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Vor 75 Jahren: Deutsche Soldaten machen auf dem Rückzug in Allertshausen halt, kurz darauf war der "Ami" da. FOTO: PM

"Als der Ami in unser Dorf kam"

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Rabenau(tb). Im Blick auf das 2020 anstehende 800-jährige Dorfjubiläum wurde im Juni vorigen Jahres der Heimatverein Allertshausen gegründet. Als eines seiner Ziele formulierte man die Förderung der Heimatkunde. Ein Ergebnis dieses bürgerschaftlichen Engagements ist die im Januar erschienene Dorfchronik.

Dem gleichnamigen Arbeitskreis unter Leitung Kurt Hillgärtners ging es darum, dem Leser die wechselhafte, oft nicht einfache Zeit längst vergangener Tage zu vermitteln.

Weiter Hillgärtner: "Die aktuelle Krise - in der die Menschen wieder zusammenstehen müssen, um gemeinsam die Situation zu meistern - lässt uns schnell vergessen, dass wir immer wieder in unserem Leben Höhen und Tiefen zu bestehen haben." Besonders schnell in Vergessenheit gerieten dabei die Kriegsjahre, da viele Zeitgenossen nur den Aufschwung miterlebten. Umso wichtiger sei es, auf das ein oder andere "Vergangene" aufmerksam zu machen.

Was Rabenaus Ehrenbürgermeister meint: Dieser Tage jährt sich zum 75. Mal das Ende des Zweiten Weltkrieges, kam der "Ami" auch nach Allertshausen. Folgend ein Rückblick, basierend auf Recherchen für die Chronik "800 Jahre Allertshausen".

"Am 23. März durchfuhr ein SS-Schützenpanzerwagen Allertshausen. Wegen eines Fahrwerkschadens wollte ihn die SS ohne Rücksicht auf die Bevölkerung an der Wirtschaft Nachtigall sprengen. Erst auf die energischen Einsprüche einiger Männer jagten sie ihn am Friedhof in die Luft. Die Feldscheune von Joh. Nachtigall brannte, konnte aber von der Feuerwehr gerettet werden. Am 26. März kamen drei Bataillone junger Rekruten ohne Offiziere ins Dorf. Tags darauf rückten sie wieder gen Marburg ab. Inzwischen waren auch in Allertshausen Strom- und Wasserversorgung ausgefallen, sodass die Bevölkerung am frühen Morgen und späten Abend an der Schaftränke Wasser holen musste.

Spitzen der US-Armee hatten bereits Limburg hinter sich gelassen sowie von Süden her Frankfurt und bald auch den Raum Grünberg erreicht. In der Nacht zum 28. März nahmen sie aus Richtung Göbelnrod das Lumdatal unter Artilleriefeuer.

Gegen Abend traf der Tross einer deutschen Einheit in Allertshausen ein. Nach einer Ruhepause in der Nacht setzte er sich nach Osten ab, einen Teil seiner Vorräte hatte er zuvor an die Bevölkerung verteilt. Tags darauf stießen feindliche Panzer von Nordeck her ins Lumdatal vor. An vielen Häusern hissten die Bewohner, die sich bei den Beschießungen verängstigt in die Keller geflüchtet hatten, nun weiße Fahnen. Doch noch immer zogen versprengte Wehrmachts-Soldaten durch die Gegend, in den Wäldern lagen Waffen. Halbwüchsige hantierten damit herum; es war ein Wunder, dass nicht auch hier wie in anderen Dörfern jemand ums Leben kam.

Am Karfreitag, 30. März, rollten US-Panzer von Beuern her kommend durch Allertshausen. Am Folgetag dann die erste Einquartierung, eine amerikanische Strafkompanie. Binnen zwei Stunden mussten viele Häuser geräumt sein. Die Dorfbewohner durften nur zu bestimmten Stunden vor die Tür. Gefangene Deutsche wurden am Rathaus zusammengetrieben. Einer Sorge aber waren die Allertshäuser bald entledigt: Es gab keine Gewalttätigkeiten der Besatzungsmacht. Trotzdem atmete alles auf, als die ›Amis‹ in der Nacht auf den 4. April wieder abrückten. Mancher schimpfte zwar, dass sie so manches hatten mitgehen lassen, aber schließlich fand man sich damit ab."

Wie es in der Chronik abschließend heißt, seien "noch mehrere Tage lang einzelne deutsche Soldaten nach Einbruch der Dunkelheit, heimlich, aus Furcht vor den nun freien Polen, ins Dorf gekommen, um sich Lebensmittel und Kleider für ihre Flucht nach Hause zu erbetteln."

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