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Auf dem Weg in die Zukunft

  • Philipp Keßler
    VonPhilipp Keßler
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Strom, Wasser, Wärme: Auch mehr als 80 Jahre nach ihrer Gründung sind die Stadtwerke Gießen ein klassischer Nahversorger. Doch sie bieten längst mehr, etwa im Verkehr, der Naherholung oder dem Dienstleistungssektor und engagieren sich für die Region - als Investment in die Zukunft. Denn die könnte alles verändern.

Früher war die Frage einfach zu beantworten, wie Energie und Wärme in Häuser, Wohnungen und Firmen kommt: Der Nahversorger war für alles zuständig - das Netz, die Erzeugung und den Transport, egal ob bei Gas, Wasser oder Strom. Inzwischen sind Märkte liberalisiert und es gibt technisch neue Möglichkeiten. Das verändert das Geschäft von Nahversorgern wie den 1938 gegründeten Stadtwerken Gießen (SWG).

»Wir sind zwar ein Versorger, aber wir verstehen uns auch als Umsorger«, sagt SWG-Vorstand Jens Schmidt. »Wir sind mittlerweile ein ganzheitlicher Energiedienstleister, der vor allem eine anständige Lösung für den Kunden möchte.« Das stieß intern nicht bei jedem von Anfang an auf Gegenliebe: Zum Beispiel könnte man meinen, eine Firma, die Energie verkauft, ist nicht unbedingt daran interessiert, dass der Kunde Energie einspart - und dennoch gehören bei der SWG Energieberater, die genau dabei helfen, längst zum Firmeninventar.

Auch sonst bieten die Stadtwerke Dienstleistungen an, von denen man auf den ersten Blick nicht vermuten würde, dass sie ins Portfolio passen würden. Neben dem bekannten Betrieb der Gießener Stadtbusflotte und der Gießener Bäder fallen darunter etwa das Betreiben eines Krematoriums, der Verleih von Rasenmäherrobotern, die Einrichtung von kostenlosem W-LAN in der Stadt, die Installation von Funknetzwerken für das »Internet der Dinge« oder mit der »E-Revolution« eine ganzheitliche Kundenbetreuung im Bereich elektrischer Mobilität, von der Stromerzeugung über die Speicherung bis zur Nutzung. »Unser Unternehmen ist wie die Region, in der wir zu Hause sind: Wer streut, stürzt nicht«, erklärt Funk die Strategie dahinter. »Wir wollen außerdem an den Punkt kommen, dass die Menschen aus eigenem Antrieb zu uns kommen, weil wir gute Lösungen haben«, sagt er. »Dafür muss man aber bereit sein, jederzeit auch vor seiner eigenen Haustür zu kehren.«

Entsprechend haben die SWG ihre Flotte von knapp 60 Bussen, die pro Jahr rund 2,5 Millionen Kilometer zurücklegen, als einer von nur drei Nahverkehrsbetrieben in Deutschland auf Bio-Methan umgestellt, oder in den vergangenen zwei Jahren mehr als 50 elektrische Fahrzeuge auf die Straße gebracht. Darüber hinaus wird in den Nachwuchs investiert - im eigenen Haus mit Praktika und Berufsausbildungen, aber auch an Universitäten mittels Stipendiaten oder durch Förderung von Forschungsprojekten. »Das verbindet und verwurzelt uns mit und in der Region, es zeichnet uns aus - und wir bekommen immer etwas zurück«, sagt SWG-Vorstand Matthias Funk. Aktuell sind rund 800 Menschen bei den Stadtwerken und ihren Tochtergesellschaften beschäftigt - auch das sei für die Region wichtig.

Gegenseitige Abhängigkeit

Aber: »Die Region ist auch für uns und unser Geschäftsmodell essenziell. Wenn sie hustet, haben wir einen Schnupfen«, erklärt Schmidt. Zur »Gesundheitsvorsorge« zähle neben einer guten Infrastruktur, etwa durch kostenloses W-LAN in der Stadt, oder Hallen- und Freibäder auch die Förderung von Jugendarbeit, etwa durch Sponsoring im Sport. »Es ist ein Kreislauf innerhalb der Region«, sagt Schmidt. »Wir sind nicht die Billigsten und auch kein Unternehmen, dass eine schnelle Mark macht, sondern wir setzen auf Qualität und ein langfristiges Miteinander. Solange das in der Summe honoriert wird, ist alles gut - wenn das nicht mehr der Fall wäre, müssten wir uns ganz schön umstellen.«

Doch es gibt auch äußere Einflüsse, die Nahversorger wie die SWG vor neue Herausforderungen stellen. Die Frage, die den Konzern inzwischen mit am meisten beschäftigt, ist die des Klimawandels und seiner Folgen auf den Energiesektor. Die Liberalisierung des Strom- und Gasmarktes Ende der 1990er Jahre und die verschiedenen Gesetze wie etwa das EEG, das Erneuerbare-Energien-Gesetz, hat zu deutlich mehr Administration geführt, zudem könnten die Menschen mithilfe von Solaranlagen nun auch selbst Strom produzieren und in die Netze speisen, die auf der anderen Seite durch viel mehr Verbraucher, wie etwa mehr digitale Geräte oder Ladesäulen für E-Autos mehr gefordert sind.

»Das Führen eines Stromnetzes wird immer aufwendiger«, erklärt Funk. »Es wird immer schwieriger, die Netze stabil zu halten.« Zudem seien die Netzbetreiber verpflichtet, immer größere Kapazitäten vorzuhalten. Das alles werde durch den Umstieg auf erneuerbare Energien zusätzlich schwieriger, schließlich sind Wind- und Sonnenkraft nicht so zuverlässig zu haben wie Kohle- oder Atomstrom. »Uns sind die Klimaziele selbstverständlich bekannt, uns ist auch bewusst, dass wir noch ein großes Reduktionspotenzial beim Verbrauch haben, aber uns fehlt nach wie vor das Wie von der Politik«, sagt Funk. Denn nur durch Einsparung und das Heben von Potenzialen, etwa der Nutzung von Abwärme bei Firmen wie dem Verlag dieser Zeitung, sei das Problem noch lange nicht gelöst.

Große Aufgaben beim Klimaschutz

Die Fragen, die die Stadtwerke Gießen »im Kleinen« beschäftigen, sind die, die Deutschland und die Welt im Großen umtreiben: Lassen sich große Menge Strom speichern, etwa durch die Herstellung von »grünem Wasserstoff«? Oder sollte für eine Übergangszeit lieber Strom aus dem Ausland importiert werden, der aber nicht unbedingt grün ist? Oder müssen die Menschen lernen, auf gewisse Dinge zu verzichten? »Es gibt noch keine Lösung für die Größenordnungen, über die aktuell geredet wird«, sagt Funk. Gleichzeitig »ist der Zeitplan mehr als ambitioniert«. Die Folge: »Es wird technologisch noch viel passieren müssen, aber da reden wir auch über Geld - und zwar über viel Geld«, sagt Funk. Und es geht um Veränderung - bei den Verbrauchern, in der Politik, aber auch bei den Nahversorgern - oder wie Funk es ausdrückt: »Wir leben eben in einer spannenden Zeit.«

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