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Lockeres Gespräch unter Parteifreunden am Wahlabend: SPD-Direktkandidat Felix Döring (links) und der Gießener OB-Kandidat Frank-Tilo Becher. Döring ist gestern schon nach Berlin gereist, Becher geht in vier Wochen in die Stichwahl.

Am Montag im Zug nach Berlin

  • Ursula Sommerlad
    VonUrsula Sommerlad
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Im Wahlkreis 173 lieferten sich die Direktkandidaten von CDU und SPD ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Für die Bewerber von FDP und Linken wurde sogar noch die Nacht zur Zitterpartie. Und mancherorts gingen die Wahlzettel aus. Schlaglichter von einem Wahlabend, der spannend war wie lange nicht mehr.

Für Felix Döring geht sein Lehrer-Dasein jäh zu Ende. Der Überraschungssieger von der SPD, der dem amtierenden Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) das Direktmandat abgerungen hat, saß bereits gestern Nachmittag im Zug nach Berlin. Dort findet heute Vormittag die erste Fraktionssitzung statt. Während die meisten Wahlbeobachter sich am Sonntag, als das Kopf-an-Kopf-Rennen noch lief, verwundert die Augen rieben, blieb Döring cool. »Ich habe auf den Sieg hingearbeitet.« »Unglaubliche Geschichte«, räumte er allerdings später ein. Er und sein Team hätten sehr viel Fleiß investiert. Ausschlaggebend für den Erfolg sei der Kontakt zu den Menschen gewesen. Bei fast 40 Bollerwagen-Touren durch die Ortschaften habe er viele Gespräche geführt. »Wir können stolz sein auf das, was wir im Wahlkreis geschafft haben«, lautet sein Resümee. Politisch liegt dem Pädagogen vor allem die Bildungspolitik am Herzen. »Wir müssen mehr Geld für Kitas, Schulen und Hochschulen klarmachen.« Er würde sich freuen, wenn er in Berlin ein Stück dazu beitragen könnte.

Braun gratuliert

Auch Kanzleramtsminister Helge Braun, der das Direktmandat bei den vergangenen drei Bundestagswahlen für die CDU erringen konnte, hat sich am Montag zum Wahlergebnis geäußert. »Die erlittenen Verluste der CDU haben wehgetan«, heißt es in seiner Stellungnahme. Knapp habe es dieses Mal auch nicht für das Direktmandat gereicht. »Ich bedanke mich bei den Wählern im Wahlkreis für ihre Stimme. Herrn Döring und der SPD gratuliere ich.« Braun weist darauf hin, dass er seine Arbeit im Bundestag fortsetzen könne. »Ich werde mich weiterhin für unsere Region starkmachen.«

Pucher knapp vorbei

Dennis Pucher, der FDP-Mann aus Lich, hatte auch Berlin im Visier. Er hat sein Ziel ganz knapp verpasst. Mit Platz acht auf der Landesliste fehlten ihm am Ende beim Landesergebnis 0,25 Prozent für den Einzug in den Bundestag. »Es ist ein Wahnsinn«, lautet sein Kommentar am Montagmorgen. »Ich bin erster Nachrücker, mal schauen, was die Legislaturperiode so bringt«, sagt er. Glücklich sei er über sein Erststimmen-Ergebnis. Er, der Newcomer, liege nur 0,1 Prozent hinter dem Ergebnis seines Vorgängers Hermann-Otto Solms von 2017. Und dass die FDP im Wahlkreis 173 mit 10,7 Prozent die AfD (9,3 Prozent) in die Schranken gewiesen habe, sei auch ein ermutigendes Signal, ebenso wie das stabile zweistellige Ergebnis im Bund. »Jetzt geht es darum, in den kommenden vier Jahren gute Politik zu machen.«

Al-Dailami in Berlin

Linken-Direktkandidat Ali Al-Dailami hat eine unruhige Nacht hinter sich. Bis zum frühen Morgen, so erzählt er, hat er nach dem enttäuschenden Ergebnis seiner Partei auf den Bildschirm gestarrt. Dann endlich war klar: Seine Partei landet zwar nur bei 4,9 Prozent, doch die drei gewonnenen Direktmandate hebeln die Fünf-Prozent-Klausel aus. Al-Dailami, der in den vergangenen vier Jahren für die Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht gearbeitet hat, wird als Bundestagsabgeordneter nach Berlin zurückkehren. Zunächst gelte es, organisatorische Fragen zu klären. Mit der politischen Arbeit werde es nach der konstituierenden Sitzung am 26. Oktober losgehen.

Stimmzettel-Mangel

In mehreren Kommunen wurden am Sonntag die Stimmzettel knapp. In Wettenberg zum Beispiel haben Augenzeugen beobachtet, dass Wahlwillige, die noch pünktlich kurz vor 18 Uhr im Wahllokal erschienen waren, sich gedulden mussten, bis auf den letzten Drücker ein Bote die notwendigen Formulare herbeischaffte. In Lich fiel den Verantwortlichen bereits am Nachmittag auf, dass die Vorräte zur Neige gehen. Aus Laubach, dem Partner im Gemeindeverwaltungsverband, und aus der Nachbarstadt Pohlheim wurde eiligst Nachschub organisiert, den Bürgermeister Julien Neubert und Hauptamtsleiter Frank Arnold eigenhändig auslieferten. »In Summe haben die georderten Stimmzettel für die Abwicklung der Bundestags- und Landratwahlen in unserem Wahlkreis ausgereicht«, stellt Kreiswahlleiter Ralf Sinkel rückblickend fest. Bei der Kalkulation habe man die Erfahrungen der Kommunalwahl zugrunde gelegt und durch eigene Prognosen ergänzt. Vereinzelt habe man am frühen Nachmittag Hinweise auf einen Mangel an Stimmzetteln erhalten. »Wir haben dann interkommunal vermittelt, sodass der Bedarf gedeckt wurde«, teilt Sinkel mit.

Viele Briefwähler

Dass das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den Direktkandidaten Helge Braun und Felix Döring bis weit nach Mitternacht dauerte, lag am Briefwahlbezirk 1 in Lich. Dort haben 2058 Wählerinnen und Wähler ihr Kreuz für den nächsten Bundestag gemacht. »Die Wahlhelfer sind an ihre Grenzen gekommen«, sagt Bürgermeister Julien Neubert. Schon das Öffnen der Umschläge habe gedauert. Konsequenz: Beim nächsten Mal sollen mehr Briefwahlbezirke eingerichtet werden.

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