Problem

Die Anzahl der Nichtschwimmer steigt

  • VonChristina Jung
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Nicht mehr lange und in Freibädern und an Badessen tummeln sich die Wasserratten. Doch Vorsicht: Jeder Zweite kann heute nicht mehr sicher schwimmen.

Blauer Himmel, Sonnenschein. Temperaturen über 20 Grad – Tendenz steigend. Der Frühling nimmt seinen gewohnten Lauf, die Freibadsaison steht vor der Tür. Aber wie ist es eigentlich um die Schwimmfähigkeit der Kinder hierzulande bestellt? Nicht gut, wenn man der DLRG glauben darf.

Der Anteil der Nichtschwimmer und unsicheren Schwimmer beläuft sich laut einer forsa-Umfrage aus 2017 auf 52 Prozent, bei den Zehnjährigen sind es sogar fast 60. Und das bekommen vor allem die Sportlehrer an den Grundschulen zu spüren.

Ihre Pflicht ist es, möglichst allen Kindern bis zum Ende des vierten Schuljahres die notwendigen Fertigkeiten zu vermitteln, damit diese eine Strecke von 50 Metern bewältigen können. Angesichts fehlender Voraussetzungen, ist das aber gar nicht so einfach.

Wir haben im Schwimmunterricht immer häufiger mit Kindern zu tun, die noch nie in ihrem Leben ein Hallen- oder Freibad besucht haben

Schulleiter Jürgen Vesely

»Wir haben im Schwimmunterricht immer häufiger mit Kindern zu tun, die noch nie in ihrem Leben ein Hallen- oder Freibad besucht haben«, sagt Jürgen Vesely, Leiter der Erich-Kästner-Schule in Lich.

Waren es vor zehn Jahren noch zwei bis drei Nichtschwimmer pro Klasse, sind es heute sieben oder acht. Für die Schule bedeutet das einen höheren Personalaufwand, da nicht nur zwischen Schwimmern und Nichtschwimmern differenziert werden muss, sondern sich die Lehrkräfte in einer Schüler-Gruppe erstmal ausschließlich mit dem Thema Wassergewöhnung beschäftigen müssen.

Kinder mit Migrationshintergrund

Ähnliche Beobachtungen machen auch Lehrer an anderen Schulen. Beispielsweise in Langgöns. »Die Anzahl der Schüler, die nicht schwimmen können, ist gestiegen«, bestätigt Konrektorin Inga Kotulla. Selbst an der weiterführenden Gesamtschule Hungen waren im vergangenen Jahr rund zehn Prozent der Fünftklässler absolute Nichtschwimmer.

Überwiegend handele es sich bei ihnen um Kinder mit Migrationshintergrund, sagt Schulleiter Manfred Lamotte, was von Kollegen anderer Schulen bestätigt wird. Der Grund dafür ist klar: In den Herkunftsländern dieser Mädchen und Jungen fehlt es oft an einer Bäderkultur, Schwimmunterricht findet gar nicht statt. Auch ihre Eltern können sich nicht über Wasser halten.

DLRG sieht Entwicklung mit Sorge

Bei der DLRG beobachtet man die Entwicklungen mit Sorge. Christian Momberger, stellvertretender Beauftragter für Öffentlichkeitsarbeit beim DLRG-Bezirk Gießen-Wetterau-Vogelsberg, macht dafür verschiedene Ursachen aus.

Zum einen habe sich das Freizeitverhalten verändert, da die Auswahl an Angeboten viel größer ist. Angesichts der vielerorts gestiegenen Eintrittspreise sei ein Schwimmbadbesuch auch nicht mehr für alle Familien erschwinglich.

Zu wenig Bäder?

Zum anderen verfüge nicht jeder mehr über ein Bad in unmittelbarer Nähe. Die Einrichtungen in Heuchelheim und Grünberg wurden geschlossen, die in Buseck und Lich sind nur noch für Vereinsmitglieder zugänglich. Den Anfahrtsweg nähmen offenbar immer weniger Eltern auf sich, egal ob zwecks Schwimmkurs oder Freizeitspaß.

Dass es heute weniger Bäder gibt als früher, hat laut Momberger noch einen weiteren Nachteil: Mehr Menschen müssen sich die selben Schwimmzeiten teilen, was Auswirkungen auf Vereins- und Kursangebote mit sich bringt.

Im vergangenen Herbst beispielsweise waren bei der DLRG-Kreisgruppe Gießen nach gut zwei Stunden alle Plätze für Schwimmanfänger belegt. Mehr Kurse kann der Verein nicht anbieten, weil es ihm an ausreichend Schwimmzeiten fehlt. Momberger: »Die Schließungen der Bäder sind ein sehr großes Problem.«

Auf den Schwimmunterricht, der gesetzlich vorgeschrieben ist und in der Regel im dritten oder vierten Schuljahr beginnt, habe das keine Auswirkung, heißt es seitens des Landkreises, der als Schulträger verantwortlich ist.

An allen Schulen gebe es ein entsprechendes Angebot, teilt Kreis-Pressesprecher Kays Al-Khanak auf GAZ-Anfrage mit. Probleme aufgrund fehlender Bäder vor Ort gebe es keine. Kinder aus Heuchelheim beispielsweise fahren seit der Schließung nach Biebertal, die Grünberger nach Laubach und Mücke.

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