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Gespräche über Politik seien zu Hause »so gut wie tabu«, erzählt Uwe Schulz während des Spaziergangs am Limesturm.

Wahl am 26. September

Bundestagswahl-Kandidat Uwe Schulz (AfD): Am rechten Rand

  • VonStefan Schaal
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Uwe Schulz hat eine internationale Karriere bei Ikea, der Telekom sowie Miles & More hinter sich, hat in New York und Los Angeles gearbeitet. Seit 2017 sitzt er für die AfD im Bundestag. Was treibt ihn an, sich am rechten politischen Rand zu engagieren? Und welche Rolle spielt der 59 Jahre alte Pohlheimer innerhalb der AfD?

Gießen - Ein gutes Jahr ist es her, als Uwe Schulz ein Schreiben an die eigene Bundestagsfraktionsspitze verschickt, das so scharf formuliert ist, dass die Zeilen später deutschlandweit für Schlagzeilen sorgen. »Ich warte nur auf den Moment, wo uns Altparteien und Medien dann final entlarvt haben werden«, erklärt der AfD-Bundestagsabgeordnete. »Insbesondere versagen Sie als sogenannte Führungskräfte.« Der Stil und die Motivation für das Schreiben sagen viel darüber aus, wie der 59 Jahre alte Pohlheimer tickt.

Seine berufliche Karriere habe ihn gelehrt, sagt Schulz, »dass man auch mal provozieren muss«, um etwas zu erreichen. Zumindest die Reaktion der AfD-Spitze auf sein Schreiben gibt ihm recht. Einen Tag nachdem Schulz es verschickt hat, emfängt ihn Alexander Gauland, der Fraktionsvorsitzende, zu einem Gespräch in dessen Büro. Was will Schulz erreichen?, will Gauland wissen. Der Pohlheimer antwortet: Die AfD müsse ihr Auftreten ändern. »Wir müssen neue Dinge tun und Kampagnen starten.«

Schulz ist überzeugt, dass die AfD sich in einer »spätpubertären Phase« befinde und reifen müsse. Dies habe er gemeint, als er in seinem Schreiben davon gesprochen habe, dass die Partei »entlarvt« werden könnte.

Bundestagswahl in Gießen: AfD-Kandidat Schulz spricht von „Quasi-Nazis“

In dem Maß, wie das Schreiben die Herangehensweise des Pohlheimers an die Politik charakterisiert, sprechen anschließend die Reaktionen innerhalb der AfD Bände über die Diskussionskultur der Partei, als die Zeilen wenige Wochen später an die Öffentlichkeit dringen. In AfD-Kreisen wird Schulz als »hinterbänklerischer Fremdkörper«, als »verschlagen« und »heimtückisch« beschimpft. Schulz winkt ab. »Das kommt aus dem Höcke-Lager«, sagt er. »Das haben Quasi-Nazis geschrieben.«

Der AfD-Politiker spaziert auf einem Feldweg nahe des Limesturms am nördlichen Rand Grüningens, es nieselt. Hier tanke er Ruhe, erzählt er. Überhaupt seien Gespräche über Politik »so gut wie tabu«, wenn er zu Hause in Pohlheim bei seiner Frau ist

Über die Landesliste, wo er auf Platz 3 steht, wird Schulz wahrscheinlich wieder in den Bundestag einziehen. Er werde allerdings spätestens in vier Jahren nach der Legislaturperiode seine politische Laufbahn im Bundestag beenden, sagt er. Irgendwann wolle er mit seiner Frau, die aus dem Allgäu stammt, in ihre Heimat nach Oberstdorf ziehen. Der Politikstil der AfD, der auf Provokation und Polemik setzt und gleichsam Provokation erntet, ist anstrengend - auch wenn Schulz von sich weist, darauf aus zu sein. »Natürlich mag ich es nicht, gehasst zu werden«, sagt er. »Aber ich nehme es in Kauf.«

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Der Pohlheimer sieht sich selbst im gemäßigten Lager der AfD. Wenn er Personen wie den Bundestagsabgeordneten Jürgen Pohl und den wegen einer früheren Mitgliedschaft in einer Neonazi-Vereinigung aus der AfD ausgeschlossenen Andreas Kalbitz erlebe, »empfinde ich Scham und Wut«. Er hoffe, dass »ein paar Leute ihre Kasperlereden mal einstellen«.

Das kürzlich verabschiedete Wahlprogramm, in dem die AfD unter anderem den EU-Austritt Deutschlands fordert, jeglichen Familiennachzug für Flüchtlinge ablehnt und damit durchaus noch mehr nach rechts gerückt ist, stellt für Schulz allerdings Positionen der Mitte dar. In der Forderung des EU-Austritts teile er die Position des AfD-Rechtsaußens Björn Höcke, erklärt Schulz. »Wenn die Europäische Union nicht reformierbar ist, müssen wir austreten. In dem Fall habe ich Herrn Höcke still applaudiert.« Das heiße nicht, dass man keine andere europäische Vereinigung ins Leben rufen könnte.

Bundestagswahl in Gießen: „Ich musste sehen, dass ich mein Leben auf die Reihe bekomme“

Schulz ist vor acht Jahren in die AfD eingetreten, als die Partei unter Bernd Lucke zumindest in Teilen noch als wirtschaftsliberal einzuordnen war. Damals, erzählt der Pohlheimer, habe er mitbekommen, wie ein »linker Chaot« einen Stand der Partei im Gießener Seltersweg niedergerissen hatte. »Da waren lauter hilflose Hochschuldozenten, die es kaum geschafft haben, den Tisch wiederaufzubauen.« Kurz darauf habe er sich der AfD angeschlossen. Ein Jahr später wurde er zum Kreissprecher gewählt.

Schulz konnte damals bereits auf kommunalpolitische Erfahrung zurückblicken. Von 1989 bis 1993 saß er für die Christdemokraten im Pohlheimer Stadtparlament. Der AfD-Politiker erklärt, seine Partei habe die Programmatik der CDU der 90er Jahre. Unter anderem mache er das an der Position für die Wehrpflicht fest, von der die CDU unter Merkel dann aber abgerückt sei.

Auf die Frage, welcher Partei er im März bei der Kommunalwahl in Pohlheim, wo die AfD nicht angetreten war, seine Stimme gegeben hat, antwortet Schulz: »Ich habe mich gezwungen: Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich die SPD gewählt.« Warum die AfD bei den Wahlen hessenweit Stimmen verloren hat, könne er sich nicht erklären.

Wer sich unterdessen mit der internationalen beruflichen Karriere des Pohlheimers vertraut macht, den dürfte das politische Engagement in einer Partei, die vor allem für nationale Werte steht, stutzig machen. Schulz hat für das Vielflieger- und Prämienprogramm Miles & More gearbeitet, war Anfang der 90er Jahre in New York und Los Angeles tätig. Zwei Jahre hat er für Ikano, die hauseigene Bank des schwedischen Möbelriesen Ikea, gearbeitet. In beiden Fällen war er für den Kundenservice verantwortlich. Für T-Mobile hat Schulz unter anderem eine Niederlassung in Erfurt und Leipzig mit 800 Mitarbeitern geleitet. Eingeleitet hatte die Karriere übrigens ein persönliches Scheitern. Schulz hatte Jura studiert, war dann aber zweimal im ersten Staatsexamen durchgefallen. »Ich musste sehen, dass ich mein Leben auf die Reihe bekomme«, erzählt er heute. Sein 16 Jahre älterer Bruder beschaffte ihm damals eine Stelle bei der Autovermietung Avis, wenig später wechselte Schulz zu Miles & More.

Bundestagswahl in Gießen: AfD-Kandidat Schulz will kein Verschwörungstheoretiker sein

Die Laufbahn, die ein Miteinander mit Menschen aus anderen Ländern erfordert, sei mit seinem politischen Engagement in der AfD durchaus vereinbar, betont Schulz. »Das widerspricht sich nicht. Ja, wir sind für nationale Werte, aber für jede Nation.«

Schulz erzählt in freundlichem Ton und in klaren Worten. Doch im Lauf des Gesprächs wird er in der Sache schärfer und polemischer. Mit Kollegen im Ausland oder Gastarbeitern, die hier heimisch sind, könne man kooperieren, sagt er. Doch durch den Strom von Flüchtlingen der vergangenen Jahre habe man mit Menschen zu tun, »die wir nicht loswerden, auch wenn sie uns Messer in die Rippen stechen«.

Das Gespräch am Limesturm neigt sich dem Ende. Kürzlich, beim Spazieren mit dem Hund, sei er einem Mann begegnet, der in der freien Natur eine Corona-Maske trug. »Hören Sie, wie mein Hund Sie auslacht?«, fragte Schulz ihn.

Im Supermarkt, räumt er ein, trage er eine Maske. Ansonsten bestelle er Waren vorwiegend über eine Packstation, um »den Maskenzwang« zu umgehen. Er sei kein Verschwörungstheoretiker, erklärt er. »Vor zwei Jahren hätte ich gesagt, die Theorien um Bill Gates und George Soros glaube ich nicht.« Doch das ändere sich. Und so gibt Schulz im Lauf des Gesprächs mehr und mehr Sätze von sich, die darauf hindeuten, dass er mit seinen politischen Positionen so gar nicht in der Mitte steht.

Redaktioneller Hinweis: Dieser Text erschien erstmals am 16.08.2021.

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