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Yahia Akhgar auf einer Bank im Licher Bürgerpark. Der neue Vorsitzende des Licher Ausländerbeirats hat vor fünf Jahren mitgeholfen, als das Gelände gestaltet wurde.

Angekommen in Lich

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Vor gut fünf Jahren ist Yahia Akhgar aus seiner Heimat Afghanistan geflohen. Als neuer Vorsitzender des Licher Ausländerbeirats will er dazu beitragen, Brücken zwischen Geflüchteten und Einheimischen zu bauen.

In Yahia Akhgars Heimat Afghanistan gibt es ein Sprichwort: »Eine Hand allein bringt keinen Ton hervor.« Will heißen: Zum Klatschen braucht man beide Hände. Oder im übertragenen Sinne: Nur in Gemeinschaft mit anderen kann man etwas vollbringen. Akhgar hat sich stets an dieser Leitlinie orientiert. Seit er vor gut fünf Jahren nach Deutschland kam, ist er auf andere Menschen zugegangen. Nun engagiert er sich in einem politischen Gremiun. Der Mann, der in Kabul zur Welt kam, wurde kürzlich zum Vorsitzenden des Licher Ausländerbeirats gewählt.

Der 39-Jährige erzählt, dass er daheim in Afghanistan ein eigenes Unternehmen hatte, eine IT-Firma. Die Taliban hätten versucht, ihn zu vereinnahmen, sagt er. Mit der Zeit sei der Druck immer größer, die Situation immer bedrohlicher geworden. Akhgar entschloss sich zur Flucht. Ende 2015 verließ er seine Heimat. Mit seiner Frau, seiner Mutter und zwei kleinen Töchtern gelangte er im Januar 2016 nach Deutschland.

Die Familie teilte das Los vieler Geflüchteter. Es ging von einem Ort zum nächsten, an eine eigene Wohnung war zunächst nicht zu denken. Auch die Akhgars waren, als sie nach Stationen in München, Dresden, Hamburg und Rotenburg/Fulda schließlich in Lich landeten, zunächst in dem großen Gemeinschaftszelt am alten Sportplatz untergebracht.

Yahia Akhgar erzählt, dass Toleranz in seiner Familie einen hohen Stellenwert hatte. Schon sein verstorbener Vater, ein Lehrer, habe ihn gelehrt, dass man sich für andere Menschen einsetzen soll. Diese Lektion beherzigte der Sohn, der daheim Englisch, Türkisch und ein bisschen Russisch gelernt hatte, auch in der neuen Lebenslage. Er habe relativ schnell Deutsch gelernt. Und er habe alle Angebote genutzt, die das engagierte Team von »Asyl in Lich« auf die Beine gestellt hat, den offenen Treff zum Beispiel und das Deutschcafé.

Vor allem für die Unterstützung der Ehrenamtlichen bei vielen Behördengängen ist er bis heute dankbar. »Das ist für uns ein schwieriges Thema. Das kennen wir so nicht.« Irgendwann rutschte Akhgar selbst in die Helferrolle. In einem Pilotprojekt von Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und Diakonie arbeitete er als Dolmetscher in der Gießener Erstaufnahmeeinrichtung an der Rödgener Straße.

Inzwischen läuft sein Leben in geregelten Bahnen. Der 39-Jährige absolviert eine Ausbildung zum Elektroniker für Gebäudetechnik, die Familie hat eine eigene Wohnung bezogen und ist weiter gewachsen. Der vierjährige Sohn kam in Deutschland zur Welt. »Ein echter Licher«, sagt der Vater und lächelt.

Von der Ausländerbeiratswahl hat ihm Ulla Limberger erzählt, eine der treibenden Kräfte aus dem »Team Asyl«. Die Idee einer Kandidatur fand er gut. »Ich will Brücken bauen zwischen Geflüchteten und Deutschen«, beschreibt er seine Motivation.

Yahia Akhgar sagt, dass ihm persönlich in Deutschland nie Abneigung entgegengeschlagen ist. »Aber ich habe davon gehört und es auch selbst gesehen«, sagt er. Und weil Ressentiments durch Unkenntnis und Missverständnisse entstehen, gebe es dagegen ein gutes Mittel: Kontakt. Nur wenn sich die Menschen treffen, könnten sie Verständnis füreinander entwickeln. Die Bereitschaft dazu erhofft er sich auf beiden Seiten. »Ich sage immer: Wenn jemand nicht auf dich zukommt, musst du zu ihm gehen.«

Seit der Wahl konnte der Ausländerbeirat pandemiebedingt nur mit angezogener Handbremse loslegen. Aber es gebe eine Agenda, sagt der neu gewählte Vorsitzende. Ein Punkt stehe dabei ganz oben: Mit den Schulen wolle man über die Situation geflüchteter Kinder ins Gespräch kommen. Für viele sei der Online-Unterricht ein Problem, weil die Eltern nicht helfen können. Über seine eigenen 12 und 13 Jahre alten Töchter, die die Dietrich-Bonhoeffer-Schule besuchen, muss sich der Vater in dieser Hinsicht keine Gedanken machen. »Bei ihnen hat das gut geklappt.« Aber wie solle man denjenigen helfen, die gesonderte Unterstützung brauchen?

Wenn es die Corona-Lage erlaubt, plant der Ausländerbeirat auch Kulturveranstaltungen. »Vielleicht können wir was im Bürgerpark machen«, überlegt der Vorsitzende. Diesen beliebten Ort an der Ringstraße hat er übrigens auch als Treffpunkt vorgeschlagen, als diese Zeitung um ein Gespräch bat. »Ich bin häufig hier«, erzählt er. »Mit den Kindern und manchmal auch alleine.« Zu dem Freizeitgelände, das die Licher Bürger im Frühjahr 2016 an drei Wochenenden gemeinsam gestaltet haben, hat er eine besondere Beziehung. »Als hier gearbeitet wurde, wohnten wir oben im Zelt. Ich bin immer gekommen und habe geholfen.« Und so hat Yahia Akhgar drei Monate nach seiner Flucht aus Afghanistan mitten in Lich nicht nur an einen Spielplatz gebaut, sondern auch an einem kleinen Stück Heimat für sich und seine Familie.

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