Acht Jahre nach dem Fund dreier toter Säuglinge in Langgöns und Gießen ist die Frage "Warum?" bis heute eine von vielen offenen Fragen. ARCHIVFOTO: AGE
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Acht Jahre nach dem Fund dreier toter Säuglinge in Langgöns und Gießen ist die Frage "Warum?" bis heute eine von vielen offenen Fragen. ARCHIVFOTO: AGE

Leichenfundort Camping-Box

Auch acht Jahre nach dem Fund von drei Babyleichen in Langgöns sind viele Fragen offen

  • vonStefan Schaal
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Der Fund dreier Babyleichen in Camping-Boxen in Langgöns und Gießen wühlte im April 2012 eine ganze Region auf. Ein Ermittlungsverfahren wurde ein Jahr später eingestellt, doch Fragen bleiben bis heute.

Ein schmales Brett aus Holz ist vor der Haustür in Lang-Göns abgelegt, es ist ein Morgen im April 2012. In Kerzengläsern tänzeln drei kleine Flammen. Sie flackern symbolisch für drei tote Kinder. In roter Farbe steht auf dem Brett ein Wort geschrieben: "Warum?" Mehr als acht Jahre später steht diese Frage noch immer im Raum, sie quält und schmerzt. Die Frage bleibt unbeantwortet.

Ein schrecklicher Fund wühlt 2012 die Region auf. Beim Ausräumen einer aufgelösten Wohnung entdecken Angehörige der Mieterin im Keller zwei verweste Babyleichen. Sie liegen in verschlossenen Camping-Kühlboxen. Die Angehörigen verständigen die Polizei, Ermittler durchsuchen daraufhin eine Garage in der Gießener Weststadt, die von der damals wegen Betrugs im Gefängnis sitzenden Mieterin genutzt wurde. Sie finden in einer weiteren Kühlbox die dritte Leiche eines Babys.

Gerichtsmediziner muss Geschlecht feststellen

Die Säuglinge sind schon so lange tot und verwest, dass die Ermittler zunächst nicht ihr Geschlecht feststellen können. Erst Gerichtsmediziner finden heraus, dass es sich um zwei Jungen und ein Mädchen handelt, geboren in den Jahren 2006, 2007 und 2008.

Der Verdacht fällt auf die damals 40 Jahre alte Mieterin der Wohnung in Lang-Göns, die Mutter der toten Säuglinge. Ein knappes Jahr nach dem Fund allerdings stellt die Staatsanwaltschaft Gießen das Verfahren ein. Nach aufwändigen gerichtsmedizinischen Untersuchungen, so erklärt eine Sprecherin, könne man nicht klären, ob die Babys damals tot oder lebend geboren wurden oder unmittelbar nach der Geburt eines natürlichen oder gewaltsamen Todes starben. Für eine Anklage gegen die Mutter fehle ein "hinreichender Tatverdacht".

Die Mutter muss kurz darauf dennoch wieder ins Gefängnis. Weil sie wegen der toten Babys einen falschen Verdacht auf ihren Ex-Mann gelenkt hat, verurteilt ein Schöffengericht des Gießener Landgerichts die damalige Mutter von sechs lebenden Kindern zu zwei Jahren und drei Monaten Haft.

Experte: Drei Totgeburten "höchst unwahrscheinlich"

Wer den Fall vor acht Jahren verfolgt hat, den beschäftigen viele Fragen noch heute. Wie kann es sein, dass niemand in ihrem Umfeld, kein Nachbar und nicht einmal der Ex-Mann, die damaligen Schwangerschaften mit drei Kindern bemerkt haben will? Warum hat sie niemand darauf angesprochen? Und warum bewahrte die Mutter die Leichen in Camping-Kühlboxen auf? Aus welchem Grund verheimlichte sie die Todesfälle, waren es wirklich drei Totgeburten, wie sie erklärte?

Drei Totgeburten seien "höchst unwahrscheinlich", erklärt Professor Michael Soyka, Psychiater sowie Experte und Gutachter vor Gericht in mehreren Fällen der Kindstötung. Eine extreme Art der Verdrängung spiele oft eine Rolle. Derartige Fälle seien schwer zu verstehen, räumt er im Gespräch mit dieser Zeitung ein. Aber es komme vor, dass Frauen ihre Schwangerschaft verdrängen. "Und dann wird vielleicht auch die nächste verborgen." "Die Frau sei dann nicht vorbereitet, freue sich außerdem nicht auf das Kind. "Dann kann es nach der Geburt zu Panik und zu Kurzschlusshandlungen kommen."

Dass dem Umfeld eine Schwangerschaft nicht auffalle, sei nicht vorstellbar, betont Soyka. Auf die Frage, wie es zum Tod von Babys kommen kann, ohne dass Angehörige oder Menschen auf dem Dorf die Schwangerschaft mitbekommen, erklärt er: "Ich habe in mehreren Fällen eine Kultur des Verdrängens und des Wegsehens beobachtet."

Bundesweit werden jährlich 50 Kindstötungen entdeckt

Er habe in seiner Tätigkeit Familien kennengelernt, in denen die Angehörigen sehen, dass die Tochter schwanger ist, sie aber nicht darauf ansprechen. "In solchen Familien herrscht eine Kommunikationsstörung." In der Anonymität der Stadt sei das Wegsehen von Nachbarn und Bekannten verstärkt zu beobachten. "Auf dem Dorf ist die soziale Kontrolle eigentlich größer."

Bundesweit werden jedes Jahr 50 Kindstötungen entdeckt. "Vor 200 Jahren waren die Zuchthäuser noch voll mit ledigen Müttern, die ihre Kinder getötet haben", sagt Soyka. Kindstötungen seien in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Täterinnen seien in Einzelfällen psychisch kranke Mütter. "Auch Versündigungsideen können eine Rolle spielen." Dies sei aber eher selten. Häufiger seien soziale Motive ausschlaggebend. "Die Mutter kommt nicht mit der Schwangerschaft zurecht, der Vater des Kindes hat sie verlassen", sie fühle sich einsam und hilflos. Männer seien bei Kindstötungen äußerst selten die Täter, berichtet Soyka aus der Erfahrung der von ihm untersuchten Fälle. "Bei Neugeborenen praktisch nicht."

Über die Frage, warum tote Säuglinge wie beispielsweise in Lang-Göns aufbewahrt werden, darüber könne man nur spekulieren. "Ob sie die Kinder aufgrund von Schuldgefühlen in der Nähe behält? Oder die Frau ist so überfordert, dass sie nicht weiß, wohin mit den toten Körpern."

Psychologe: Oft spiele "emotionale Wiedergutmachung" eine Rolle

Vor acht Jahren, als der Fall in Lang-Göns zahlreiche Menschen berührte, haben sich mehrere Juristen, Psychologen, Gutachter und Ärzte gegenüber dieser Zeitung geäußert. Nach Einschätzung von Gynäkologen seien drei Totgeburten zwar selten, aber zumindest nicht unmöglich, erklärte beispielsweise der damalige Vorsitzende des Berufsverbands der Frauenärzte in Hessen, Klaus König. Ungeborene könnten im Mutterleib unter anderem an Mangelernährung sterben, wenn die Plazenta nicht ausreichend versorgt wird, sagte er. Eine Ursache dafür könne zum Beispiel sehr starkes Rauchen sein, auch Nabelschnurknoten könnten zum Tod von Ungeborenen führen.

Dass Kindstötungen noch vorkommen, sei "erschreckend", erklärte unterdessen der Kriminalpsychologe Rudolf Egg. Für Frauen, die ungewollt schwanger werden und ein Kind nicht behalten wollen, gebe es genug andere Möglichkeiten wie Abtreibung, Babyklappen oder die Freigabe zur Adoption. Bei Mehrfachtötungen stecke meist ein festes Handlungsmuster dahinter. Wenn Mütter die toten Babys aufbewahrten, spiele oft "eine emotionale Wiedergutmachung" eine Rolle. "Die Frauen tun so, als könnten sie das Kind wieder aufwecken." Grundsätzlich versage bei ihnen der Mutter-Instinkt.

Niederschmetternd ist im April 2013 ein Jahr nach der Entdeckung der toten Säuglinge in Langgöns bis heute die Erklärung der Ermittler, man müsse das Verfahren einstellen und man könne nur eine Ordnungswidrigkeit feststellen. Die Aufbewahrung der Leichen sei verboten, erklärt damals eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Eine Strafe könne man allerdings nicht aussprechen, fügt sie hinzu. Dafür seien die Todesfälle der Babys bereits verjährt. Acht Jahre nach dem schrecklichen Fund ist "Warum?" nur eine von vielen Fragen, die offen und unbeantwortet bleiben.

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