Die Laubacher Kräuterweiber in zivil: Renate Funk (r.) und Inge Thurow. FOTO: SU
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Die Laubacher Kräuterweiber in zivil: Renate Funk (r.) und Inge Thurow. FOTO: SU

Die Altstadt ist ihre Bühne

  • Susanne Riess
    vonSusanne Riess
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Gegen Corona ist zwar noch kein Kraut gewachsen, wohl aber gegen so manch anderes Leiden - eine gehörige Portion Aberglaube vorausgesetzt. Zwei, die sich damit bestens auskennen, sind die Laubacher Kräuterweiber.

Wenn die Kräuterweiber Anna und Katharina bei ihren Führungen durch die Laubacher Altstadt von "Erbschüssel, Beifuß und Gesan" erzählen, dann können die Teilnehmer im wahrsten Sinne des Wortes etwas erleben. Die beiden Frauen nehmen die Gäste mit auf eine Reise in die Vergangenheit, genauer gesagt: es geht zurück ins düstere Mittelalter.

Hinter Anna und Katharina verbergen sich die Laubacherinnen Renate Funk und Inge Thurow. Seit fast 30 Jahren sind die beiden als Stadtfüherinnen unterwegs. Angefangen haben sie bei den Nachtwächterführungen. "Die waren und sind auch heute noch etwas ganz Besonderes", erzählt Renate Funk bei Kaffee und Keksen. "Auch, wenn sie mit großem Aufwand verbunden sind." Etwa zwölf bis 15 Figuren treten bei den Führungen in Erscheinung, vom Nachtwächter über die Hebamme und den Orgelbauer bis hin zum Bierbrauer.

Und wie wurden Renate Funk und Inge Thurow zu Kräuterweibern? "Die Nachtwächterführungen finden immer nur in der dunklen Jahreszeit statt. Wir waren auf der Suche nach einer Alternative, die man das ganze Jahr über anbieten kann", sagt Funk. Bei ihren umfangreichen Recherchen in den Geschichtsbüchern der Laubacher Schlossbibliothek und beim Oberhessischen Geschichtsverein seien sie schließlich auf die allwissenden Weiber gestoßen.

"Die waren kundig in allerlei Rezepturen, hatten ungewöhnliche Kräutermischungen für so manches Wehwehchen parat". Und da sei klar gewesen: "Das wollen wir machen." Bevor es im Jahr 2004 mit der ersten Kräuterweiberführung losgehen konnte, gab es noch eine Menge zu tun: unzählige Bücher mussten studiert und Gewänder genäht werden. Die beiden 65 Jahre alten Frauen legen großen Wert darauf, dass man die Leinenkleider aus dem Mittelalter nicht Kostüme nennt. Dass sie alle ihre Gewänder selbst und mit viel Liebe zum Detail genäht haben, versteht sich fast von selbst.

Die Rollen sind perfekt auf die beiden Frauen zugeschnitten. Während Renate Funk als gebürtige Laubacherin während der Führungen als resolute Anna oft in Mundart erzählt und auch mal Hessisch babbelt, hält sich ihre Freundin Inge Thurow alias Katharina meist lieber etwas zurück. Sie stammt ursprünglich aus dem Rheinland, kam 1982 nach Laubach und mimt den vornehmeren Part.

Zusammen sind sie ein eingespieltes Team, haben bis heute etwa 150 Führungen absolviert. "Es ist im Prinzip wie Theaterspielen, die Altstadt ist unsere Bühne. Mittlerweile kennt auch jede den Text der anderen", sagt Renate Funk. Dass sie mit großer Leidenschaft bei der Sache sind, nimmt man ihnen sofort ab. "Um in der Rolle so richtig aufzugehen, musst du schon eine kleine Rampensau sein. Früher war ich nicht so schlagfertig."

In den vergangenen 16 Jahren haben die Freundinnen "schon wirklich alles" erlebt. In Erinnerung geblieben ist ihnen eine Hochzeitsgesellschaft. "Die waren so was von dröge, die haben nicht einmal gelacht oder miteinander gesprochen", sagen beide übereinstimmend.

Dabei leben ihre rund 70-minütigen Führungen von der Interaktion mit dem Publikum. Und sie haben einen klaren Anspruch: "Wir wollen begeistern. Die Leute sollen hinterher sagen ›das war toll, das machen wir wieder‹".

Es sei auch schon einmal vorgekommen, dass Leute mit einem kleinen Korb und einem Messer zum Start der Führung an den Laubacher Schlosshof kamen. "Die haben tatsächlich geglaubt, wir sammeln bei unserem Rundgang gemeinsam Kräuter", Renate Funk muss laut lachen.

Welche Tipps aus dem Mittelalter sie dem Publikum mit auf den Weg geben, bleibt natürlich geheim. Fast jedenfalls, denn Inge Thurow verrät doch eine Überlieferung aus ihrem in Leinen eingebundenen Kräuterbuch. Vor allem Männer würden hellhörig, wenn sie preisgebe: "Brennesesselsamen essen, das schürt das Feuer in den Lenden!"

Um ihr Repertoire zu erweitern, haben die beiden Frauen 2017 eine weitere Führung etabliert: die Weibergeschichten mit Frau Buderus und Haushälterin Anna. Sie erzählen launig, was sich im 18. Jahrhundert innerhalb der Stadtmauern Laubachs zugetragen hat.

Ans Aufhören denken die Kräuterweiber Renate Funk und Inge Thurow noch lange nicht. "Eigentlich sind wir ja schon 80, aber wir schlafen immer unter der Linde, das hält jung und macht schön", meinen sie abschließend mit einem Augenzwinkern.

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