Die Praxen sind derzeit deutlich leerer als sonst. Menschen mit schweren Erkrankungen trauen sich nicht zum Arzt - aus Sorge, mit Corona infiziert zu werden.
+
Die Praxen sind derzeit deutlich leerer als sonst. Menschen mit schweren Erkrankungen trauen sich nicht zum Arzt - aus Sorge, mit Corona infiziert zu werden.

Aus den Arztpraxen

Die Angst vor dem Wartezimmer: Besondere Zeit für Ärzte im Kreis Gießen

  • vonStefan Schaal
    schließen

Hausärzte im Kreis Gießen warnen davor, dass sich Patienten aus Angst vor einer Infektion mit Corona nicht mehr in die Praxen trauen. Und sie stellen die Frage, warum in Arztpraxen keine Maskenpflicht gilt.

Gießen (srs). Das Coronavirus überschattet alles. Wie sehr die Pandemie für Verunsicherung und Angst sorgt, davon erzählen mehrere Hausärzte im Kreis. Sie berichten von Arbeitgebern, die die ärztliche Schweigepflicht missachten. Von Patienten, die in Praxen Desinfektionsmittel klauen. Und von Menschen mit schweren Erkrankungen, die sich aus Sorge, im Wartezimmer mit Corona infiziert zu werden, nicht zum Arzt trauen.

Es klopft an der Fensterscheibe von Dr. Ulrich Bayer. Der Wißmarer Hausarzt öffnet das Fenster seines Sprechzimmers und reicht einer Frau einen Zettel nach draußen. Es ist eine Überweisung zum Corona-Testcenter in Gießen. Die Frau klagt über Husten. Sie arbeitet in der Pflege und ist Asthma-Patientin, damit gehört sie zur sogenannten Risikogruppe und muss einen Abstrich vornehmen.

Belastende Zeiten

Es sind außergewöhnliche, verrückte und bisweilen belastende Zeiten für Ärzte im Gießener Land, auch wenn die Praxen momentan deutlich leerer sind als sonst. Die Angst von Patienten, sich im Wartezimmer mit Corona anzustecken, sei unbegründet, betonen die Mediziner. Patienten, die über Symptome wie Husten oder Halsschmerzen klagen, würden streng von den anderen Besuchern der Praxis getrennt, es werde auf strenge Vorkehrungen zur Hygiene geachtet, Termine gebe es nur noch mit telefonischer Voranmeldung. "In einer gut organisierten Praxis sollte das Ansteckungsrisiko nicht höher als beim Einkauf im Supermarkt liegen", sagt der Lollarer Arzt Dr. Bernd Maykemper.

Wenn Angst Leben gefährdet

Die Angst gefährde Leben, betont Thilo Schwandner, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie an der Licher Asklepios-Klinik.

Er berichtet von einem Patienten mit hohem Fieber und Blut im Stuhl, der sich wochenlang aus Angst vor einer Corona-Infektion nicht getraut habe, das Krankenhaus aufzusuchen. "Nun steht die Diagnose fest: Es ist Krebs."

Man nehme die Coronapandemie sehr ernst, betont Schwandner. Doch er äußert auch eine Befürchtung: "Am Ende sterben mehr Menschen an anderen Erkrankungen wie Herzinfarkte und Schlaganfälle, weil sie aus Angst vor dem Coronavirus nicht zum Arzt gehen, als an Corona selbst."

Fragen der Arbeitgeber

Die Coronapandemie sorgt unterdessen offenkundig auch in Unternehmen im Kreisgebiet für Verunsicherung, wie die Berichte mehrerer Hausärzte nahe legen. "In den vergangenen Wochen haben uns viele Patienten aufgesucht, die erzählen, dass ihr Arbeitgeber sie geschickt hat", sagt Bayer. "Sie fordern Atteste, auf denen die jeweilige Vorerkrankung stehen soll." Anhand dieser Bescheinigung soll entschieden werden, ob Arbeitgeber ihr Personal ins Homeoffice schicken, erzählt Bayer. "Das ist eine massive Verletzung der Schweigepflicht." Er schreibe dann lediglich, ob der Patient zur Risikogruppe gehöre oder nicht.

Auch andere Hausärzte im Kreis bestätigen derartige Anfragen. Dies sei unethisch, betont Dr. Ulrich Hentschel aus Buseck. "Es gibt kein Anrecht des Arbeitgebers auf die Diagnose", erklärt auch die Grünberger Allgemeinmedizinerin Dr. Petra Meermann.

Ärzte berichten auch von zahlreichen Lehrern, die sich in den vergangenen Tagen Atteste haben ausstellen lassen, um als Risikopatienten vom heutigen Montag an nicht an ihrer Schule unterrichten zu müssen.. "Bei mir waren es allein heute morgen vier Lehrer", berichtet Bayer.

Wo Toilettenpapier geklaut wird

Während eine Ärztin im östlichen Teil des Kreisgebiets erzählt, dass Patienten bei ihr Desinfektionsmittel in Flaschen abzapfen und außerdem Toilettenpapier stehlen, berichtet Hentschel in Großen-Buseck, der Alltag sei viel ruhiger. "Ich habe freiwillig meine Dienste dem Gesundheitsamt angeboten." Unter anderem besucht er Flüchtlinge in Einrichtungen und untersucht sie.

Gleichzeitig werden in Zeiten von Corona Sprechstunden von Zuhause aus per Videoübertragung zunehmend beliebter, die Grünberger Ärztin Meermann beispielsweise bietet sie an. "Das läuft unkompliziert am Handy", berichtet sie. Kollegen wie Maykemper in Lollar betonen aber auch, "dass der Besuch beim Arzt nicht zu ersetzen ist."

Überweisung am Fenster

Es ist kurz nach 11 Uhr, vor der Praxis von Dr. Bayer in Wißmar hat sich eine Menschenschlange gebildet. Patienten, die nur ein Rezept oder eine Überweisung benötigen, erhalten die Bescheinigungen draußen am Fenster. Gleich darauf zieht die Karawane weiter - zur benachbarten Apotheke. Er sei ein wenig genervt, sagt Bayer. "Unsere Tür steht eigentlich immer für jeden offen." Um Patienten zu separieren, habe man sich aber zu diesem Vorgehen entschieden.

Im Gegensatz zu anderen Ärzten verzichten Bayer und seine Kollegin Dr. Katrin Ulrich in ihrer Gemeinschaftspraxis auf Plexiglasscheiben am Empfang. "Das bringt eher wenig", sagt Bayer. "Unsere Helferinnen führen ja auch Ultraschall-, EKG- und Röntgenuntersuchungen durch, da kommt es zu Kontakten mit den Patienten." Um so wichtiger seien Desinfektionsmittel sowie Schutzkleidung und Masken.

Wer die Praxis ohne Mund- und Atemschutz betritt, erhält sofort eine Maske. Dennoch wundert sich Bayer: In Läden, in Bussen und Zügen gelte von diesem Montag an die Maskenpflicht, aber nicht in Arztpraxen. "Das wäre eigentlich geboten", sagt er. "Zum Schutz der Patienten und des Personals."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare