waldgirmes" zu sehen.

Schon lange sind in Lahnau die Pläne für ein Besucherzentrum gereift. "Der Pferdekopf ist auf der Saalburg gut aufgehoben", ist man heute beim 1990 gegründeten Förderverein nicht zuletzt mit Hinweis auf die enormen Sicherheitsmaßnahmen und die damit verbundenen Kosten überzeugt. Selbst die Replik, derzeit in Schloss Biebrich eingelagert, würde mit 40 000 Euro den Kostenrahmen des Vereins sprengen. Fördervereinsvorsitzender Wilfried Peschke unterstreicht: "Ich bin heilfroh, dass wir hier das Original nicht haben. Eine Kopie von der Kopie, die wäre mit rund 20 000 Euro finanzierbar - etwa als 3-D-Druck. Und sie könnte der Mittelpunkt im Besucherzentrum werden". Mit dem Bau am Originalschauplatz zeigen die Lahnauer künftig selbstbewusst Flagge. Paeschke: "Wir wollen uns als Fundort des Pferdekopfes präsentieren".

Die Kosten für das Bauvorhaben sind mit 500 000 Euro veranschlagt, die Finanzierung ist "in trockenen Tüchern". Über LEADER, das Maßnahmenprogramm der Europäischen Union, werden 200 000 Euro abgedeckt (davon kommen 130 000 Euro aus Brüssel, 70 000 Euro übernimmt das Land Hessen). Weitere 200 000 Euro stehen als Zuschuss im Etat der Gemeinde Lahnau, nachdem Vorsitzender Paeschke und seine engagierten Mitstreiter anfänglichen "Gegenströmungen" in der Gemeindevertretung durch konstante Überzeugungsarbeit den sprichwörtlichen Wind aus den Segeln nehmen konnten. Der Lahn-Dill-Kreis bewilligte einen 50 000-Euro-Zuschuss, die gleiche Summe steuert der Förderverein bei.

Die Bauarbeiten beginnen im August. Im Winter folgt die Inneneinrichtung; auch die Geschäftsstelle wird ins Zentrum umziehen. Spätestens Ende Juni 2021 soll der in Massivholzbauweise errichtete Komplex eröffnet werden.

Eine große Panoramafensterfront gibt ab nächstem Sommer den Blick auf das Reiterstandbild frei - Betrachter stehen somit auf Augenhöhe mit dem (fiktiven) Kaiser Augustus. Wenn bis dahin auch noch die aktuell recht kümmerliche Ausschilderung des Forums inner- und überörtlich stimmt, ist der neue touristische Magnet eine runde Sache.

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