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Fliesenleger Ahmad Moad bei der Arbeit.

Gut angenommen - gut angekommen

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Wie gelungene Integration in den Arbeitsmarkt funktioniert, zeigt ein Beispiel aus Heuchelheim. Ahmad Moad, ein junger Syrer, hat vor gut drei Wochen seine Prüfung zum Fliesenleger-Gesellen abgelegt. In den vergangenen zwei Jahren ist er bei Meister Norbert Kröck in die Lehre gegangen. Für Kröck sind es vor allem die Dorfstrukturen, die für solche Erfolge sorgen.

Es ist noch keine vier Jahre her, dass Ahmad Moad als Flüchtling aus Syrien in Kinzenbach ankam - in einem fremden Land, in einem fremden Dorf, ohne ein Wort Deutsch zu können. Sein erstes Quartier war die Alte Schule in Kinzenbach, eine Notunterkunft der Gemeinde. Dort lebte er drei Monate. Später wohnte er in der Flüchtlingsunterkunft am Heuchelheimer Pfannstiel hinter dem Friedhof.

Fast ein Jahr musste er warten, bis er sein "Interview" bekam und seine Asylgründe darlegen konnte. In der Zeit durfte er nur eines - warten. Kein Praktikum, keine Arbeit. Nichts.

Doch dank der Ehrenamtlichen aus Heuchelheim bekam er Unterstützung. So lernte er etwa Katrin Schleenbecker aus Kinzenbach kennen. Die wiederum kennt Petra Jung-Kröck, die Frau des Fliesenlegermeisters. So konnte er im dortigen Betrieb, dann bereits mit Unterstützung aus der Jugendwerkstatt in Gießen, ein Praktikum machen. Ein zweites Praktikum schloss sich an, dann ein Mini-Job als Helfer. Es machte Spaß. Und die Arbeit war Moad nicht fremd. In seiner Heimat, in Syrien, hatte er bereits im Unternehmen des Vaters, einem Schlosser, mitgearbeitet. Zudem bei mehreren Cousins, darunter Fliesenleger.

"Von jedem habe ich etwas gelernt", sagt er. Aber eben keine Lehre absolviert, wie es hierzulande üblich ist, um ein Handwerk auszuüben. Norbert Kröck zögerte zuerst, den jungen Mann als Auszubildenden zu sich zu nehmen. Er führt einen kleinen Familienbetrieb. Da ist der Chef, zudem ein Geselle, die Frau managt die Buchführung. Und er hatte seit 2004 aus Protest gegen die damalige Novellierung der Handwerksordnung nicht mehr ausgebildet. Seinerzeit war entschieden worden, dass sich jeder auch mit Gesellenprüfung als Fliesenleger selbstständig machen könne. Meister war nicht mehr. Das hatte Kröck geärgert; er war und ist wegen der mangelhaften Qualität der Ausführung von Fliesenarbeiten in Sorge und hatte für sich die Konsequenzen gezogen.

So vermittelte er Ahmad Moad erst einmal an einen Kollegen. Doch der junge Syrer kam zurück und sagte:" Bilde du mich aus. Sonst wird das nichts!" Zwischenzeitlich war endlich der Papierkram erledigt. Die Berufsschule absolvierte er in Gießen an der Theodor-Litt-Schule, die überbetriebliche Ausbildung in Fulda.

Jetzt, mit der bestandenen Gesellenprüfung, hat ihm Norbert Kröck einen unbefristeten Vertrag angeboten - und die Option, die Meisterschule zu besuchen. "Vielleicht willst du ja deinen Meister machen?", hat er gefragt. "Das kommt auch noch, Chef", hat Moad geantwortet. Und überhaupt: "Alles, was ich vom Jobcenter in den vergangenen Jahren bekommen habe, das zahle ich jetzt zurück."

Ahmad Moad ist nur einer von mehreren jungen Syrern, die in Heuchelheim und Kinzenbach eine neue Heimat gefunden haben und hier Fuß fassen. Sein Bruder macht gerade eine Lehre beim örtlichen Metallbau-Unternehmen Müller. Moad hat weitere Freunde zum Gespräch mitgebracht. Sie alle wohnten ebenfalls 2015 zuerst in Kinzenbach, in der alten Schule. Die Wertschätzung für Heuchelheim und Kinzenbach und die Menschen dort ist geblieben. Sie fühlten und fühlen sich angenommen und sind deshalb auch gut in Deutschland angekommen.

Abdul Razzak Alghammaz etwa, wie Moad 25 Jahre alt, absolviert derzeit eine Ausbildung zum Elektrogebäudetechniker beim Unternehmen von Michael Czech in Großen-Linden, nachdem er dort ein Praktikum gemacht hatte. Zu den acht Stunden im Betrieb kommt jeden Tag noch die Abendschule. Mohammad Alayash ist jetzt seit zwei Jahren in der Altenpflege bei der AWO in Lollar beschäftigt, will im kommenden Jahr eine kombinierte Ausbildung als Kranken-, Alten- und Kinderpfleger beginnen. Und Ahmad Haj Ali lässt sich bei dem renommierten Gießener Architekturunternehmen a-plus von Ute Kramm zum Bauzeichner ausbilden. Derzeit ist er im dritten Lehrjahr.

"Wie es hier in Heuchelheim und Kinzenbach funktioniert hat, würde es in anderen, größeren Städten nicht laufen", vermutet Norbert Kröck. Der Vorteil der beiden Dörfer: Kleinteilige, überschaubare Strukturen. Man kennt sich eben. Und man achtet aufeinander.

Auch Dr. Manfred Ehlers, der Erste Beigeordnete der Gemeinde, ist stolz auf die Heuchelheimer und Kinzenbacher: "Aus den Jungs ist was geworden. Es zeigt, dass das, was wir hier in der Gemeinde getan haben und tun, der richtige Weg ist."

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