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"Becky Sharp": Der Musicalchor Treis unter der Leitung von Daniela Werner (3. v. l.) probt im evangelischen Gemeindehaus.

Vom Aufstieg einer Mörderin

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Eine Frau will nach oben. Doch ihr Aufstieg ist mit Leichen gepflastert. Eine kaltblütige Mörderin ist sie aber nicht. Mit "Becky Sharp - Aufstieg einer Mörderin" feiert der Treiser Musicalchor am 4. Oktober die Premiere seines neuen Stücks.

Ausgerechnet die evangelische Kirchengemeinde Treis würdigt am 4. Oktober den Aufstieg einer Mörderin. Müsste da nicht ein Aufschrei der Empörung durchs Lumdatal gehen? Aller Voraussicht nach wird vielmehr ein Aufschrei der Begeisterung auf die Premiere des neuen Stückes folgen, an dem der Musicalchor Treis mit Daniela Werner seit Oktober vorigen Jahres feilt. Von dem Titel "Becky Sharp - Aufstieg einer Mörderin" haben wohl die wenigsten schon einmal gehört. Die Geschichte spielt im frühen 19. Jahrhundert im vorviktorianischen England und stellt die junge, mittellose Becky aus der Unterschicht in den Mittelpunkt der Handlung.

Die Frau mit Grips und Courage will auf der gesellschaftlichen Leiter nach oben, geht dabei über Leichen. Gleichwohl ist Becky keine kaltblütige Mörderin. Die Opfer haben sich bei ihr so ergeben, sind Kollateralschäden, sodass man sagen könnte, sie handelte aus ihrer Sicht lediglich konsequent.

Treis und seine Musicals sind beständige Garanten für Publikumserfolge. Beim Pressegespräch erwecken die jungen Leute keinesfalls den Eindruck sie würden sich nun auf dem Stapel von Lobeshymnen ausruhen - die bisher durchweg positive Zuschauerreaktion erfolge quasi automatisch. Es scheint, Daniela Werner ist ohne Zweifel die unbestrittene Fachfrau für alles, aber symbolische Tritte in den Hintern braucht sie keine auszuführen.

Frau mit Grips und Courage

Der Musicalchor Treis, aktuell 41 Mitwirkende im Alter von zwölf bis 26 Jahren, davon elf Neulinge, will von alleine gefordert werden. Die Produktion 2019 kommt mit einer ungeheuren Motivationswucht. Ein Jahr Probenarbeit jeweils mittwochs im evangelischen Gemeindehaus. Beim Probenwochenende Anfang Mai in Herbstein fiel plötzlich Schnee und keiner hatte an Winterreifen gedacht. Zum Probenwochenende im August blieb der Chor in Treis. Zwei intensive Ganztagsproben am 20. und 21. September stehen noch bevor - wiederum in Treis. Einige Sängerinnen sind in ihrer Freizeit auch Ballettfeen. Sie haben mit dem jeweiligen Chorensemble zu jedem Lied eine Tanzchoreografie einstudiert. Ein derart bewegtes Musical hat Treis noch nicht gesehen.

Die Musik liefern Daniela Werner, Manfred Klein und Daniel Schulze an drei Keyboards, Gitarrist Frank Warnke, Bassist Peter Herrmann und Schlagzeuger Markus Leukel, der eigens von den Kapverden in die alte Heimat kommen wird. Zur Wochenendprobe im August gab Rolf Bernhardt wertvolle Tipps. Er unterrichtet am Landgraf-Ludwigs-Gymnasium Gießen das Fach Darstellendes Spiel und leitet dort die Theater AG. Bernhardt will zusätzlich am 21. September noch einmal reinschauen. Drei Teilnehmer haben Fechtunterricht bei Sebastian Songin genommen. Auf der Probenbühne im ehemaligen Kaufhof hat der Diplom-Schauspieler den richtigen Umgang mit einem abgestumpften Theatersäbel vermittelt.

"Vanity Fair" als Vorlage

Weil das Stück im frühen 19. Jahrhundert spielt, mussten fast alle Kostüme entworfen und genäht werden. Anni Hillgärtner zog wiederum alle Register ihrer Schneiderkunst. Sie kam zu Anproben ins Gemeindehaus und einige Teilnehmer auch zu ihr nach Hause.

Informationen zum Stück: Der studierte Regisseur Claus Martin schrieb das Werk und komponierte die Musik gleich mit dazu. Als Vorlage diente ihm der Roman "Vanity Fair" von William Thackeray, neben Charles Dickens der berühmteste Autor Englands im 19. Jahrhundert. Vanity Fair ist eines der meistgelesenen Werke der englischsprachigen Literatur. Die deutsche Übersetzung, "Jahrmarkt der Eitelkeit" verfasste Christoph Friedrich Grieb. Das Musical wurde 2009 im münsterländischen Coesfeld uraufgeführt. Martins Lieder nannte bereits das Premierenpublikum wahre Ohrwürmer. Es gibt also nicht einen oder zwei Ohrwürmer, sondern eine Ohrwurmkette.

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