Zehntausende Fassenachter sind in den tollen Tagen auf Umzügen und in närrischen Sitzungen unterwegs. FOTO: DPA
+
Zehntausende Fassenachter sind in den tollen Tagen auf Umzügen und in närrischen Sitzungen unterwegs. FOTO: DPA

Karneval

Auch Narren brauchen Nachwuchs

  • vonStefan Schaal
    schließen

Heimischen Karnevalsvereinen fällt es immer schwerer, Prinzenpaare und auch Büttenredner für ihre Prunksitzungen zu finden. Bröckelt die Tradition?

Millionen Mal wird in den kommenden Tagen wieder das "Helau" auf den Straßen im Kreis erklingen, Zehntausende Menschen sind auf Fassenachtsumzügen und in närrischen Sitzungen unterwegs. Doch gleichzeitig stoßen heimische Karnevalsvereine zunehmend auf Schwierigkeiten, wenn sie Freiwillige suchen, die als Prinzenpaar das Dorf repräsentieren. In vielen Gemeinden sterben zudem die Büttenredner aus. Und am Faschingsdienstag bleiben zahlreiche Geschäfte geöffnet. Bröckelt das Brauchtum?

"Party-Charakter spielt größere Rolle"

"Karneval ist weiterhin voll im Trend", widerspricht Thilo Hartz von den Blauen Raben in Londorf. Allerdings beobachte er einen Wandel. "Närrische Sitzungen waren früher gediegener, anspruchsvoller." Politische Büttenreden hätten stärker im Mittelpunkt gestanden. Der Party-Charakter spiele eine immer größere Rolle.

Die Blauen Raben standen im vorigen Jahr nach verzweifelter Suche ohne Prinzenpaar da, in dieser Kampagne haben sie wieder ein erwachsenes und ein Kinderpaar. "Es ist aufwändig, Prinz oder Prinzessin zu sein", sagt Hartz. "Zeitlich und finanziell."

Ein erfahrener Fastnachter aus dem Kreis Gießen berichtet, dass Prinzenpaare auf dem Dorf durchschnittlich rund 2000 Euro aus der eigenen Tasche für Kostüme, Ausstattung und Veranstaltungen im Rahmen der Kampagne zahlen müssen. "In der Stadt ist es das Zehnfache."

Für ein volles Haus bei einer närrischen Sitzung sei für die heimischen Karnevalsvereine vor allem eines wichtig, erklärt Hartz: "Die Leute wollen bekannte Gesichter aus dem Dorf auf der Bühne sehen."

Dass am Faschingsdienstag in Gießen erstmals die meisten Läden geöffnet haben, bedauert Marcus Leopold vom Heuchelheimer Carnevalverein. Allzu große Auswirkungen auf den Umzug in seinem Heimatdorf am Dienstag erwartet er allerdings nicht. "Das sind gesellschaftliche Veränderungen, die man nicht aufhalten kann", sagt er. Geschäfte seien eben kaum noch regional geprägt. "Es sind vor allem Ketten." Um die Fassenacht ist es Leopold überhaupt nicht bange. "Unsere Sitzungen sind voll. Und wenn auf der Bühne eine Büttenrede aus dem Dorf gehalten wird, steht keiner auf dem Tisch und brüllt: "Malle ist nur einmal im Jahr". Da hören alle gebannt zu." Wichtig sei für Fassenachtsvereine, nicht nur in der fünften Jahreszeit Präsenz zu zeigen, sondern ständig - auch auf der Kirmes. Leopold hält fest: "Das Brauchtum lebt."

Besucherzahlen gehen zurück

Wer sich in diesen Tagen auf närrischen Veranstaltungen mit Urgesteinen der Fassenacht unterhält, lauscht Erzählungen, wie vor 20, 30 Jahren die Prunksitzung in so manchem Dorf gleich an zwei Tagen hintereinander - jeweils ausverkauft - stattfand, damit auch jeder dabei sein konnte. Das gibt es heute nurmehr selten. "Die Besucherzahl nimmt durchaus ab", räumt Jörg Buß vom Vorstand der Mollys in Watzenborn-Steinberg ein. "Und natürlich sind kommerzielle Karnevalsveranstaltungen wie in Gießen ein Gegner." Um so wichtiger sei Qualität bei den Darbietungen. "Und die Sitzung muss zum traditionellen dörflichen Charakter des Dorfs passen."

Die Mollys setzen seit diesem Jahr auf einen 20 Jahre alten Sitzungspräsidenten, der beispielsweise mit einem DJ und Partymusik mehr junge Menschen zur Fassenacht locken will. Dass er dabei auf Gegenwehr im Verein stoßen wird, wird sich kaum vermeiden lassen. Man müsse dem Nachwuchs die Chance zur Gestaltung geben, sagt Buß. "Ein Sitzungspräsident, der oben mit der Glocke in der Hand steht - das ist vorbei."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare