Zuletzt betrieben Marianne und Günter Stiebing die Gastwirtschaft Zur Krone. Adolf Wallbott will jetzt ein Buch über das frühere Lokal schreiben. 	ARCHIVFOTO: US
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Zuletzt betrieben Marianne und Günter Stiebing die Gastwirtschaft Zur Krone. Adolf Wallbott will jetzt ein Buch über das frühere Lokal schreiben. ARCHIVFOTO: US

Anekdoten gesucht

  • vonChristina Jung
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Er hat in seinem Leben schon viele Publikationen verfasst. Oft standen sie in Zusammenhang mit seinem Heimatort Annerod. Jetzt plant Adolf Wallbott eine neue Veröffentlichung. Im Fokus soll das Gasthaus »Zur Krone« stehen, das einst die Geschichte seiner Vorfahren prägte.

Wenn Adolf Wallbott in der Vergangenheit einen runden Geburtstag zu feiern hatte, gehörte das Gasthaus Zur Krone in Annerod ebenso dazu wie zahlreiche Gratulanten, die dem langjährigen Kommunalpolitiker, engagierten Vereinsmenschen und passionierten Heimatkundler ihre Glückwünsche überbrachten. Wenn der Senior am morgigen Donnerstag seinen 85. Geburtstag feiert, wird er auf beides verzichten müssen. Auf die große Gästeschar aufgrund der Corona-Pandemie, auf die Wirtschaft, weil sie mittlerweile geschlossen ist.

Um das Lokal zumindest auf dem Papier für die Nachwelt zu erhalten, plant Wallbott eine neue Veröffentlichung - ein Buch über die »Krone«, die früher den Gießenern als Ausflugsziel und einigen örtlichen Stammtischen und Vereinen als Stammlokal diente. »Ich bedaure, dass ich meinen 85. Geburtstag nicht feiern kann. Das ist meine Motivation«, sagt der Jubilar. Wallbotts Großvater Karl erwarb das Gebäude im Tiefenweg in unmittelbarer Nachbarschaft zur Anneröder Kirche vor rund 100 Jahren, nachdem der bisherige Wirt nach einem »Techtelmechtel« seiner Ehefrau mit einem Lehrer das Lokal aufgegeben hatte. Die amtlich belegte Geschichte der Wallbotts in der »Krone« begann 1912, als der Gemeinderat dem Betrieb der Gastwirtschaft durch Karl Wallbott zustimmte. Letzterer zog mit seiner Frau Marie und den vier Söhnen Karl, Wilhelm, Heinrich und Adolf im Tiefenweg 31 ein. Bis 1956 blieb das Lokal im Besitz der Familie, bevor zunächst das Gießener Brauhaus und 1966 Ferdinand Dittmann die Regie übernahmen. Zuletzt wurde es von Günter und Marianne Stiebing geführt.

Vieles hat Adolf Wallbott in den vergangenen Jahrzehnten aufgeschrieben, weit über ein Dutzend Publikationen verfasst, unter anderem über die Dorf- und Vereinsgeschichte Annerods. Die Gastwirtschaft Zur Krone, die - auch wenn er selbst nach einem Umzug den Großteil seiner Kindheit in Hattenrod verbrachte und erst als Erwachsener wieder in seinen Geburtsort zog - seine Familiengeschichte prägte, kam ebenfalls schon darin vor.

Sein historisches Wissen will er in das neue Buch einfließen lassen, darüber hinaus Zeitzeugen zu Wort kommen lassen. Solche, die sich noch an besondere Erlebnisse und Begegnungen im Traditionsgasthaus und der dazugehörigen Kelterei in der Borngasse erinnern. Anekdoten wie jene, die davon erzählt, wie Annerod zur Gießener Vorwahl kam. Da sich nämlich in den 1930er Jahren, als Telefongespräche noch vom »Fräulein« vom Amt vermittelt wurden, regelmäßig einige Postleute aus der Stadt an der Lahn zum geselligen Beisammensein in der »Krone« trafen. Weil sie dort leichter erreichbar sein wollten, sorgten sie dafür, dass die Telefonleitung von Gießen über den Butterweg nach Annerod verlegt wurde, so Wallbott.

Welche Bedeutung hatte dieses Gasthaus in der Vergangenheit für Annerod? Diese Frage will der pensionierte Lehrer versuchen, in seinem Buch zu beantworten. Und warum gerade jetzt? Immerhin ist die Zeit der Wallbotts im Tiefenweg lange Geschichte. »Ich stelle fest, dass es immer weniger Zeitzeugen gibt«, sagt der 84-Jährige. Außerdem sei sein Geburtstag, der immer eng mit der »Krone« verbunden war, ein passender Anlass. Vielleicht auch schon für erste Gespräche. Telefonisch, versteht sich. Denn pandemiebedingt ist derzeit keine andere Art der Recherche möglich.

Wie lange letztere dauern wird, kann Wallbott - vor allem mit Blick auf Corona - nicht sagen. Aber wenn letztlich nur ein Erinnerungsbüchlein für die Familie anstatt eines Werkes für die Öffentlichkeit bei seiner Anekdotensuche herauskommt, ist das für ihn auch in Ordnung.

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