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Zu Ende ist die juristische Aufarbeitung des Gewaltverbrechens in Gonterskirchen auch mit dem zweiten Urteil noch nicht. Einer der Angeklagten des im Juli beendetenVerfahrens hat Revision eingelegt.

Weiteres Urteil im Fall

Gewaltverbrechen in Gonterskirchen: Getötet für 4000 Euro

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Ein 25 Jahre alter Belgier ließ sich im November 2017 anwerben, um im 900-Seelen-Dorf Gonterskirchen Drogen aufzustöbern. Doch die Suche lief aus dem Ruder. Er und seine Komplizen schlugen und traten auf einen Mann ein, bis er starb. Im zweiten Prozess zu dem brutalen Fall wurde nun das Urteil gesprochen.

Am Ende des monatelangen Gerichtsverfahrens fiel ein Satz, dem man nur schwerlich Glauben schenken kann. Die Vorsitzende Richterin schaute zum Angeklagten. Der 25 Jahre alte Mann aus Belgien ist wegen mehrerer brutaler Gewalttaten vorbestraft, unter anderem wegen versuchten Mordes. Verantworten musste er sich nun vor einer Schwurgerichtskammer am Gießener Landgericht, weil er im November 2017 mit Komplizen in Gonterskirchen einen Mann getötet, eine Frau gefesselt und mit Benzin übergossen und dann das Haus in Brand gesteckt hatte. Der Angeklagte sei erst 25 Jahre alt, sagte die Richterin. "Die Entwicklung kann noch umschlagen ins Gute."

Mit dieser Begründung lehnte die Richterin eine von der Staatsanwaltschaft geforderte Sicherungsverwahrung für den Angeklagten ab. Zuvor hatte sie ihn am Freitagmittag indes zu einer Gefängnisstrafe in Höhe von zwölf Jahren und sechs Monaten verurteilt. Es war der zweite Gerichtsprozess zu dem Fall in Gonterskirchen. Bereits im Juli waren fünf Männer zu Strafen zwischen 13 Jahren und sechs Monaten sowie zwei Jahren auf Bewährung verurteilt worden. Der Angeklagte aus Belgien war später als die anderen festgenommen und nach Gießen ausgeliefert worden, dies hatte einen zweiten Prozess erforderlich gemacht.

In der Nacht auf den 29. November 2017 hebelten der Angeklagte und seine Komplizen die Terrassentür eines Hauses am Heiligenstock in Gonterskirchen auf und überwältigten ein Paar. Die Täter schlugen und traten 45 Minuten lang auf den Mann ein, brachen ihm Rippen und den Kehlkopf, bis der 57-Jährige - vorbelastet mit einer Herzerkrankung - tot auf dem Boden lag. Das Opfer war Drogenkurier. Die Täter warfen ihm vor, 100 Kilogramm Marihuana im Wert von 250 000 Euro unterschlagen zu haben. Der 25-jährige Angeklagte hatte sich wenige Tage zuvor für 4000 Euro in Belgien anwerben lassen, um in Laubach das nach einem Drogendeal in Spanien gestohlene Marihuana aufzustöbern.

Das Gericht wertete die Schläge und Tritte gegen den Mann als Körperverletzung und Freiheitsberaubung mit Todesfolge. "Von Anfang an war klar, dass die Männer alles dran setzen würden, um die Drogen zu beschaffen", sagte die Richterin. Eine Absicht, den Mann töten zu wollen, sei nicht nachzuweisen. "Dass er aber sterben könnte, war für den Angeklagten natürlich vorhersehbar."

Dass der Angeklagte und seine Komplizen anschließend die Frau fesselten und dann das Haus anzündeten, sei allerdings versuchter Mord. "Sie sollte als Zeugin ausgeschaltet werden. Man kann kaum glauben, dass sie sich damals retten konnte."

Der Angeklagte kramte nach Verkündung des Urteils ein Taschentuch hervor, trocknete seine Tränen. Wenige Momente später warf er eine Kusshand zu Angehörigen, die auf Besucherbänken Platz genommen hatten. Eine Sicherungsverwahrung lehnte das Gericht auch ab, weil er zwar immer wieder in brutalen Gewalttaten verwickelt und mehrfach vorbestraft sei, ihm aber kein "Hang" zu derartigen Fällen nachzuweisen sei.

Der Angeklagte war während der Tat in Gonterskirchen stark betrunken, hatte Wodka und Whisky getrunken und damals mindestens 1,9 Promille Alkohol im Blut. Seine Schuldfähigkeit sei aber nicht eingeschränkt gewesen, hielt die Richterin fest. Die Kammer ordnete aufgrund des regelmäßigen starken Konsums eine Therapie an.

Die Staatsanwaltschaft hatte eine lebenslange Gefängnisstrafe gefordert. Die Richterin hielt dem Angeklagten indes zugute, dass er die Tat eingeräumt hatte. Er hatte auch gestanden, damals das Feuerzeug gereicht zu haben, um das Haus in Brand zu setzen. Er hatte außerdem Reue gezeigt. "Ich kann nicht glauben, dass ich da mitgemacht habe", sagte er im Gerichtssaal. "Der Gedanke daran tut mir weh." Sein Verteidiger hatte auf acht Jahre und sechs Monate Gefängnis plädiert.

Ein Martyrium erlitt in dieser Nacht die Lebensgefährtin des Getöteten. Gefesselt und geknebelt musste sie im Nebenzimmer mit anhören, wie ihr Mann vor Schmerzen schrie und wimmerte. Trotz Fußfesseln gelangte sie zum einzigen nicht verbarrikadierten Fenster und brüllte um ihr Leben, Nachbarn halfen ihr. Für die Frau sei es eine "schicksalhafte Begegnung" gewesen, sagte die Richterin. Mit Drogengeschäften habe sie nichts zu tun gehabt. Heute ist sie noch immer schwer traumatisiert. Für eine Therapie fehlen der Spanierin allerdings laut Schwurgerichtskammer die finanziellen Mittel. Der Angeklagte versuchte sich im Lauf des Prozesses, bei der Frau zu entschuldigen, bot ihr 4000 Euro an. Die Frau lehnte eine Entschuldigung ab.

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