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Gabriele Christ-Kagoshima am Mizonokuchi-Tempel von Takatsu, einem Stadtteil von Kawasaki. Seit 1992 lebt die ehemalige Grünbergerin in der japanischen 1,5-Millionen-Stadt. FOTO: PM

Gut aufgehoben im "Land des Lächelns"

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Ihre Kindheit und Jugend verbrachte Gabriele Christ-Kagoshima in Grünberg. Sie wohnte in der Neustadt, vis-à-vis vom Geburtshaus Theo Kochs. Bekanntlich der größte Sohn der Kleinstadt, seine Forschungen führten ihn bis an den Amazonas. Christ-Kagoshima hat es ans andere Ende der Welt verschlagen: nach Japan. Acht Stunden früher als in Grünberg wird sie heute das neue Jahr begrüßen. Nur ein Unterschied zu ihrer alten Heimat: Im "Land des Lächelns" ist Silvester eine eher stille Angelegenheit - immer, nicht nur an der Schwelle zu 2020, dem "Jahr der Maus".

Bald drei Jahrzehnte ist es nun her, dass Gabriele Christ-Kagoshima erste Bekanntschaft mit Japan gemacht hat. Mit einem fremden Land, mit einer völlig anderen Kultur. "Als ich im März 1992 für geplante zwei Jahre kam, ahnte ich nicht, dass daraus 27 Jahre und wahrscheinlich noch mehr werden würden", erzählt die heute 69-Jährige.

Als junge Frau hatte Gabriele Christ auf Lehramt studiert, Deutsch und Englisch. Rund zehn Jahre unterrichtete sie an einem Gymnasium in München, hängte danach noch ein Zweitstudium "Deutsch als Fremdsprache" dran und erfuhr dabei, dass die Universität Matsuyama eine Lektorin im Fach Deutsch suchte. Befristet auf zwei Jahre. Ihre Bewerbung hatte Erfolg.

Als sie dann erstmals ihre Füße auf den Boden des asiatischen Inselstaats stellte, so gesteht sie, habe sie nur fünf Wörter Japanisch gesprochen. Angefügt sei: Sie schloss damit zugleich das Kapitel "München" ab.

Allein reiste sie also in besagtes Matsuyama, gelegen auf der südlichsten Insel Japans. Das Wagnis, mit Anfang 40 ein neues Kapitel aufzuschlagen, sollte sich als goldrichtig erweisen. Ihr gefiel das Leben in Japan, und so entschloss sie sich, "noch etwas länger zu bleiben". Sie lernte die Sprache und konnte schon nach anderthalb Monaten allein zu einer Germanistentagung in Tokio fliegen. Was den Entschluss, "etwas länger zu bleiben", doch sehr bestärkt haben dürfte: Auf der Suche nach einer neuen Stelle hielt sie Vorträge auf Fortbildungen für Hochschullehrer und fand dort eine neue Liebe: Shigeo, ein Deutschprofessor.

Als Ausländerin erhielt Gabriele Christ an Hochschulen wie auch am Goethe-Institut nur Zeitverträge, maximal sechs Jahre. Sie musste daher ständig umziehen, um endlich eine Vollzeitstelle zu bekommen. Auf Matsuyama folgten Tokio, Yamagata-Stadt, Kyoto und Sapporo.

14 Jahre pendelte sie jedes zweite Wochenende nach Kawasaki, wo sie mit Shigeo lebte. Aber, so versichert die sympathische Frau mit einem mutmaßlichen Schmunzeln: "Unserer Ehe hat das kaum geschadet - wir hatten uns immer etwas zu erzählen."

Ihr erster Mann war verstorben, und so hatte sie eigentlich gar nicht mehr heiraten wollen. Doch Shigeo überzeugte sie vom Gegenteil. "Nun sind wir schon 25 Jahre verheiratet und führen eine partnerschaftliche Ehe. Trotz kultureller Unterschiede haben wir erstaunlich viele Gemeinsamkeiten." Dass beide Langschläfer sind etwa. Nicht zu vergessen: Von Shigeos Familie wurde die Frau aus dem fernen Deutschland herzlich aufgenommen. "Ich fühle mich bis heute gut aufgehoben."

Was mag sie an ihrer neuen Heimat besonders? Die Zeugnisse einer fremden, reichen Kultur, wozu die schönen Tempel und dazugehörige Feiern wie das "Regenhutfest" in Yamagata zählen. Oder die Landschaft, nicht weit von Kawasaki etwa thront der Fuji. Was man zudem aus TV-Dokus kennt, erstaunt auch die Wahl-Japanerin noch heute: "Trotz totaler Enge bewegen sich täglich Millionen Berufstätige in Tokio in den U-Bahnen oder Bahnhöfen. Alle im gleichen Tempo, keiner rempelt den anderen an, dazu fehlt auch oft der Platz. Das lernt man hier schon im Kindergarten."

Was sie nicht mag: Die Gleichberechtigung von Mann und Frau steht auch in Japan im Gesetz, in der Praxis aber sieht es oft anders aus. "Männer sehen ihre Rolle in der Familie meist nur als Geldverdiener, beteiligen sich weder an der Erziehung der Kinder noch im Haushalt. Mein Mann ist da wohl eine Ausnahme." Bei der Jugend wenigstens scheine sich da einiges zu ändern.

Ebenso auf Missfallen stößt der Mangel an Raum für Individualität und Kreativität. Christ-Kagoshima zitiert ein japanisches Sprichwort: "Der vorstehende Nagel wird eingeschlagen." Was sich auch aufs Bildungssystem übertragen lasse: Der asiatischen Lerntradition gemäß, gebe es Klassen mit bis zu 50 Schülern. "Fragen ist nicht erlaubt, das stört." Gute Schulen und Universitäten seien überdies viel teurer als in Deutschland.

Bei Migranten in Japan, so heiße es, gebe es drei Entwicklungsphasen: Begeisterung, gefolgt von Kritik und schließlich Akzeptanz von Land und Leuten, mit all den guten und schlechten Seiten. Das könne sie bestätigen.

Ihre deutschen Wurzeln kann und will sie nicht verleugnen. Christ-Kagoshima engagiert sich in der deutschen, evangelischen Kreuzkirche in Tokio und in deutschsprachigen Vereinigungen, darunter die Japanische Gesellschaft für Germanistik.

"Ich fühle mich beiden Ländern zugehörig: Dauerhaft wohne ich in Japan und besuche einmal im Jahr meine drei älteren Geschwister sowie Freunde in Deutschland, manchmal auch in Frankreich und England. Das ist gut für mein seelisches Wohlbefinden. Ich zehre immer ein ganzes Jahr davon."

Nur der Handkäs fehlt

Den Wunsch zur Rückkehr nach Deutschland hatte sie übrigens nur einmal: 2011 wollten sie und ihr Mann ein Haus oder eine Wohnung in Norddeutschland kaufen, wo sie ihre Grundschulzeit verbracht hatte. Am Ende wurde es eine Zweitwohnung in Sapporo. Die Menschen, das Essen und Klima aber seien dort zumindest ähnlich. Wesentlicher Grund dafür, dass aus dem Plan nichts wurde: "Sapporo ist näher an Kawasaki." Stimmt, gut 8000 Kilometer näher.

Japan, so sagt die Ruheständlerin, sei ein gutes Land zum Altwerden. Dass seine Bewohner mitunter bis zum 80. oder gar 90. Lebensjahr arbeiteten, merkt sie an dieser Stelle an. Dennoch: Die medizinische Versorgung sei gut, und Senioren würden mit viel Respekt behandelt. Im Alltag erlebe sie die zumeist mit zufriedenen Gesichtern, freundlich, gut gekleidet und körperlich fit. Was auch am gesunden Essen liege. Gibt es diesbezüglich denn gar nichts, was die ehemalige Grimmicherin vermisst? Doch, räumt sie ein: "Handkäs mit Musik und Apfelwein."

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