Kontakt zu seinem leiblichen Vater würde ihm Heilung verschaffen, sagt Torsten Müller. "Ich möchte zur Ruhe kommen."
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Kontakt zu seinem leiblichen Vater würde ihm Heilung verschaffen, sagt Torsten Müller. »Ich möchte zur Ruhe kommen.«

Geständnis der Mutter

„Identität beraubt“: Sohn erfährt nach 43 Jahren von Samenspende – und sucht nun Vater

  • VonStefan Schaal
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Ein Satz von seiner Mutter hat vor fünf Wochen einem 43 Jahre alten Wettenberger den Boden unter den Füßen weggezogen: „Die Wahrheit ist Insemination“. Durch das späte Geständnis, dass sein leiblicher Vater ein anonymer Samenspender war, fühlt er sich seiner Identität beraubt - und sucht nach seinen Wurzeln.

Gießen/Wettenberg - Hundert gerahmte Fotografien hängen an einer Wand im Wohnzimmer Torsten Müllers (Name von der Redaktion geändert ) in Wettenberg. Der 43 Jahre alte Vater dreier Kinder steht davor und blickt auf Porträts von Menschen, die er vor wenigen Tagen noch als seine Großfamilie betrachtet hat. »Das sind zwei Cousins«, sagt er. »Die aber nicht meine Cousins sind.« Mit dem Finger zeigt er auf das Foto eines Mannes. Bis vor kurzem hätte er noch gesagt, dass sein Vater darauf zu sehen ist. Doch die Frage, wer sein tatsächlicher Vater ist, kann Müller plötzlich nicht mehr beantworten. Die Antwort schwebt verborgen wie in einem grauen, dichten Nebelfeld. »An einem Tag habe ich meine Familie väterlicherseits verloren«, sagt er.

Fünf Wochen ist es her, als ein Satz ihm den Boden unter den Füßen wegzieht. Seine Mutter steht Mitte November in Müllers Wohnung in Wettenberg und gesteht ihrem Sohn nach 43 Jahren: »Die Wahrheit ist Insemination.« Sie habe sich im Sommer 1977 mit einer anonymen Samenspende befruchten lassen. Sie und ihr Mann seien damals davon ausgegangen, dass er unfruchtbar war. Müller lässt seinen Blick über die Fotowand schweifen. Er hänge an den Menschen, die auf den Porträts abgebildet sind, sagt er. »Aber ich bin keiner von denen.«

Kreis Gießen: Wettenberger betreibt Ahnenforschung - und findet zufällig seinen Halbbruder

Für Außenstehende möge das schwer zu verstehen sein, räumt Müller ein. »Aber ich fühle mich meiner Identität beraubt.« Jahrzehntelang sei er von seiner Mutter und seinem rechtlichen Vater belogen worden. »Das ist ein massiver Vertrauensbruch.« Voller Unsicherheit, voller Fragen schaue er nun in den Spiegel, »und ich sehe das Fremde«.

Wie es zum Geständnis der Mutter gekommen ist und zur Erkenntnis, dass sein rechtlicher nicht sein leiblicher Vater ist, ist indes unglaublich. Müller betreibt seit vielen Jahren Ahnenforschung. Im Gespräch mit Verwandten und im Internet recherchiert er über seine Großfamilie und zeichnet Stammbäume auf. In einer Online-Plattform namens »MyHeritage« erstellt er Ahnentafeln. Er gibt dort auch eine DNA-Probe ab, mit der sich Verwandtschaften herausfinden lassen.

Ein gutes halbes Jahr vernachlässigt Müller seine Forschung, bis er im vergangenen Monat von den Organisatoren der Plattform eine E-Mail erhält. »Herzlichen Glückwunsch«, heißt es darin. »Wir haben Ihren Halbbruder gefunden.« In ihrer Datenbank gebe es einen Mann, dessen DNA genetisch zu 25 Prozent mit seiner Probe übereinstimme. Aufgrund des Alters müsse es sich um einen Halbbruder handeln. »Irrtum ausgeschlossen.«

Verwirrung, Unruhe und eine seit langem brodelnde Ahnung, dass etwas nicht stimmt, tosen in diesem Moment in Müller. Die Eltern sind geschieden. Er versucht, seinen rechtlichen Vater zu kontaktieren, der aber nicht reagiert. Dann wendet er sich an seine Mutter, stellt sie zur Rede - bis sie schließlich in seiner Wohnung steht und mit der Wahrheit herausrückt.

Kreis Gießen: Mann aus Wettenberg will seinen leiblichen Vater finden

Müller hat über die Stammbaum-Plattform im Internet inzwischen auch den Namen des Mannes herausgefunden, der sein Halbbruder sein soll. In einem Sozialen Netzwerk hat er ein entsprechendes Profil und ein Foto gefunden. Der Mann zwischen 30 und 40 sieht ihm verblüffend wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich. Müller hat ihn angeschrieben, wartet noch auf eine Antwort. »Er ist vielleicht genauso schockiert wie ich.«

Müller sitzt zu Hause am Esstisch der Familie, nippt an einem Kaffee, neben ihm jauchzt und lacht das jüngste seiner drei Kinder. Ein diffuses Gefühl, dass er sich in der Großfamilie seines Vaters wie ein Fremdkörper vorkomme, verspüre er schon seit seiner Kindheit, erzählt er. Auch wegen dieses Gefühls habe er sich vermutlich für Ahnenforschung so sehr interessiert. Seine Eltern haben die Samenspende für sich behalten und niemandem etwas erzählt. Eine enge, liebevolle Beziehung sei zum rechtlichen Vater nie entstanden. Dieser habe immer seinen leiblichen Sohn, Müllers Bruder bevorzugt. Von der Famile seiner Mutter habe er viel mehr Herzlichkeit erhalten, sagt Müller. »Der Mensch spürt die Verwandtschaft«, ist er überzeugt. »Emotion schlägt sich in den Genen nieder.«

Er wolle keineswegs jammern oder Vorwürfe erheben, betont Müller. »Ich schaue nach vorne.« Er will seinen leiblichen Vater finden. »Ich habe keine romantischen Vorstellungen. Ich verspreche mir keine Sohn-Vater-Beziehung.« Er habe kein Interesse an Geld oder ähnlichem. Ziel sei wenigstens ein Gespräch. »Mich interessiert: Wo sind meine Wurzeln? Wo kommen meine Vorfahren her?« Ergebnisoffen hoffe er, seinen Vater, den Samenspender kennenzulernen. »Ich werde ihm keine Vorwürfe machen. Mit geht es darum, dass ich für mich weiß, wer ich bin.«

Kreis Gießen: Keine Unterlagen über anonyme Samenspende in den 70ern

Der Wettenberger hat mit den ersten Recherchen bereits begonnen. Er hat herausgefunden, dass die künstliche Befruchtung im Sommer 1977 ein Gießener Gynäkologe namens Dr. Heinrich Müller, ein Freund der Familie mütterlicherseits, durchgeführt hat, vermutlich in dessen damaliger Praxis in der Neustadt. Organisiert wurde die Samenspende durch den Gießener Hautarzt Dr. Renfer. Beide Ärzte leben heute nicht mehr. »Ich gehe davon aus, dass die damaligen Unterlagen vernichtet worden sind.« Der Umschlag, in dem die Samenspende aufbewahrt war und auf dem wohl der Nachname des Spenders notiert war, dürfte es nicht mehr geben. Müller hofft auf Tipps und Ratschläge auch von Lesern dieser Zeitung, wie er seinen leiblichen Vater finden könnte. »Ich weiß, dass die Aussichten gering sind.«

Wütend ist Müller vor allem auf die Praxis der künstlichen Befruchtung in den 70er Jahren. Seine Eltern mussten sich damals vertraglich verpflichten, dies für immer geheim zu halten. »Das ist menschenfeindlich«, sagt Müller. »Da wird eine Lebenslüge auf dem Rücken der Kinder geschaffen. Die jetzige Verletzung war dadurch programmiert.«

Hoffnung auf Tipps und Hilfe bei der Suche

Seine Erfahrungen tauscht Torsten Müller mit Mitgliedern des Vereins »Spenderkinder« aus. Schätzungsweise gibt es in Deutschland mehr als 100 000 Menschen, deren Vater Samenspender sind. Leser, die Tipps für die Suche nach Müllers leiblichem Vater bieten wollen, können sich wenden an: spenderkind-giessen77@web.de.

Inzwischen haben Kinder ab 16 Jahren das Recht, den Namen ihres Samenspenders zu erfahren. Seit 2018 gibt es ein zentrales Register, in dem die Daten der Spender 110 Jahre lang aufgehoben werden müssen. »Mir bringt das nichts mehr, weil es wohl keine Unterlagen mehr gibt. Da kann man klagen wie man will.«

Müller schaut für einen Augenblick zu seiner Tochter. »Meine Kinder bedeuten mir alles«, sagt er. Er wolle ihnen geben, wonach er sich sehnt, was ihm fehlt. »Ich weiß nichts über meine Herkunft.« Kontakt zu seinem leiblichen Vater würde ihm Heilung verschaffen, sagt er. »Ich möchte zur Ruhe kommen.« (Stefan Schaal)

Susanne Panter hat es zum Beruf gemacht, Personen zu suchen. Sie hat seit über 20 Jahren einen privaten Personensuchdienst und schon mehr als 4000 Menschen gesucht.

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