Der Soziologe Kai Empacher ist seit März Demografiebeauftragter beim Landkreis Gießen. FOTO: SCHEPP
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Der Soziologe Kai Empacher ist seit März Demografiebeauftragter beim Landkreis Gießen. FOTO: SCHEPP

"Armut prägt das Leben der Betroffenen"

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Zahlen sind sein Alltag: Kai Empacher hat als Kreis-Demografiebeauftragter die Nachfolge von Julien Neubert angetreten, der nun Licher Bürgermeister ist. Im Interview spricht der Soziologe über verschiedene Gesichter von Armut, Grenzen der Statistik und mögliche Corona-Auswirkungen auf die Geburtenrate im Kreis.

Herr Empacher, der Armutsbericht ist Ihr erstes großes Projekt. Was genau ist für Sie Armut?

Es gibt verschiedene Aspekte: Etwa Zugänge zu Bildung oder Digitalisierung, obwohl man das vielleicht nicht direkt damit verbinden würde. Gerade wenn Kinder wie zuletzt nicht am Regelunterricht teilnehmen können, sind sie darauf angewiesen, dass es zu Hause eine vernünftige Internetverbindung und einen Laptop gibt. Da merkt man, welchen Einfluss materielle Armut haben kann. Es geht aber auch um Möglichkeiten der Teilhabe. Man kann Armut natürlich auch an Zahlen festmachen: Ab einem gewissen Einkommen sprechen wir von einer Armutsgefährdung - für Singles etwa 1100 Euro netto im Monat, das gibt das statistische Bundesamt für Hessen an. Aber das trifft nicht alles, sonst müsste ich ja keine Indikatoren auswählen.

Gibt es regionale Unterschiede?

Ich habe in Bayern gearbeitet, da war man stolz auf zwei Prozent Arbeitslosigkeit im ganzen Landkreis. Ich habe in NRW gearbeitet, wo man stolz war, wenn ein Quartier "nur" zwölf Prozent Arbeitslosigkeit hatte. Das ist relativ. Was das aber alles verbindet, ist, dass Armut das Leben der Betroffenen prägt - und eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verhindert. Es gibt Studien, die sagen, dass Armut auch die Gesundheit beeinträchtigt.

Und wie ist der Stand beim Kreis-Armutsbericht?

Der Armutsbericht schließt an das bereits vorhandene Demografiemonitoring des Landkreises an und soll einen Überblick über Bedarfe und Handlungsschwerpunkte ermöglichen. Wir haben uns auf bestimmte Indikatoren geeinigt, in Abstimmung und in einem fachlichen Austausch mit vielen Kollegen trage ich die entsprechenden Daten zusammen. Das Sozialamt hat zum Beispiel eine Perspektive auf Armut, das Jugendamt oder die Arbeitsagentur jeweils eine andere. Wenn man Armut umfänglich beschreiben möchte, ist es wichtig, alle diese Perspektiven aufzunehmen. Diesen Austausch möchte ich abbilden, damit es der Realität nahekommt. Es soll kein Werk sein, über das Praktiker dann sagen: ›Das widerspricht massiv meiner Wahrnehmung im Umgang mit Betroffenen.‹

Es ist also noch zu früh, um zu sagen, wo im Landkreis Menschen in welchem Ausmaß von Armut betroffen sind?

So weit sind wir noch nicht. Natürlich habe ich überschlagsartig geschaut, was an Daten zugänglich ist - zum Beispiel Zahlen der Arbeitsagentur. Wenn ich jetzt ein Monitoring starte und regelmäßig veröffentliche, dann beginnt die Arbeit eigentlich erst.

Wann werden Sie erste Erkenntnisse vorstellen?

Innerhalb der Sommerferien werde ich versuchen, die ersten Ergebnisse zu finalisieren und vorzulegen, sodass wir danach auch die Kreisgremien darüber informieren können, wie der weitere Fahrplan ist. In der Herbstrunde der Gremien soll es dann voraussichtlich inhaltlich thematisiert werden.

Die Prognosen für die Bevölkerungsentwicklung hat Ihr Vorgänger bis auf Ortsteile heruntergebrochen. Planen Sie das auch für den Armutsbericht?

Im Bereich Bildung wird das zum Beispiel weniger aufschlussreich sein - und aufgrund des Datenschutzes und der Anonymisierung wahrscheinlich auch nicht möglich. Wir müssen schauen: Wie tief kann man gehen, sodass es Erkenntnisse bringt - und ab wann wird es einfach Erbsenzählerei?

Haben Sie ein Beispiel?

Wo wäre zum Beispiel der Erkenntnisgewinn, wenn wir wissen, dass in einem Ort zwei Menschen die Schule nicht geschafft haben? Da ist die Kreis-Zahl und ihre Entwicklung über die Jahre viel interessanter.

Sie beschäftigen sich viel mit Zahlen. Welche Rolle spielt in Ihrem Job der unmittelbare Eindruck vor Ort?

Es ist unabdingbar, beides miteinander verbinden zu können. Eine Zahl ist eine Zahl - aber sie drückt nicht aus, wie Menschen sich verhalten. Als Soziologe kann ich Verhalten - so gut das die Soziologie kann - empirisch messen. Aber es ist trotzdem etwas anderes, Menschen vor Ort zu begegnen, mit ihnen in Dialog zu treten und auch ein Gefühl für die Kommune oder den Ortsteil zu entwickeln. Gerade in der Anfangszeit war das durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie natürlich schwierig.

Was macht die Stelle als Demografiebeauftragter attraktiv für Sie?

Ausschlaggebend dafür, dass ich gerade hierhergekommen bin, ist erst einmal meine Partnerin: Sie stammt aus Marburg und fühlt sich der Region immer noch verbunden. Wir sind im Februar Eltern geworden, da ist es natürlich schön, dass die Familie wieder etwas näher dran ist.

Sehr verständlich. Und aus fachlicher Sicht?

Als ich mich entschieden habe, Soziologie zu studieren, ging es mir nicht darum, viel Statistik zu betreiben - dann hätte ich Mathematik studiert. Es ging mir darum, etwas zu gestalten oder zumindest Vorschläge dafür zu machen. Und ich habe hier keine gesetzliche Vorgabe wie etwa bei Jugendhilfeplänen. Es geht darum, was sinnvoll für den Kreis und die Menschen ist und wie ich das im Rahmen meiner Möglichkeiten unterstützen kann. Diese Stelle bietet eine Verbindung von Theorie und Praxis.

In Sachen Bevölkerungsentwicklung können Sie auf Vorarbeit zurückgreifen. Gibt es Punkte, wo man nachschärfen muss, weil sich Prognosen nicht bestätigt haben?

Der 2018 vorgelegte Demografiebericht wurde auf Basis eines Rückblicks von 2012 bis 2016 erstellt. Er ist allerdings Teil eines fortlaufenden Monitorings, daher sind die getroffenen Prognosen bereits auch schon auf ihre Plausibilität abgeglichen worden. Eine Prognose ist immer eine rechnerische Annahme, wo man sagt: Wenn das so eintrifft, sind wir 2030 an diesem Punkt. Es kann vorkommen, dass sich etwas anders entwickelt - wenn etwa eine Kommune ein Neubaugebiet auflegt. Durch die ersten Überprüfungen ist auch deutlich geworden, dass es Gemeinden gibt, die sich im Vergleich zur Prognose schon jetzt überdurchschnittlich entwickelt haben.

Vor allem die Nachbarkommunen Gießens verzeichnen hohen Zuzug. Aber die insgesamt gute Prognose für den Kreis gilt so nicht für alle Kommunen. Gerade im Nord- und Ostkreis gibt es Kommunen und einzelne Ortsteile, für die ein Rückgang erwartet wird. Welche Möglichkeiten sehen Sie, damit Orte nicht langfristig abgehängt werden?

Die Frage ist, zu welchem Zeitpunkt Menschen abwandern. Nehmen wir die Bildungswanderung, also die Migration von Menschen während ihrer Ausbildung: Jede Kommune im Kreis kann sich anstrengen wie sie will - sie wird nie so eine Anziehungskraft haben wie Gießen. Hier sind Uni, THM, Berufsschulen. Dass 18- bis 24-Jährige dann nach Gießen ziehen, ist naheliegend. Wo Menschen sich niederlassen, ist aber auch eine Frage der Infrastruktur. Wenn man nun über die Reaktivierung von Horlofftalbahn und Lumdatalbahn neue Infrastruktur und schnelle Verkehrsanbindungen auch zu Hochschulen schafft, könnte das eine völlig neue Entwicklung zur Folge haben. Darum ist es sinnvoll, aufzuzeigen, in welchem Alter und warum Menschen wohin ziehen, um das analytisch an die Politik weiterzugeben, damit bestimmte Maßnahmen ergriffen werden.

Für die demografische Entwicklung spielen viele Faktoren eine Rolle. Gibt es einen Aspekt, den Sie weiter herausarbeiten möchten?

Ein wichtiger Schnittpunkt zwischen dem Demografiebericht und dem Thema Armut ist die Gruppe der Kinder bis sechs Jahre. Gerade für Frauen ist die Betreuungssituation für eine berufliche Tätigkeit mit entscheidend. Und auch wenn wir über Altersarmut sprechen, betrifft das vornehmlich Frauen. Im Kreis Gießen ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs für Frauen im Vergleich zu Nachbarlandkreisen eher gering. Dafür gibt es sicher verschiedene Gründe. Selbst wenn Betreuungsplätze ausreichend vorhanden sind, stellt sich etwa die Frage: Passen die auch zur Arbeitszeit? Ein Beispiel: Meine Partnerin ist gelernte Altenpflegerin - da hilft es nicht, wenn eine Kita nur bis 14 Uhr offen ist und sie Spätschicht hat.

Aktuell stellt sich natürlich die Frage: Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die Bevölkerungsstruktur aus?

Erfreulicherweise hat der Kreis wegen Corona keine erhöhte Sterblichkeit aufzuweisen, das ist in anderen Kreisen teils anders. Ob der Lockdown auch Auswirkungen auf die Geburtenrate hat, werden wir nächstes Jahr sehen.

Was erwarten Sie da?

Neben Arbeitslosigkeit ist die Anzahl an Kindern nach der Bertelsmann-Studie 2018 das größte Armutsrisiko. Das ist schade für die Gesellschaft. Aber ich glaube kaum, dass jetzt merkbar mehr Kinder geboren werden; dass man von einem neuen Trend sprechen könnte. Aber vielleicht kommt das auch darauf an, ob es noch weitere Lockdowns gibt.

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