Manche Spuren werden erst in einem anderen Licht sichtbar. Dafür nutzt Joachim Kuczera ein sogenanntes Streiflicht. FOTOS: KGE
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Manche Spuren werden erst in einem anderen Licht sichtbar. Dafür nutzt Joachim Kuczera ein sogenanntes Streiflicht. FOTOS: KGE

Mord verjährt nicht

So arbeiten Spurensicherer

  • vonKatharina Gerung
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Wenn im Kreis Gießen Verbrechen aufgeklärt werden müssen, ist Joachim Kuczera zur Stelle. In unserer Serie "Mord verjährt nicht" gibt er Einblick in seinen Job als Spurensicherer.

Joachim Kuczera läuft Schweiß von der Stirn. Kleine Perlen, die feine Linien entlang des Halses ziehen. Es ist heiß, weit über 20 Grad. Sommerwetter. Zeit für kurze Hosen, luftige Shirts und offene Schuhe. Kuczera dagegen ist eingepackt. Von Kopf bis Fuß in einen weißen Einweganzug, wie eine Raupe in einem Kokon: Kapuze, Atemschutzmaske, grüne Gummihandschuhe - er fühlt nur Plastik auf der Haut. Die unauffällige Brise an diesem Tag nützt ihm kaum. Nichts dringt durch den Anzug. Weder hinein, noch hinaus.

In seinem Fall ist das so gewollt. Kuczera ist Kriminalhauptkommissar beim Erkennungsdienst, besser bekannt als Spurensicherung. Er arbeitet an Tatorten überall im Kreis Gießen. Damit er sie nicht selbst verunreinigt, trägt er die Montur. Für den Fall, dass es doch passiert, ist seine DNA hinterlegt, doch besser, sie wird nicht gebraucht. "Das ist nicht wie im Fernsehen", sagt er und schmunzelt. Eine braune Locke blitzt unter seiner Kapuze hervor - er streicht sie zurück.

Mit prüfendem Blick mustern er und ein Kollege den heutigen Tatort. Autoeinbruch. Jetzt muss genau geplant werden, denn bei jedem der nachfolgenden Schritte können die beiden den Tatort verändern. "Von außen nach innen", sagt Kuczera. So gehen sie für gewöhnlich vor. Heißt: Zunächst wird eine 360-Grad-Aufnahme vom Tatort gemacht - "den Tatort einfrieren", nennt es Kuczera.

Manchmal kämen auch Drohnen zum Einsatz. Bei "höherwertigen" Verbrechen etwa, bei Mord oder Totschlag. Mit der Aufnahme können sich die Spurensicherer und Ermittler später noch einmal gedanklich an den Tatort zurückversetzen. So wie er war, bevor mit der Arbeit begonnen wurde. "Manchmal entgeht einem etwas."

Alles kann ein Hinweis sein. Jedes noch so kleine Detail eine Spur zum Täter. Kuczera und Kollege wissen schon, wo sie suchen müssen, bevor sie überhaupt angefangen haben. Vor ihrem inneren Auge läuft ein Film ab: Hier hat der Täter gewartet, hier hat er zugeschlagen, in diese Richtung ist er geflüchtet. "Man bekommt ein Gespür dafür", sagt der Spurensicherer. Er zeigt auf ein paar Zigarettenstummel am Boden - auch vermeintlicher Müll kann DNA des Täters enthalten.

Kuczera geht vorsichtig um das Auto und deutet stumm auf die Scheibe der Beifahrertür. Er schirmt seine Augen mit den Händen ab und beugt sich nach vorn. Demonstriert, wie der Täter seine Beute ausgemacht haben muss. "Typisch für Gelegenheitsdiebe", sagt der Kommissar. "Sie sehen etwas Wertvolles und schlagen spontan zu." Handschuhe tragen sie dabei selten, dafür hinterlassen sie Spuren: Hautschuppen, Fingerabdrücke, Schweiß, Talg, Fasern.

Kuczera packt jetzt ein sogenanntes Streiflicht aus und stellt es auf den Hallenboden. In einem sehr flachen Winkel fällt kaltes, helles Licht auf den Beton und macht sichtbar, was dem Auge vorher verborgen blieb. Feine Linien und Kreise, das staubige Muster einer Schuhsohle. Kuczeras Kollege legt einen Maßstab neben die Spur, alles wird genau dokumentiert und fotografiert. Erst dann wird der Abdruck mit einer Gelfolie abgenommen und verewigt.

Kuczera schwitzt immer noch. "Im Sommer ist es besonders schlimm", sagt er. "Da schüttet man quasi nur noch oben rein und schwitzt alles wieder aus." Bis zu vier Stunden ist er bei einem Einsatz unter der Schicht aus Plastik. Manchmal, gesteht er, trägt er darunter nur Unterwäsche. In krassem Kontrast dazu erzählt er von Einsätzen im Winter. Bei eisigen Temperaturen im Vogelsberg, mitten im Schnee. "Es gibt viele Extreme", sagt er und meint damit nicht nur das Wetter.

Kuczera und Kollegen werden täglich zu einem Einsatz gerufen. Meistens sind es Einbrüche, aber manchmal auch Verbrechen der "hochwertigen" Sorte. "Der krasseste Fall?", Kuczera muss nicht lange überlegen: "Mucuk 2016." Damals wurde der Boss der Gießener Hells Angels, Aygün Mucuk, erschossen. "Mehrere Schüsse." Der Spurensicherer schüttelt in Erinnerung daran immer noch ungläubig den Kopf. "Ja, das war krass. Das war eine Hinrichtung."

Es sind Fälle wie dieser, die scheinbar besonderen Reiz für Spurensicherer wie ihn haben. So, als ob es nach etlichen 200-Teile-Puzzles plötzlich eines mit 1000 gäbe. Als Kuczera erklärt, wie etwa eine Hautschuppe zur Festnahme im Fall des ermordeten Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke führte, kommt er fast ins Schwärmen. Nicht, weil ihm das Verbrechen an sich Spaß machen würde, sondern weil er sich als Teil einer Aufklärungsreihe sieht, an dessen Anfang er und seine Kollegen stehen.

Spurensicherer brauchen ein dickes Fell. Kuczera erzählt dann von einem Tatort, an dem die Leiche eines Babys gefunden wurde. Eine Obduktion stand an, und für ihn war es damals der erste Fall dieser Art: "Man sieht dieses kleine, tote Würmchen vor sich - in diesem Moment merkt man, muss man entscheiden: Kann ich das?" Er konnte.

An jenem Tag hätte er einen Schalter bei sich entdeckt, den er bei der Arbeit umlegen kann. "Man sieht dann nicht mehr den toten Menschen, sondern den Träger einer Spur", sagt er. Das müsse man so machen, sonst nehme man den Fall mit nach Hause. Mit zu seiner Familie. Mit zu den eigenen kleinen Kindern. Sein Kollege schüttelt fast unmerklich den Kopf. "Chapeau!", sagt er leise.

Bei Gewaltverbrechen greifen die Spurensicherer auf andere Techniken zurück. Dann wird gemeinsam mit Gerichtsmedizinern oder Kriminalbiologen gearbeitet. Nach Blutspuren gesucht und nach Teilen, die einmal zu einem Menschen gehört haben. Bei solchen Fällen wird an Leichen und um sie herum gearbeitet. Bei Einbruchsfällen ist das in der Regel nicht nötig. Auch heute nicht.

Mit sicheren, routinierten Handgriffen lässt Kuczera einen Pinsel über die Autoscheibe am Tatort gleiten, Einstaubverfahren wird diese Technik genannt. Der Ruß an den feinen Pinselhaaren macht die Abdrücke zweier Handkanten und mehrerer Fingerspitzen deutlich. Kleine Partikel, haftengeblieben in menschlichen Substanzen. Wieder wird alles dokumentiert und fotografiert.

Fingerabdrücke sind nicht ewig haltbar. Äußere Einflüsse tragen zu ihrem Verschwinden bei, die Beschaffenheit der Oberflächen und der natürliche Verdunstungsprozess. Mehr Verlass ist auf DNA, sagt Kuczera. Zu finden in allem, was der Mensch absondert. Blut, Sperma, Speichel aber auch in Hautzellen oder Haarwurzeln.

Auch nach Jahren können Spezialisten wie Kuczera so noch Spuren an einem Tatort finden. Nach DNA wird auch bei Einbrüchen gesucht. Außerdem nach Fasern oder Rückständen eines Einbruchswerkzeugs. Auch feine Metallspäne einer Feile können einen Täter überführen, erklärt der Hauptkommissar.

Der Tatort ist erst dann für weitere Ermittlungen freigegeben, wenn die Spurensicherer dort fertig mit ihrer Arbeit sind. Die Ergebnisse der Spuren heute würden die Ermittler in die Irre führen, denn sie wurden von Kuczera und seinem Kollegen inszeniert, um zu verdeutlichen, wie sie an Tatorten arbeiten.

Ansonsten gilt: Die Ergebnisse der Spuren entscheiden noch nicht zwingend, ob ein Täter schuldig ist. Sie werden lediglich als Indizien gewertet, die durch weitere Indizien ergänzt werden müssen. Wie ein Puzzle, bei dem nach und nach alle Teile zusammengefügt werden. Kuczera grinst und sagt: "Und wir präsentieren sie im Optimalfall auf dem Silbertablett."

Der Weg zur Spurensicherung

Die Spurensicherung gehört zur Kriminaltechnik. Für Kriminaltechniker gibt es keine Ausbildung im klassischen Sinne. Möglich ist zum einen der Einstieg über den Polizeidienst: Nach ein paar Jahren Berufserfahrung und entsprechenden Fortbildungen ist ein interner Wechsel möglich - so hat es auch Joachim Kuczera (Foto) gemacht. Zum anderen ist ein Quereinstieg möglich, dabei wird jedoch eine entsprechende Fachkenntnis gefordert. Etwa ein Abschluss als Chemielaborant, Elektroniker oder IT-Spezialist. Auch ein Studium in Fächern wie Chemie, Physik, Biologie, Rechtsmedizin oder Informatik schafft eine gute Grundlage. Entsprechende Fortbildungen finden unter anderem in Lich statt, dort gibt es für angehende Spurensicherer eine sogenannte "Tatortstraße", die sie durchlaufen müssen.

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