1. Gießener Allgemeine
  2. Kreis Gießen

Auf den Spuren der Eisensteine

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Rüdiger Soßdorf

Kommentare

so_ida_220122_4c_1
So präsentiert sich heute der Eingang zum ehemaligen Ida-Stollen in Bieber. © Klaus Waldschmidt

Ein paar unspektakuläre Betonpfeiler der einstigen Drahtseilbahn stehen nutzlos am Kehlbach. Der Eingang zum Ida-Stollen ist nur noch Ortskundigen bekannt. Die Bieberlies? Lange Geschichte. Dabei war der Erzbergbau über viele Jahrzehnte prägend in Bieber, Fellingshausen und am Dünsberg.

Im Jahr 1994 wurde am Ortsrand von Bieber der Lokschuppen abgerissen, der über Jahrzehnte der Biebertalbahn diente, im Volksmund »Bieberlies« genannt. Er musste dem Bau von Mehrfamilienhäusern weichen. Seitdem ist nicht mehr allzu viel Offenkundiges zu sehen, das an die einst reiche Bergbau-Tradition im Tal der Bieber und an den Hängen des Dünsbergs erinnert. Wie der Schuppen, so schwanden zuvor die Gleise. Nur noch wenige Ältere haben in Erinnerung, dass diese Schmalspurbahn 1898 in Betrieb genommen wurde, um Eisenerz aus dem Tal zum Bahnhof Abendstern bei Heuchelheim und von da Richtung Wetzlar oder Gießen (und weiter zu den großen Hüttenwerken) zu bringen.

Das Zügelchen beförderte jährlich bis zu 50 000 Tonnen Erz und diente darüber hinaus dem Personenverkehr. Wer etwa in Gießen die weiterführende Schule besuchte, der war auf die Bahn angewiesen. Und umgekehrt bracht die Bieberlies Erholung suchende Städter an den Fuß des Dünsbergs .

Was aber blieb sonst vom Bergbau? Am Kehlbachplatz in Bieber ist eine mit Erzklumpen gefüllte Lore dekorativ platziert. Und vor wenigen Jahren erst ist ein paar Kilometer weiter südlich, nahe der Rodheimer Schmitte, ein Eisenbahn-Waggon aufgestellt worden, der auf die Bieberlies verweist. Solches Engagement ist dem rührigen Heimatverein Rodheim-Bieber um Helmut Failing zu verdanken.

Darüber hinaus ist nicht mehr viel geblieben - obwohl der Bergbau lange prägend war. »Das Erz brachte Brot in die Dörfer«, formulierte es einmal ein Heimatkundiger. Denn der Abbau der eisen- und manganhaltigen Steine gab den Männern vor Ort Arbeit. Ansonsten hätten sie nach Wetzlar oder Gießen fahren (oder laufen) müssen - oder von dem leben, was die kleine Landwirtschaft und im Winter die Arbeit im Wald bot. »Die Stollen sind geschlossen, die Grubengebäude umgewidmet und vielfach umgebaut, die Schmalspurbahn ist längst Geschichte«, resümiert etwa Klaus Waldschmidt aus Bieber. Er hat als freier Journalist über Jahre die Bemühungen der Heimatforscher in seinem Dorf publizistisch begleitet.

Nur noch wenige Relikte

In Waldschmidts Fundus finden sich zahlreiche historische Fotografien vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1960er Jahre hinein. Sie dokumentieren recht anschaulich, was damals bescheidenen Wohlstand in die bäuerlichen Haushalte brachte. Im späten 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörten die Gruben »Meilhardt«, »Eleonore«, »Elisabeth« und »Friedberg« neben anderen kleineren Lagerstätten zu den bedeutenden Bergwerken am Südhang des Dünsbergs. Das hat Tradition: In vorchristlicher Zeit haben wohl schon die Kelten dort Eisenerz geschürft und daraus neben anderem Gerät, Schmuck und Waffen aus Eisen geschmiedet.

1929 wurde beispielsweise in der Grube »Eleonore« in der Gemarkung Fellingshausen die letzte Tonne Brauneisenstein gefördert. Insgesamt wurden dort von 1866 bis 1929 rund 1,7 Millionen Tonnen Brauneisen-Manganerz abgebaut. Eine Menge, die rund 17 000 Erzzügen der Biebertalbahn entspricht, wie Waldschmidt dokumentiert hat.

Er stützt sich dabei auf Aufzeichnungen des Montan-Historikers Dr. Rainer Haus, ebenfalls ein Bieberer, dessen Vater und Großvater dort im Bergbau arbeiteten. Haus, der sich der Montangeschichte seit vielen Jahren intensiv gewidmet hat, hat viele seiner Erkenntnisse zur Bergbauausstellung im Heimatmuseum in Rodheim beigesteuert. Er gilt als einer der profundesten Kenner der Geschichte des heimischen Erzbergbaus.

Im Grubenfeld »Eleonore« befanden sich die qualitativ und quantitativ besten Lagerstätten am Fuße des Dünsberges. 1893 wurde qualitativ besonders hochwertiges »Eleonore-Erz« von der Bieber sogar auf der Weltausstellung in Chicago gezeigt. Heute noch vorhanden ist der Einstieg, das »Mundloch« des seit 1890 von Bieber aus angelegten »Ida-Stollens«. Mehr als 1000 Meter weit reichte der Gang in den Berg.

Ebenso existiert auch noch das einstige Maschinenhaus, in dem eine Dampfmaschine einen Generator antrieb, der das Bergwerk mit Strom versorgte. Mittlerweile ist das Maschinenhaus ein Wohnhaus. Benannt ist der Ida-Stollen übrigens nach der Ehefrau des Unternehmers Karl-Ferdinand Stumm, der das Grubenfeld 1872 übernommen hatte.

Ein weiterer Stollen befindet sich gegenüber dem ehemaligen Parkplatz der Gaststätte »Reehmühle«. Im Zweiten Weltkrieg dienten diese unterirdischen Gänge übrigens als Schutzräume bei Bomben-Angriffen der Alliierten.

Ein weiterer ausgezeichneter Kenner der Historie ist Franz Gareis aus Fellingshausen, Der Obersteiger a. D. und Bergingenieur, heute Mitte 80, hat als junger Mann noch in der Grube »Friedberg« als Bergmann gearbeitet; von 1958 bis zu deren Stilllegung 1961. Die Grube »Friedberg« wurde bereits 1826 erschlossen. Zuletzt wurde Erz noch von einer 130 Meter tief im Berg liegenden Sohle gefördert.

Das Grubensterben nach dem Zweiten Weltkrieg, vor allem in den 1950er Jahren, betraf auch die Förderstätten am Dünsberg und darüber hinaus in der Folge das gesamte Lahn-Dill-Gebiet.

Am Kehlbach nahe Bieber finden sich bis heute Relikte der einstigen Erz-Verladestation. Eine knapp 1000 Meter lange Drahtseilbahn verband die Grube »Friedberg« mit dem Anschlussgleis der Biebertalbahn. Auf den heute noch erkennbaren Betonfundamenten ruhte früher die Holzkonstruktion der Verladestelle. Viel mehr ist nicht geblieben.

Auch interessant

Kommentare