jwr_Lucas_Richter29_1307_4c_2
+
Lucas Richter, hier neben dem »Bärtze« am Allendorfer Heimatmuseum, ist für die Gemeinwesenarbeit in vier Kommunen zuständig.

Anlaufstelle für fast alle Fälle

  • Jonas Wissner
    VonJonas Wissner
    schließen

Lucas Richter will als Gemeinwesenarbeiter in Allendorf (Lumda), Rabenau, Reiskirchen und Staufenberg die Gemeinschaft stärken und Einzelne durch Beratung unterstützen. Er ist Ansprechpartner für verschiendeste Anliegen - und hofft, dass das Angebot künftig noch stärker genutzt wird.

Ein so gemütliches Büro können sich viele nur wünschen. Lucas Richter sitzt im urigen Keller unterhalb des Allendorfer Heimatmuseums auf einem einladenden Sofa und geht sein Mailpostfach durch. Seit Oktober ist er als Gemeinwesenarbeiter bei ZAUG beschäftigt, betreut nun vier Kommunen, unter anderem Allendorf (Lumda), wo er seit Frühjahr regelmäßig im Museumskeller präsent ist und Beratung anbietet.

Was genau ist seine Aufgabe? »Das Ziel ist, die Lebensqualität vor Ort für alle Menschen zu verbessern«, fasst Richter zusammen. Ein reichlich abstrakt klingendes Ziel. Doch wenn der 32-Jährige Beispiele für Anliegen von Menschen nennt, die sich ratsuchend an ihn wenden, wird klar, wie breit die Palette ist: Er hilft Vereinen bei Förderanträgen, ist für die Belange von Senioren da, bietet Arbeitssuchenden Unterstützung bei Bewerbungsschreiben, betreut Geflüchtete, die in Gemeinschaftsunterkünften leben, wenn sie sich im Dschungel der Bürokratie verirrt haben oder auf Wohnungssuche sind, zeigt ihnen Angebote für Sprachförderung auf. »Ich bin Ansprechpartner für alle - unabhängig von Herkuft, Kultur oder mit welchen Belangen. Es geht darum, Menschen zuzuhören und zu unterstützen, ohne zu sagen: Wir wissen alles besser.«

Neben gezielter Beratung Einzelner will er auch dazu beitragen, die Gemeinschaft zu stärken - mal kleinteilig, mal ein ganzes Dorf betreffend. »In Londorf kam neulich ein älterer Mann, der umziehen musste und nun in einem völlig unbekannten Umfeld wohnt.« In solchen Fällen gehe es darum, »ehrenamtliche Nachbarschaftshilfe aufzubauen«. Wenn in Treis nun in der alten Genossenschaftshalle ein echter Treffpunkt entstehen soll, will Richter auch diesen Prozess begleiten. Und am Freitag bringt er junge Leute aus dem Lumdatal zu einem Fußballturnier für Geflüchtete in Staufenberg. Auf Dauer möchte er weitere Projekte anschieben oder sich daran beteiligen, etwa zur Geschichte des jüdischen Glaubens in Allendorf. Auch Extremismusprävention ist für ihn ein Thema.

Nicht immer kann der Gemeinwesenarbeiter bei Anfragen direkt weiterhelfen, doch in vielen Fällen kann er Ratsuchende an andere Stellen vermitteln. »Es gibt immer einen Weg, den man über das Netzwerk findet.« Wenn er Einzelne unterstütze, könne davon auch eine Kommune insgesamt profitieren - etwa dann, wenn Geflüchtete Teil der lokalen Gemeinschaft werden. »Da geht es auch um kulturelle Vielfalt, zum Beispiel als Input für das Nikelsmarkt-Programm. Und wenn man sich die Geschichte Allendorfs anschaut - da gab es immer Migration und Zuzug.«

Gerade in Allendorf kann von reißendem Andrang während der Sprechzeiten im Museumskeller noch keine Rede sein. Über Presse, Internet und die örtlichen Mitteilungsblättchen wird immer wieder auf die Gemeinwesenarbeit hingewiesen, aber noch hat sich das Angebot anscheinend längst nicht überall herumgesprochen. Woran liegt das? Richter nimmt nicht an, dass es in Allendorf an Bedarf mangelt. »Es muss sich vielleicht noch mehr einspielen, bis die Menschen wissen, was wir machen und dass wir vor Ort für sie da sind.«

Mitunter spüre er eine Hemmschwelle, sagt Richter. »Bei Gesprächen habe ich schon Reaktionen bekommen wie: ›Sie kommen hierher und wollen uns was erzählen - Sie haben doch keine Ahnung, wie es auf dem Dorf läuft!‹« Und vielleicht spiele auch eine Rolle, dass er erst Anfang 30 ist. Richter versucht, auch über Mundpropaganda die Gemeinwesenarbeit bekannter zu machen. »Es geht auch darum, Vertrauen aufzubauen, gemeinsam und bedarfsgerecht zu schauen: Wo brennt’s gerade?«

Mitunter komme ihm auch sein Studium bei der Arbeit zugute: »Soziologen können Strukturen erkennen und Handlungsoptionen ableiten«, etwa durch Netzwerke oder neue Beteiligungsformate. Nicht zuletzt habe ein halbjähriger Aufenthalt in Südafrika während des Studiums seinen Blick auf soziale Ungleichheit geschärft. »Spätestens wenn man mal zwei Wochen in einer Blechhütte verbracht hat, weiß man, dass man hier in Deutschland ziemlich privilegiert ist.«

Erfahrungen aus der eigenen Jugend helfen dem Gemeinwesenarbeiter, die Situation in den Kommunen besser zu erfassen. Richter ist 2011 zum Studium nach Gießen gekommen, doch ursprünglich ist er eine Junge vom Dorf. Er stammt aus einem Ort mit etwa 1000 Einwohnern im Sauerland, engagierte sich dort unter anderem als Fußball-Schiedsrichter. »Ich war auch mal ein Vereinsmeier und habe gesehen, was daraus entsteht, wenn etwa Nachwuchs in Vereinen fehlt.« Es gelte, auch neue Inititativen zu unterstützen, »damit Orte lebenswert sind«.

Nun sind neue Kontakte für ihn das A und O. Er braucht sie auch, um die Bedarfe in den Orten besser kennenzulernen. »Von Anfang an war ich im Austausch mit der Kommune, dem Bürgermeister und engagierten Menschen.«

Der Standort der Beratung in Allendorf - relativ zentral, aber nicht in unmittelbarer Nachbarschaft der Verwaltung - sei bewusst gewählt: »Die Idee ist schon, räumlich nicht direkt an die Verwaltung angebunden zu sein«, denn dies könnte laut Richter für manche eine weitere Hemmschwelle bedeuten. Ihm gefällt sein Allendorfer Büro, mitten im etwas verschlafenen Altstadtkern. »Man kann sich hier locker hinsetzen, und es ist ein Ort, der für Allendorf steht.« Nun hofft er, dass auf Dauer noch mehr Allendorfer den Weg zu ihm finden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare