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Förster Ulrich Gessner und Bürgermeister Julien Neubert im Licher Stadtwald, der schwer gelitten hat. Nun wird aufgeforstet. FOTO: US

Altes Revier, neuer Chef

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Sein Revier ist der Stadtwald von Lich, sein Büro befindet sich im Rathaus. Und dort läuft Förster Ulrich Gessner nun regelmäßig seinem Chef über den Weg. Der 52-Jährige hat Hessen Forst verlassen und steht seit dem 1. März in städtischen Diensten.

Um die Sicherheit seiner Leute muss sich Revierförster Ulrich Gessner keine großen Gedanken machen. Die vier Licher Waldarbeiter und die zwei rumänischen Saisonkräfte arbeiten draußen an der frischen Luft, die Pflanzreihen liegen zwei Meter auseinander. Wenigstens hier, im Stadtwald, ist die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus nicht das alles beherrschende Thema. Ganz anders als im Rathaus, wo der Förster in seinem Büro direkt über dem Stadtverordnetensitzungssaal etwa die Hälfte seiner Arbeitszeit verbringt. Seit ein paar Wochen begegnet er hier auch regelmäßig seinem Chef. Zum 1. März nämlich ist Gessner von Hessen Forst in die Dienste der Stadt Lich gewechselt. In der Stadtverwaltung bildet er einen eigenen Stab und ist direkt dem Bürgermeister unterstellt. Lich ist neben Gießen damit die einzige Kommune im Landkreis Gießen, die einen eigenen Förster beschäftigt.

Die Waldwirtschaft in Hessen hat unruhige Zeiten hinter sich. Neben der kartellrechtlich notwendigen Umstrukturierung der Holzvermarktung stand im vergangenen Jahr im Landesbetrieb Hessen Forst auch eine Vergrößerung der Reviere im Raum. Die wurde zwar vorläufig wieder auf Eis gelegt. In Lich allerdings hatte man unterdessen schon beschlossen, die Betreuung des Stadtwalds selbst in die Hand zu nehmen. Dabei ist es geblieben.

Dass ein Förster hier nicht genug zu tun hätte, steht nicht befürchten. Mit 1560 Hektar zählt das Licher Revier zu den größten im Landkreis. Zudem erfolgt der Start in die Eigenbeförsterung in turbulenten Zeiten. Zwei trockene Sommer, der ebenfalls trockene Winter 2018/19 und Sturm Friederike haben dem Stadtwald stark zugesetzt. Ganze Altbestände sind abgestorben, vor allem Fichten und Buchen. Die Folge: Seit Oktober und haben die Waldarbeiter ausschließlich kranke und absterbende Bäume fällen müssen. "Für alle, die im Wald tätig sind, höchst frustrierend", sagt Gessner. Von zielgerichtetem Waldbau können in einer solchen Situation nicht die Rede sein, nur noch von Schadensbegrenzung. Liegenlassen könne man das Holz nicht. "In einem Jahr kauft’s keiner mehr." Schon jetzt sei der Preisverfall dramatisch. "Der europäische Markt ist mit Fichte überschwemmt."

Nun gilt es, die Lücken zu füllen. Drei Baumschulen haben in den vergangenen Tagen 32 000 kleine Setzlinge angeliefert. In den kommenden Wochen müssen sie auf den Kalamitätsflächen angepflanzt werden. Die Pflanzsaison läuft bis Ende April. "Erst dann können die Mitarbeiter mal durchschnaufen", sagt Gessner.

Welche Baumarten auf lange Sicht dem Klimawandel trotzen können, vermag heute noch niemand zu sagen. Um das Risiko zu streuen, setzt man in Lich auf einen Mix von Bäumen, die zuletzt mit der Trockenheit besser zurecht- kamen als die Buche. Die Elsbeere gehört dazu, der Feld-ahorn und die Flatterulme. Laut Gessner alles heimische Baumarten, die bislang aber lediglich ein Nischendasein führten. Beim Nadelholz setzt die Stadt auf Weißtanne, Kiefer und Douglasie.

32 000 Jungpflanzen: die Zahl klingt gewaltig. Dabei machen die Setzlinge nur einen Bruchteil des Nachwuchses aus. "Vielleicht zehn Prozent", schätzt der Förster. "Die meisten Flächen, auf denen die Altbestände absterben, holt sich der Wald von selbst zurück." Gessner hat dabei die Naturverjüngung im Blick. Buche, Ahorn und Linde haben sich unter den weichenden Kronen der Altbuchen selbst ausgesamt.

Allerdings: Ob die jungen Buchen mit dem Klimawandel besser klar kommen werden als ihre Vorfahren, ist unter Experten umstritten. Die einen glauben, dass sie sich an die veränderten Gegebenheiten anpassen werden. Andere sind pessimistisch. "Genau wissen wir das erst in einigen Jahrzehnten", sagt Gessner.

Die Aufforstung lässt sich die Stadt einiges kosten. Allein die Jungpflanzen schlagen mit rund 40 000 Euro zu Buche. Rechnet man die Löhne fürs Pflanzen und für Pflegearbeiten später im Jahr dazu, kommt der Förster schnell auf eine sechsstellige Summe, die die Stadt in die Kulturen investiert. "In den jungen Jahren wird investiert, in den alten Jahren verdient" - so lautet die Regel, die in Zeiten des Klimawandels allerdings nicht mehr für alle Baumarten gilt.

Gessner hat das Licher Revier 2016 übernommen. In Politik, Verwaltung und Bevölkerung verspürt er großen Rückhalt. "Es gibt hier ein starkes Interesse am Wald. Sonst wäre ich nicht hierher gekommen", sagt der 52-Jährige, der aus dem Taunus stammt. Auch Bürgermeister Dr. Julien Neubert unterstreicht, dass die nachhaltige Waldwirtschaft für die Stadt eine große Rolle spiele. Der Wald erfüllte vielfältige Funktionen. "Wir wollen nicht alles rausholen, was geht."

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