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Umgeben von ihren eigenen Gemälden: Madeleine Solms in ihrem Haus. Neben Politik spielt auch Fußball bei ihr eine Rolle, wie man am Bild unten rechts erkennen kann.

Als nächstes ist Nawalny dran

  • Nastasja Akchour-Becker
    vonNastasja Akchour-Becker
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Madeleine Solms ist eine bemerkenswerte Frau. Sie spricht fünf Sprachen, hat zehn Kindern geboren und nach dem frühen Tod des Ehemannes alleine aufgezogen, zusätzlich den gräflichen Betrieb in Laubach geleitet und sich als Künstlerin einen Namen gemacht. Dabei schreckt sie auch vor politischen Themen nicht zurück. Heute wird die Gräfin 85 Jahre alt.

Pinsel stehen in einem Glas, Öltuben liegen auf dem Tisch, daneben sind mehrere Zeitungsartikel ausgebreitet. Sie alle handeln vom inhaftierten Kreml-Kritiker Alexej Nawalny. Ihn möchte Madeleine Solms als nächstes malen, und auch die Zeitungsartikel wird sie dabei einarbeiten. “Es ist so wahnsinnig dumm, wie sie mit Oppositionellen umgehen. Dabei ist Russland so ein schönes Land„, sagt sie. Vor politischen Themen schreckt die Gräfin in ihrer Malerei nicht zurück, auch die Unruhen in den Pariser Vororten oder den syrischen Bürgerkrieg hat sie schon mit Öl auf Leinwand umgesetzt.

Jüngst hat Madeleine Solms eine Bilderreihe zu ihrer schwedischen Großmutter Madeleine begonnen. “Bei ihr bin ich aufgewachsen, und ihr habe ich viel zu verdanken„, erzählt sie während des Gesprächs in Kloster Arnsburg. Dort, im Gartenhaus, lebt sie schon seit fast drei Jahrzehnten, im Nebengebäude ist ihr Atelier untergebracht.

Geboren ist die spätere Gräfin am 22. April 1936 in Gießen als Madeleine Prinzessin von Sayn-Wittgenstein-Berleburg. “Meine Mutter ist immer mit dem Zug nach Gießen gefahren, um dort ihre Kinder zu bekommen„, erinnert sich Solms. Denn eigentlich ist der Wohnsitz der Familie Schloss Berleburg im nordrhein-westfälischen Bad Berleburg. Solms hat noch zwei Brüder und zwei Schwestern. Ihr zwei Jahre älterer Bruder Richard hat später Benedikte, die Schwester von Dänemarks Königin Margarethe, geheiratet, ihre jüngere Schwester Tatiana ist die Mutter von Heinrich Donatus Prinz und Landgraf von Hessen, der jüngst als einer von drei deutschen Verwandten in Windsor an der Beisetzung von Prinz Philip teilnehmen durfte. Ihre andere Schwester erlitt eine Hirnhautentzündung und lebt seit vielen Jahren in einer Einrichtung von Bethel.

Madeleine Solms' schwedische Mutter Margareta Fouche d’Otrante hatte 1934 Gustav von Sayn-Wittgenstein-Berleburg geheiratet. “Mein Vater war im Zweiten Weltkrieg Offizier„, erinnert sich Solms, “und wurde nach Kriegsende vermisst.„ Erst Jahre später erhielt die Familie die Gewissheit, dass er in Russland umgekommen ist. Solms erinnert sich auch, wie am Geburtstag der Mutter Bomben auf das Schloss fielen und dass nach Kriegsende viele Verwandte aus dem Osten dort eine Zuflucht fanden.

“Weil meine Mutter aber nicht wusste, wie sich die Situation in Deutschland entwickeln würde, hielt sie es für das Beste, uns Kinder nach Schweden zu schicken„, sagt Solms. “Ich habe die Briefe, die sie an meine Großmutter schrieb, darin steht, dass es ihr das Herz gebrochen hat.„ Drei Wochen sei sie mit ihrem älteren Bruder und den beiden jüngeren Schwestern mit einem Konvoi, organisiert von einem schwedischen Diplomaten, durch Deutschland gefahren, um andere einzusammeln. Und als sie sich erinnert, wie sie in Kopenhagen stoppten, um den Vergnügungspark Tivoli zu besuchen, beginnt Solms zu schmunzeln. Im Sommer 1945 im Alter von neun Jahren kam sie schließlich nach Schweden. Die Geschwister wurden auf verschiedene Verwandte aufgeteilt, Madeleine wuchs bei ihrer Großmutter in Drottingholm, nahe Stockholm, auf.

“Die Zeit in Schweden und die schwedische Gesellschaft mit ihrer Offenheit haben mich sehr geprägt„, sagt Solms rückblickend. Man merkt es ihr auch an. Nachdem sie 1956 in Schweden Abitur gemacht hatte, ging sie zunächst zum Studieren nach München und kurz darauf nach Paris. Nach einem Zwischenstopp an der Sorbonne studierte sie an der Académie Julian Akt und Zeichnen. Nach zwei Jahren kam Graf Otto zu Solms-Laubach nach Paris, den sie in Büdingen kennengelernt hatte. “Er kam mit einem offenen VW und sagte: ›Du kommst jetzt nach Hause, du wirst jetzt geheiratet!‹", erzählt Solms. “Ich habe alles stehen und liegen gelassen, und wir sind mit dem VW nach Deutschland gefahren.„

Die Familie der beiden sollte kinderreich werden: Nach der Hochzeit 1958 bekam Madeleine Solms zehn Kinder, darunter dreimal Zwillinge, der jüngste Zwilling starb jedoch im Säuglingsalter. Und auch Graf Otto starb schon nach 15 Ehejahren. Fortan war Madeleine Solms auch für den gräflichen Betrieb in Laubach verantwortlich.

“Ich habe nie wieder geheiratet„, sagt sie und dann lacht sie: “Auch weil es keiner gewagt hat, eine Frau mit neun Kindern zu heiraten.„ Aber dennoch gab es eine weitere Liebe in ihrem Leben. “Bei einer Kur in Österreich habe ich Eli, einen Israeli, kennengelernt. Wir liefen in Innsbruck auf der Straße und haben uns beide gleichzeitig nacheinander umgedreht„, erinnert sie sich. “Er war fabelhaft„, sagt Solms, “und er hatte viel zu erzählen, als Wiener Jude, der in letzter Minute geflohen war.„ Solms blieb monatelang in Israel, besuchte an Weihnachten Betlehem und schwamm im Toten Meer. Geschäftsmann Eli kam im Sommer gerne nach Deutschland, wo alles so schön grün war.

Ob ein Aufenthalt in einer sibirischen Schule zum Unterrichten, eine Wohnmobiltour über Schloss Amalienborg in Kopenhagen bis hin zur Verwandtschaft in Schweden oder eine Busreise durch die baltischen Staaten: Das Reisen gehört zu Solms' Leidenschaften. Gerne macht sie das zusammen mit ihren Enkeln - auch um sie so besser kennenzulernen, denn bei 36 Enkelkindern und bald 13 Urenkeln ist das eine gute Gelegenheit.

Als die Kinder außer Haus waren, wandte sich Solms dann auch wieder mehr der Kunst zu. Sie besuchte die Abendschule am Städel und entdeckte die Ölmalerei für sich. Gerne würde sie dieses Jahr in Arnsburg eine Ausstellung zusammen mit dem befreundeten Künstler Horst Gutbrod machen, aber das wird, wie etwa die jährlichen Enkeltreffen bei ihr im Garten oder der Besuch bei ihrer Schwester in Bethel, pandemiebedingt noch etwas warten müssen.

Deshalb wird sie heute ihren 85. Geburtstag auch ganz bescheiden zu Hause in Arnsburg feiern. Doch das Ständchen von Sohn “Kalli„, dem Oberhaupt der Familie Solms-Laubach und Grafen in Laubach, ist gewiss, verrät sie.

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