Max Fornfeist steht just an der Stelle, an der das Foto der einmarschierenden Soldaten am 28. März 1945 in Heuchelheim aufgenommen wurde. FOTOS: PRIVAT, KULTURRING
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Max Fornfeist steht just an der Stelle, an der das Foto der einmarschierenden Soldaten am 28. März 1945 in Heuchelheim aufgenommen wurde. FOTOS: PRIVAT, KULTURRING

Apfelsinen und Maisbrei

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Die ersten Orangen und ein US-Soldat mit Gewehr während des Konfirma- tionsgottesdienstes in der Martinskirche. Es waren bewegte Zeiten, als sich Angehörige der US-Army und der Militärverwaltung im April 1945 in Heuchelheim einquartierten.

Als Heuchelheimer habe es ihn interessiert, an welcher Stelle sich die amerikanischen GI’s wohl befanden, erzählt Max Fornfeist. "Es kann sich nur um die heutige Marktstraße handeln, nämlich die Ortseinfahrt aus Richtung Atzbach kommend. Den Giebel eines im Hintergrund befindlichen Hauses gibt es heute noch." Fornfeist jedenfalls ist fasziniert: "Spannend - Zeitgeschichte bei mir zu Hause", sagt der 24-Jährige über das Foto, das US-Soldaten am 28. März 1945 beim Einmarsch in Heuchelheim zeigt. Die Mauer rechts der Soldaten ist die des damaligen Heuchelheimer Friedhofes, heute eine Grünanlage und ob ihrer Vergangenheit im Volksmund "Knochenpark" genannt.

Vor 75 Jahren markierte diese Stelle die Heuchelheimer Ortsgrenze, heute ist die Gemeinde um einen guten Kilometer Richtung Westen gewachsen. "Und wohin schweift der Blick der beiden Soldaten? Wohl in die darunterliegenden Lahnwiesen in Richtung des südlich gelegenen Dutenhofen", ist sich Fornfeist sicher. Als am Vormittag des 28. März 1945 die amerikanischen Truppen von Atzbach kommend in Heuchelheim einmarschierten und dann weiter nach Gießen zogen, war für das Dorf und seine Bürger der Krieg vorbei. Es begann eine neue, das Dorf lange prägende Phase.

Die US-Besatzer setzten den bisherigen Bürgermeister Friedrich Karl Rinn ab. Als neuer Bürgermeister wurde kommissarisch der Bauunternehmer Ludwig Schneider eingesetzt. Rinn notiert in der Heuchelheimer Chronik: Die Bevölkerung wurde auf das Kreuz zusammengerufen und ihr die von der Besatzungsmacht bestimmten Verhaltensmaßregeln verlesen. Die Be-völkerung musste alle Hieb-, Stich- und Schusswaffen, Fotoapparate und Ferngläser im Rathaus abliefern. Es gab Ausgangssperren: Von abends 19 Uhr bis morgens 6 Uhr durfte niemand das Haus verlassen.

Da Gießen einschließlich des Flughafens infolge zum größten amerikanischen Nachschubdepot ausgebaut wurde, bedurfte es Wohnraum für die Offiziere und Angehörigen der Militärverwaltung.

Auch in Heuchelheim, das vom Krieg wenig zerstört war, wurden Wohnungen beschlagnahmt: "34 der neuesten und schönsten Häuser", schrieb der abgesetzte Bürgermeister Rinn nieder. Und notiert im Weiteren: "Die Häuser mussten von ihren Bewohnern geräumt werden, die dann meist bei Verwandten eine beengte Unterkunft fanden." Die Aufzeichnungen Rinns, die in der Dorfchronik überliefert sind, lassen zugleich Frustration durchscheinen: "Die neuen Bewohner der geräumten Häuser fuhren mit ihren Frauen in Luxusautos vor. Sie konnten sich deutsche Kindermädchen und Hausbedienstete leisten. Oft war ein großes Haus von nur zwei Personen bewohnt."

Die letzten dieser Häuser wurden erst zehn Jahre später (1955) wieder freigegeben, weiß Werner Rinn vom Kulturring Heuchelheim, der aktuell ebenfalls an die Ereignisse vom Frühjahr 1945 erinnert.

Die 2011 verstorbene Gisela Kraft-Schneider (Jahrgang 1934) schrieb in einem Beitrag zum Buch "Als Amerika nach Gießen kam": "Für den Kontakt und die Kooperation mit der amerikanischen Militär- regierung hatte mein Onkel (besagter Bauunternehmer und Bürgermeister Schneider) sich den 16-jährigen Schüler Hans Kreiling zur Hilfe genommen. Hans hatte in der Schule bereits so viel Englisch gelernt, um dolmetschen zu können. Unter den Kindern verbreitete sich rasch: Die mögen Kinder und verteilen ›oranges‹ und Schokolade. Unter ›oranges‹ konnte ich mir überhaupt nichts vorstellen und war ziemlich überrascht, dass damit Apfelsinen gemeint waren, die wir nur von Abbildungen kannten. Dankbar aufgenommen haben wir Schulkinder die warmen Mahlzeiten der Schulspeisung: Haferschleim, Maisbrei usw., die die Amerikaner aufgrund des hiesigen Ernährungsnotstandes veranlassten."

Elli Rinn (Jahrgang 1931) erinnert sich derweil an ihre Konfirmationszeit im Frühjahr 1945: "Es war einige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner. Wegen der Gefahr durch Tiefflieger fand die Vorstellung unseres Konfirmandenjahrganges bereits früh morgens um 6 Uhr in der damals noch alten Martinskirche statt. Trotzdem kam es auf dem Nachhauseweg der Gottesdienstbesucher zu einem Tieffliegerangriff, sodass die Fußgänger in Höfen Schutz suchen mussten. Während der dann nach dem Einmarsch der Amerikaner durchgeführten Konfirmation erschien während des Einsegnungsgottesdienstes ein amerikanischer Soldat und spazierte mit präsentiertem Gewehr durch die Kirche".

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