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»Als Verkäufer nichts überweisen«

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Von: Christina Jung

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Ebay-Kleinanzeigen gehört zu den reichweitenstärksten Onlinediensten in Deutschland. Von der Mode bis zum Möbelstück wird hier so ziemlich alles gehandelt. Aber bei der Nutzung ist Vorsicht geboten. Denn auch Betrüger sind auf dem Portal unterwegs. SYMBOLFOTO: DPA © DPA Deutsche Presseagentur

Ein Reiskirchener will eine gefütterte Herrenjacke verkaufen, ein Mann aus Großen-Buseck einen Radsatz. Beide inserieren bei Ebay-Kleinanzeigen. Beide geraten in das Netz mutmaßlicher Betrüger.

Egal ob man ein gebrauchtes Fahrrad sucht, ein Bett, Schuhe oder Bücher - auf Ebay-Kleinanzeigen ist all das und noch viel mehr zu haben. Doch bei der Verwendung des Online-Marktplatzes ist Vorsicht geboten. Denn Kriminelle nutzen ihn für Betrugsmaschen. Das bekam jüngst Wolfgang Schmidt aus Reiskirchen zu spüren. Seit rund zehn Jahren verkauft er Ausrangiertes auf Ebay-Kleinanzeigen. Im Oktober hatte er über das Portal eine schwarze Long-Jacke für Herren angeboten. Als ein Interessent sich meldet, tauschen die beiden mehrfach Informationen aus: Versandkosten, Bankdaten, Adressen - das Übliche. Komisch kommt dem 81-Jährigen vor, dass er das Kleidungsstück nicht an den mutmaßlichen Interessenten, sondern an dessen Cousine versenden soll. Als der potenzielle Käufer irgendwann auch noch darum bittet, dem Paket eine 100-Euro-Geschenkkarte beizulegen, wird Schmidt hellhörig.

Ebenso wie ein 46-jähriger Großen-Busecker, der über Ebay-Kleinanzeigen einen Radsatz loswerden will. Nachdem er sich mit einem Interessenten auf einen Preis geeinigt hat, behauptet dieser, gerade länger in Südafrika zu sein und die Ware nicht persönlich abholen zu können. Der Verkäufer soll eine Spedition einschalten. Dem Familienvater kommt das komisch vor, er beginnt zu recherchieren und stößt auf eine Betrugsmasche.

Beim Polizeipräsidium Mittelhessen sind derartige Vorgänge bekannt, wie Pressesprecher Jörg Reinemer auf Anfrage bestätigt, auch wenn sie der Polizei eher selten gemeldet würden. Und sie sind kein Phänomen von Ebay-Kleinanzeigen. »Das gibt es auch auf Facebook-Flohmärkten, Auto-Verkaufsportalen wie mobile.de oder autoscout24.de. Überall, wo etwas verkauft wird«, so Reinemer.

Beide Betrugsvarianten sind nicht neu. Wer im Internet recherchiert, findet jede Menge Informationen dazu. »Es gibt sie mit kleinen Abwandlungen immer wieder, und das seit mehreren Jahren«, weiß der Polizeipressesprecher. So komme es beispielsweise vor, dass Kosten für die Abholung der Artikel durch eine Firma, insbesondere bei sperrigen Gegenständen, vom Verkäufer getragen werden sollen. Dieser wird gebeten, in Vorkasse zu treten und soll bei Abholung entschädigt werden. »Am Ende bleibt er auf der Ware sitzen und hat den finanziellen Schaden zu tragen«, sagt der Polizeipressesprecher. So sei es vor einigen Jahren einer Ärztin aus dem Landkreis Gießen ergangen, die über Ebay-Kleinanzeigen ein Sofa verkaufen wollte. Reinemer: »Am Ende hatte sie 2000 Euro für die Spedition bezahlt und die Couch stand immer noch in ihrem Wohnzimmer.«

Etwas anders die Vorgehensweise mit der Geschenkkarte: Der angebliche Käufer bittet um die Zusendung der Ware an eine dritte Person, meist ist von einem Verwandten oder Bekannten die Rede, dem damit eine Freude gemacht werden soll. Zusätzlich soll dem Geschenk noch eine Guthabenkarte, beispielsweise von Amazon, beigelegt werden. »Versprochen wird, dass Ware, Guthabenkarte und sogar noch eine kleine finanzielle Aufwandsentschädigung nach Versand über Paypal bezahlt werden«, berichtet Reinemer. Doch dazu kommt es nicht.

Denn die Kriminellen nutzen für die Bezahlung Accounts, die ihnen nicht gehören und holen sich das angewiesene Geld später wieder zurück. Oder sie fälschen schlicht Paypal-E-Mails, die eine Bezahlung suggerieren sollen. Die Folge: Der Verkäufer bleibt auf allen Kosten sitzen, und die Ware ist weg.

Wie können sich Nutzer von Verkaufsportalen schützen? »Immer den Verstand eingeschaltet lassen, bei Kleinanzeigen möglichst die persönliche Übergabe, also Geld gegen Ware, nutzen, bei Paypal darauf achten, dass die Kommunikationsadresse auch die Zahladresse (E-Mail) ist«, sagt Reinemer. Vorsicht sei geboten, wenn der Versand der Ware nicht an den eigentlichen Käufer gehen soll, außerdem bei Überzahlung von Artikeln, also als Verkäufer kein Geld überweisen. Reinemer: »Wie immer gilt: Erst denken, dann klicken.«

Die Männer aus Reiskirchen und Großen-Buseck haben genau das getan. Sie wurden stutzig und brachen die Kommunikation mit den angeblichen Interessenten ab. Wolfgang Schmidt meldete den Vorgang zudem der Polizei.

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