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Nachfahren von Emma Bellof, darunter ihre Ur-Ur-Ur-Enkelin sowie zahlreiche Bürger nehmen an der Feierstunde mit Verlegung des Stolpersteins in Vetzberg teil.

»Appell an unsere Verantwortung«

  • Rüdiger Soßdorf
    VonRüdiger Soßdorf
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In Rodheim und in Vetzberg sind jetzt die ersten beiden Stolpersteine verlegt worden, um an zwei Frauen zu erinnern, die von den Nazis ermordet wurden. Nur ein erster Schritt. Die Biebertaler werden sich zudem zu einer »Charta der Vielfalt, der Demokratie und des Gemeinsinns« bekennen, die erarbeitet worden ist.

Ortstermin gestern um 11.30 Uhr in der Fellingshäuser Straße 20 in Rodheim: Gunter Demnig rollt mit einem roten Kastenwagen vor, holt sein Werkzeug aus dem Laderaum, zudem einen Pflasterstein mit einer Messingplakette. Keine zehn Minuten später ist der Stein im Gehweg vor dem Haus eingesetzt, in dem Wilhelmine Bechlinger bis 1943 lebte. Gut 15 Minuten später das gleiche Bild vor dem Anwesen Burgstraße 39 in Vetzberg: Der Künstler setzt einen Stein zur Erinnerung an Emma Bellof, die dort bis 1941 wohnte. Damit sind in Biebertal die ersten beiden Stolpersteine verlegt worden.

Seit gut 15 Jahren ist Gunter Demnig unterwegs, hat mittlerweile in fast ganz Europa rund 80 000 Steine in Straßen, Plätze und Gehwege eingelassen. Die Idee der Stolpersteine: eine Diskussion anstoßen, um Biografien aufzuarbeiten und den Opfern der Naziherrschaft ein Denkmal zu setzen. »Überall in Europa, wo SS, Gestapo oder Wehrmacht in der Nazizeit ihr Unwesen getrieben haben, sollen Stolpersteine auftauchen«, sagt Demnig gestern in Vetzberg. Für ihn ist es zur Lebensaufgabe geworden, diese Erinnerungsmarken dort zu verlegen, wo der letzte frei gewählte Wohnsitz von Menschen war, die von den Nazis vertrieben, verhaftet, deportiert oder getötet wurden. Ein Stolperstein trägt jeweils Namen, Geburts- und Todesdatum sowie den Ort, an dem der Mensch zu Tode gebracht wurde.

So wie für Emma Bellof, Jahrgang 1875, die am 3. Februar 1941 ermordet wurde und für Wilhelmine Bechlinger, geboren 1908, die am 18. Oktober 1944 umgebracht wurde. Beide Frauen starben in Hadamar. Von Januar bis August 1941 war Hadamar eine von sechs »Euthanasie«-Tötungsanstalten der »Aktion T4«. Patienten wurden dort in eine Gaskammer geschickt, die Leichname anschließend eingeäschert. Später, bis 1945 wurden Patienten dort durch überdosierte Medikamente, gezielte Mangelernährung oder unterlassene medizinische Versorgung getötet.

Bei den Recherchen zu den Opfern hat sich unter anderem der Heimatverein Rodheim-Bieber engagiert eingebracht. Die örtliche SPD hat 2019 die Initiative ergriffen und diese Form des Erinnerns politisch auf den Weg gebracht. Vertreter aller Biebertaler Parteien waren gestern in Vetzberg zugegen, auch die Bundestagsabgeordnete Dagmar Schmidt und Landrätin Anita Schneider nahmen an der Gedenkstunde teil.

Für Biebertal sind die Gedenksteine ein erster Schritt. Schon in wenigen Tagen soll darüber hinaus eine »Charta der Vielfalt, der Demokratie und des Gemeinsinns« verabschiedet werden. Damit will sich die Gemeinde ausdrücklich zu Grundwerten wie Toleranz und Respekt bekennen, zu einem Handeln in Verantwortung füreinander. Das soll, so die Idee von Bürgermeisterin Patricia Ortmann und Parlamentsvorsteherin Elke Lepper, nicht nur von der Politik beschlossen werden: Vielmehr werden alle Bürger gebeten, diese Charta zu unterzeichnen. Dazu wird sie in allen Dörfern der Gemeinde ausgelegt. »Lassen Sie uns aufstehen und Gesicht zeigen gegen das Vergessen«, appelliert Ortmann an die Biebertaler. Die Landrätin ergänzt: »Die Stolpersteine dienen nicht nur dem Erinnern - sie sind zugleich ein Appell an unsere Verantwortung für niemals endende Aufklärungsarbeit«.

Was war das Schicksal der beiden Frauen, für die die Steine gesetzt wurden? Wilhelmine Bechlinger, eine Tante des späteren Bürgermeisters Helmut Bechlinger, soll bereits als junge Frau an einem Nervenleiden gelitten haben. Sie hatte nach der Volksschule im damaligen »Konsum« in der Rodheimer Kirchstraße gelernt, später in Klein-Linden und im Kaufhaus Kerber in Gießen gearbeitet, bevor sie ihr Weg nach Meppen ins Emsland führte.

Später kehrte sie nach Rodheim zurück, blieb unverheiratet und wohnte im Haus der Eltern. Sie war auf Medikamente angewiesen, die aber nach Kriegsbeginn nicht mehr so wie benötigt zur Verfügung gestanden haben sollen. 1943 wurde die junge Frau in die damals sogenannte Landesheilanstalt Weilmünster eingewiesen, im August 1944 nach Hadamar verlegt und starb dort im Oktober 1944 vorgeblich an »Herzschwäche«.

Emma Bellof wurde in die Heilanstalt Herborn eingewiesen, ab 1941 eine sogenannte »Zwischenanstalt« für die Tötungsanstalt Hadamar. Sie wurde am 24. Januar 1941 nach Hadamar verlegt und starb dort am gleichen Tag.

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