Thorsten Cramer am 24. September bei der Stimmabgabe zur Bürgermeisterwahl. Rückblickend nennt er seine Niederlage die "bitterste Stunde". FOTO: SO
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Thorsten Cramer am 24. September bei der Stimmabgabe zur Bürgermeisterwahl. Rückblickend nennt er seine Niederlage die "bitterste Stunde". FOTO: SO

"Angepasst werde ich nie sein"

  • Rüdiger Soßdorf
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Thorsten Cramer, einer der führenden Köpfe der Biebertaler CDU, zieht sich aus der Gemeindevertretung zurück. Der Querdenker, der auch keine Scheu hat, in seiner Partei anzuecken, wenn er es für nötig hält, hat die CDU Hessen Richtung Rheinland-Pfalz verlassen.

Warum ziehen Sie sich nach weit über 20 Jahren aus der Biebertaler Kommunalpolitik zurück, Herr Cramer?

Alles hat seine Zeit. Und man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Dies war ein langer Prozess, der mir nicht leichtgefallen ist. Meine Familie hat eine tiefe Verbundenheit mit Biebertal, wir sind hier Ureinwohner, seit vielen Generationen ehrenamtlich engagiert, haben nach dem Krieg die Freiwillige Feuerwehr und den Reitverein mitbegründet, uns immer im Vereinsleben eingebracht, politisch viele Prozesse begleitet oder initiiert. Also all das, was man heute als bürgerschaftliches Engagement bezeichnet. All das wurde und wird gelebt und ist selbstverständlich, auch für mich.

Aber warum setzen Sie das nicht in Biebertal fort?

Ich habe mich vor einigen Jahren beruflich nach Mainz und in den Landtag Rheinland-Pfalz orientiert, eine spannende und fordernde Aufgabe. So wie früher in Gießen, bin ich dort neben der Arbeit noch ehrenamtlich im Personalrat engagiert. Dieser Schritt fällt mir gewiss nicht leicht, aber ist nach einer so langen Zeit notwendig.

Wann ist Ihre Entscheidung denn gefallen?

Schon vor einiger Zeit. Bei der Listenaufstellung der Biebertaler CDU zur Kommunalwahl vor einigen Wochen war ich schon nicht mehr dabei.

Warum?

Ich bin schon vor geraumer Zeit zur CDU Rheinland-Pfalz gewechselt, auch um damit meine Unterstützung für die Freunde im aktuellen Landtagswahlkampf zu zeigen - die CDU bleibt also meine politische Heimat. Ich bin seit Februar 1992 CDU-Mitglied. So etwas prägt und das muss heute erst mal jemand vorweisen können. Mein politisches Mandat für Biebertal endet aber erst einmal im März.

Also doch ein Rückzug ins Private?

Ich werde mich als Fellingshäuser Bürger auf lokaler Ebene weiter engagieren. Und auch im Heimatverein Rodheim-Bieber, dem ich sehr verbunden bin, bringe ich mich weiter ein.

Scheiden Sie im Zorn aus der Biebertaler Kommunalpolitik? Oder eher frustriert?

Weder noch - ich bin sehr zufrieden und mit mir im Reinen. Ich habe nach dieser Zeit eine beachtliche Bilanz vorzuweisen. 1998 war ich jüngster Gemeindevertreter und gleich stellvertretender Fraktionsvorsitzender. 2011 und 2016 war ich Spitzenkandidat zur Kommunalwahl. Bei diesen Wahlen haben wir entgegen dem Trend der CDU zugelegt; besonders 2016, als es überall im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise mit der CDU bergab ging. Ich glaube, das ist uns gelungen, weil mir die Wähler vertraut haben und ich aus unserer guten Politik in der Opposition 2011 bis 2016 starke Impulse für uns als Partei geben konnte.

Was konkret, bitte?

Denken Sie mal an die Sache mit der Pferdesteuer, die von FW und SPD eingeführt werden sollte. Da kamen fast 300 Leute abends zur Sitzung ins Bürgerhaus und sind für ihre Sache gegen diese Steuer eingetreten. Mein Großvater, der den Reitverein nach dem Krieg mitbegründet hat, und mein Vater, ehedem Pferdesportler, wären in diesem Moment sehr stolz auf mich gewesen. Oder denken Sie an unser Eintreten gegen die Flächenausweisung für Windkraft in vergangenen Jahren in Biebertal. Wir waren die Einzigen, die sich dem Anliegen so vieler Menschen in Biebertal angenommen und dagegen gekämpft haben. Heute will das ja keiner mehr wissen. Besonders jene nicht, die damals für die Ausweisung der Standorte die Hand gehoben haben, nämlich FW, SPD und die Grünen.

Aber alles ist Ihnen nun auch nicht gelungen.

Richtig. 2017 wurde ich Bürgermeisterkandidat der CDU. Auch bei den Freien Wählern hatte ich mich vorgestellt und als Kandidat empfohlen. Mit all dem, was dann kam, was mir wehgetan hat, sage ich: Das war eine schlimme Zeit, Und manches war einfach unfassbar stillos. Einen anständigen Umgang stelle ich mir anders vor. Die bitterste Stunde war sicher der Abend des 24. September 2017, als ich im ersten Wahlgang raus war. Ich bin heute noch dankbar dafür, dass sich damals Bürgermeister Bender, der SPD-Kandidat Michael Borke und Herr Gaidies von den Grünen ebenso wie mein alter, leider verstorbener Freund Thomas Schäfer gemeldet haben, weil sie sich wirklich Sorgen um mich machten. Das vergesse ich nicht. Das war sehr anständig und zeigt menschliche Größe, Andere hatten diese Größe nicht. Es zeigt auch: Freundschaften gibt es in der Politik nicht.

Ein Wort zur Koalition: Wie bewerten Sie die zurückliegenden Jahre der Zusammenarbeit mit den Freien Wählern?

Zu diesem Kapitel möchte ich mich nicht mehr äußern. Dazu habe ich im Frühjahr in der Gemeindevertretung eigentlich schon alles gesagt. Aber ich gebe meinen Nachfolgern den Rat, aus den Fehlern der Vergangenheit die richtigen Schlüsse für die Zukunft zu ziehen.

Wird Ihnen die politische Bühne nicht fehlen?

Ich habe mich immer voll eingebracht. Sie, Herr Soßdorf, haben mich ja einmal als "streitbaren Biebertaler" bezeichnet, was ich schon als Ritterschlag in einer Epoche der Angepasstheit betrachte. Angepasst war und werde ich nie im Leben sein. Höhepunkt meines ehrenamtlichen Engagements war im vergangenen Jahr der Ehrenbrief des Landes Hessen. Das hat mich wirklich sehr gefreut und ist mir eine große Ehre, der ich mir bewusst bin. Diese Anerkennung für langjähriges Wirken für die Gesellschaft und für meine Heimat Biebertal freut einen schon.

Haben Sie Ihre Entscheidung zum Rückzug auch im Hinblick auf kommende Koalitionsverhandlungen getroffen?

Nein, das ist Aufgabe der kommenden Entscheidungsträger. Natürlich wünsche ich den neuen, teilweise unbekannten Bewerbern um ein Mandat alles Gute. Man wird sehen, was deren Arbeit möglicherweise an Erfolgen zeitigt. Wenn dieses Wirken zum Wohle der Gemeinde ist, bleibt sie natürlich meine politische Heimat.

Was geben Sie den Biebertaler Kommunalpolitikern, gleich welcher Couleur, mit auf den Weg in die neue Wahlperiode?

Niemals zu vergessen, dass man als Vertreter des Gemeindeparlaments die Bürger der Gemeinde zu repräsentieren hat und deren Wohl die Richtschnur des politischen Willensbildungsprozesses sein sollte.

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