Kino und Kneipe sind geschlossen. Don’t lose the humour - verliere nicht den Humor, so lautet das Motto der Stunde. FOTO: US
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Kino und Kneipe sind geschlossen. Don’t lose the humour - verliere nicht den Humor, so lautet das Motto der Stunde. FOTO: US

"Auf die Leute in Lich ist Verlass"

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Kino, Kultur, Kneipe: Alle drei Tätigkeitsfelder der Licher Kulturgenossenschaft liegen für unbestimmte Zeit brach. Dass die Verantwortlichen von Vorstand und Aufsichtsrat dennoch nicht mutlos in die Zukunft schauen, liegt an der großen Solidarität der Mitglieder.

Kino, Kultur, Gastronomie - das sind die drei Standbeine der Kulturgenossenschaft Lich. In allen drei Branchen läuft seit Mitte März nichts mehr. Und während im Einzelhandel die ersten Lockerungen greifen, ist hier ein Ende des Lockdown nicht abzusehen. Wie die Genossenschaft die Krise überstehen wird, wissen die Verantwortlichen nicht. "Das hängt davon ab, wie lange die Schließung dauert", sagt Vorstandsmitglied Sabine Wagner. Dass sie und Aufsichtsratsvorsitzender Michael Pieck nicht mutlos in die Zukunft schauen, ist den Mitgliedern zu verdanken.

Sie haben nach einem Aufruf in den vergangenen Wochen zusätzlich Genossenschaftsanteile im Wert von 17 000 Euro gezeichnet. Damit hatte niemand gerechnet. "Ich mache mir jetzt weniger Sorgen als vorher", sagt Pieck. Eines habe die Krise gezeigt: "Auf die Leute in Lich kann man sich verlassen."

Vor gut 20 Jahren ist die Kulturgenossenschaft angetreten, um die kulturellen Aktivitäten rund ums Kino "Traumstern" dauerhaft zu sichern. Zentraler Baustein war dafür der Erwerb der angejahrten Immobilie in der Gießener Straße mit Kino, Kneipe und Hinterhaus. Mit der Stadt Lich wurde dafür 2015 ein über 20 Jahre laufender Mietkaufvertrag vereinbart. Wenn der abgestottert ist, kann die Genossenschaft die Immobilie übernehmen.

Mit den Einnahmen aus Miete und Pacht will die Genossenschaft die laufenden Kosten bestreiten, mit den Einlagen der Mitglieder - aktuell sind es 277 - sollten notwendige Investitionen getätigt werden. So ist der Plan. Wegen mehrerer Pächterwechsel in der Kinokneipe und daraus resultierenden Einnahmeverlusten ließ er sich in der Realität nicht immer eins zu eins umsetzen; Investitionen mussten verschoben werden.

Die Verpachtung der Küche zum 1. Februar war ein verheißungsvoller Neustart. Die spanischen Spezialitäten von Pura Vida kamen gut an. Sechs Wochen später dann der Lockdown. Die Gastronomie musste schließen, auch die gerade erst gestarteten Kulturtage wurden abgebrochen. "Wir waren im Aufwind und sind jäh gestoppt worden", sagt Sabine Wagner. "Das ist bitter." Erste Hilfe leistete die Stadt, die der Genossenschaft die Miete vorerst bis Jahresmitte stundete. "Wir können momentan nicht zahlen", sagt Pieck. Die Genossenschaft bekomme derzeit ja selbst keine Pacht für Küche und Kino, müsse aber die laufenden Kosten weiter aufbringen.

Kopfzerbrechen bereitet den Verantwortlichen auch der Neustart nach der Wiedereröffnung von Kino und Kneipe, wann immer das auch sein mag. Man müsse sich auf strenge Auflagen und geringere Umsätze wegen reduzierter Besucherzahlen einstellen. "Die Fußball-EM als Biergarten-Event fällt auch aus", bedauert Wagner.

Vorstand und Aufsichtsrat arbeiten ehrenamtlich. Aber zählt man die Aushilfen und 450-Euro-Jobs in der Kneipe zusammen, fällt die Kulturgenossenschaft in die Kategorie "Unternehmen mit bis zu fünf Beschäftigten". Für diese gewährt das Land Hessen bei Liquiditätsengpässen Soforthilfen von 10 000 Euro für drei Monate. Noch wissen die Verantwortliche nicht, ob sie diesen Weg gehen können. Als Genossenschaft sei man in einer speziellen Situation, sagt Wagner. Man prüfe, wie die Einlagen der Mitglieder zu bewerten sind und suche nach einem passenden Fördertopf. "Wir wollen einen Antrag stellen. Bis Ende Mai haben wir dafür Zeit", erläutert Wagner. Aber man wolle nichts überstürzen und sich zuvor gut informieren.

Dank der Solidarität der Mitglieder müsse man sich vorerst wegen der laufenden Kosten keine Sorgen machen, sagt Pieck. "Das tut richtig gut." Ein anderes Ding seien die anstehenden Investitionen. "An den Bau eines zweiten Kinosaals ist momentan nicht zu denken." Dabei sei der für das "Traumstern" immens wichtig, um die Anforderungen der Filmverleiher erfüllen zu können. Weitere Mitstreiter sind also herzlich willkommen.

Mitten in der Krise geht der Blick der Verantwortlichen weit voraus, ins Jahr 2035. Dann wird die Genossenschaft Eigentümerin der Immobilie sein. "Fünf Jahre haben wir schon geschafft", sagt Wagner. "Die nächsten 15 schaffen wir auch noch."

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