Kinder spielen in einer Kita mit Bauklötzen.
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Die Kindertagesstätten im Kreisgebiet kehren in den Regelbetrieb zurück. Doch das Personal bleibt knapp.

Wieder im Regelbetrieb

Kitas im Kreis Gießen klagen über Belastung – Nicht nur wegen Corona

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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  • Patrick Dehnhardt
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Während Städte wie Frankfurt mit mehr Lohn locken, finden Kitas im Kreis Gießen nicht genügend Personal. Für Eltern bedeutet das: Wartelisten.

Kreis Gießen – „Wir haben ganz tolle Eltern bei uns«, sagt Anke Stahl. Die Sozialfachfrau im Biebertaler Rathaus kann sich glücklich schätzen, dass die Kindergärten in Regie der Gemeinde bislang gut durch die Pandemie gekommen sind. Auch unter Vorgaben der Notbetreuung konnten die meisten Angebote aufrechterhalten werden, beispielsweise weil sich Eltern in Königsberg die vorhandenen Platz-Kapazitäten geteilt haben. Gleichwohl ist die Situation für die Erzieherinnen – in Biebertal und andernorts – eine Belastung. Sie haben alles zu organisieren, und es wird immer mehr Flexibilität erwartet. Betreuung von 8 bis 12? Lange passé.

Kitas im Kreis Gießen: Erzieherinnen von den vergangenen Monaten erschöpft

Wenn seit letzter Woche mit sinkender Inzidenz Einschränkungen gelockert werden und jetzt auch im Kreis Gießen der eingeschränkte Regelbetrieb wieder anläuft, dann sollen alle Kinder wieder in die Kita gehen dürfen. Doch das wird nicht einfacher. Die Erzieherinnen geben ihr Bestes. Und sind von der Arbeit unter erschwerten Bedingungen in den vergangenen Monaten erschöpft. »Auch der Notbetrieb erfordert den Einsatz aller vorhandenen Kräfte«, sagt Wettenbergs Bürgermeister Thomas Brunner. Er spricht von einer »erhöhten Belastung«. Und die ist nicht weg. Es gelten weiter strenge Hygienevorgaben, es gibt feste Gruppen, keine offenen Konzepte.

Kitas im Kreis Gießen: Betreuungsbedarf steigt

Corona ungeachtet aber steigt die Zahl der Kinder, die einen Platz brauchen. Der Trend zur Betreuung ab dem zweiten oder gar dem ersten Lebensjahr ist ungebrochen. Kommunen kommen kaum nach beim Schaffen von Plätzen. Vielerorts gibt es Wartelisten. Durch das Gute-Kita-Gesetz gelten zudem neue Personalschlüssel. »Überall werden 20 Prozent mehr Stunden geschaffen«, rechnet der Langgönser Bürgermeister Marius Reusch vor. Personal zu finden sei eine »Mammutaufgabe«. Erzieherinnen dürfte es freuen, »befristete Verträge kann man sich gar nicht mehr leisten«, sagt Reusch.

Staufenbergs Bürgermeister Peter Gefeller kennt das Problem. In seiner Stadt gehen derzeit viele Mitarbeiterinnen in Rente. Zudem muss auch er die Personaldecke weiter aufstocken. Aber woher nehmen?

Kitas im Kreis Gießen: Kommunen können mit Frankfurt nicht mithalten

Kann man mit Geld locken? Wenn eine Kommune ihren Kräften höhere Gehälter als andere zahle, sei dies keine Lösung, sagt der Langgönser Reusch. Bereits jetzt stufe die Stadt Frankfurt die Leute in andere Gehaltsklassen ein. »Da hat eine kleine Kommune keine Chance.« Da die Kommunen nach Tarif bezahlen, seien Faktoren wie das Klima in der Einrichtung, die Arbeitsumgebung oder der Anfahrtsweg wichtige Kriterien. Das bestätigt der Licher Rathauschef Julien Neubert. Seine Stadt wirbt mit guten Arbeitsbedingungen und jeder Menge attraktiven Fortbildungsangeboten – und unterstützt sogar bei der Wohnungssuche. Ausschreibungen im Kita-Bereich werden mit Priorität behandelt, so Neubert. Doch auch er beobachtet: Es gibt eine hohe Fluktuation auf dem Markt. Das ist Fluch und Segen zugleich.

Kitas in Staufenberg kosten ein Viertel des Haushalts-Budgets

Auch Gefeller sagt: »Für die zunehmend höheren Anforderungen an den Beruf wäre eine bessere Bezahlung sicher ein Vorteil.« Aber die Kommunen könnten dies keinesfalls leisten. »Sie stehen mit der Finanzierung der Kitas bereits mit dem Rücken an der Wand.« In diesem Jahr, so Gefeller, plant Staufenberg mit 4,215 Millionen Euro Kosten für den Kita-Bereich – rund einem Viertel des gesamten Haushalts. Trotz Elternbeiträgen und Zuschüssen bleibt unterm Strich ein Minus von 2,64 Millionen Euro. Staufenberg trägt also fast zwei Drittel (exakt 62,5 Prozent) der Kosten. Sein Wunsch: Würde dieses Minus auf maximal 50 Prozent der Kostenlast gedeckelt und der Rest von Bund und Land übernommen, hätte die Kommune kaum noch ein Minus. »Überall zeigt sich, dass die Kostenlast im Kita-Bereich die Kommunen nahezu erdrückt.« Dies zwinge zu Einsparungen an anderer Stelle, etwa bei Straßensanierungen.

Kitas im Kreis Gießen: Erzieherinnen gesucht

Auch die Lebenshilfe kennt das Personal-Problem. Der Freie Träger hat Kitas unter anderem in Allendorf, Buseck, Reiskirchen, Pohlheim und Eberstadt. Und muss ebenfalls die Personalstunden nach den KIFÖG-Vorgaben aufstocken. Bereichsleiterin Rebecca Neuburger-Hees verweist auf eine Zahl aus dem Sozialministerium: Demnach müssten 1686 Stellen im Land zusätzlich besetzt werden. »Das heißt, der Fachkräftemarkt ist quasi leergefegt.« Für abgelegenere Standorte Personal zu finden sei schon länger schwierig. Mittlerweile treffe dies aber auch für die Stadt Gießen zu. »Obwohl wir ausschließlich unbefristete Stellen ausschreiben, bekommen wir kaum Bewerbungen, müssen manche Stellen mehrfach ausschreiben.« Eine Stellenreserve aufzubauen, das sei »utopisch«. Im Ausbildungsbereich hingegen ließen sich alle Stellen problemlos besetzen.

»Die Knappheit der Fachkräfte ist nicht unbedingt darauf zurückzuführen, dass es dem Beruf an Attraktivität mangelt, sondern dass der Fachkräftebedarf bundesweit in den letzten Jahren erheblich gestiegen ist«, sagt Neuburger-Hees. In Hessen waren im Jahr 2019 rund 44 Prozent mehr Erzieherinnen beschäftigt als 2010.

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