Im Juli 1992 wurde im Landratsamt ein Modell der geplanten Deponie ausgestellt, in die Realität wurde es nie umgesetzt.
+
Im Juli 1992 wurde im Landratsamt ein Modell der geplanten Deponie ausgestellt, in die Realität wurde es nie umgesetzt.

Holzheim

Wie ein Dorf im Kreis Gießen eine Deponie verhinderte

  • VonStefan Schaal
    schließen

500 Millionen Mark sollte sie kosten, größer werden als 100 Fußballfeldern: Ein Holzheimer Verein wehrte sich vor gut 30 Jahren gegen den Bau einer Mülldeponie am Dorfrand. Was macht der Verein heute?

Pohlheim – Es war eine kleine Meldung, fast wäre sie ohne Beachtung geblieben: Vor wenigen Tagen hat der Bürgerverein Mensch, Umwelt und Natur in der Zeitung sein Bedauern bekannt gegeben, dass er kaum noch Spenden erhält. Wohlgemerkt handelt es sich um einen Verein, der einst ein ganzes Dorf hinter sich brachte, dessen Kampf das gesamte Gießener Land bewegte. Ein Verein, der gegen den Landkreis aufbegehrte und erfolgreich die geplante Kreismülldeponie in Holzheim verhinderte - ein 500 Millionen Mark teures Projekt auf einer 75 Hektar großen Fläche.

»Der Verein hat es fertiggebracht, Menschen zusammenzuführen«, sagt Horst Biadala, Gründungsmitglied und heutiger Vorsitzender. »Wo vorher noch Gräben waren, gab es sie plötzlich nicht mehr.« Die damaligen Aktionen seien ein Auslöser gewesen, »dass das Dorf zusammengefunden hat«. Bis heute wirke das nach. »Mit dem Verein ist Holzheim gesellschaftlich zusammengewachsen.« Das Vorhaben der Mülldeponie, sagt Biadala, »war im Nachhinein ein Glück für unser Dorf.«

Kreis Gießen: Fast ganz Holzheim stand hinter Anti-Mülldeponie-Verein

Biadala, 79 Jahre alt, steht mit früheren Kampfgefährten vor einer Ackerfläche am westlichen Rand Holzheims. Es ist regnerisch und kühl. Doch schnell beginnen sie, Anekdoten auszutauschen. Sie kommen auf den Spätsommer 1989 zu sprechen, als hier, auf dieser Fläche, der Landkreis das Areal vermessen ließ, Hunderte Menschen täglich protestierten, Polizisten Demonstranten wegtrugen und schließlich ein riesiger Bohrer ins Erdreich hinabsank.

Dass auf der Fläche hinter ihnen heute kein Müll lagert, dafür haben sich (v. l.) Gerhard Schneider, Horst Biadala, Ewald Seidler und Ulrich Sann seit Ende der 80er Jahre eingesetzt.

Direkt nach dem Holzheimer Kirmeswochenende habe sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitet, dass die Bohrgeräte in der Nähe waren und abends in Linden geparkt worden waren. »Ich bin dann am nächsten Morgen um fünf Uhr mit einem Lautsprecherwagen durch den Ort gefahren«, erzählt Biadala »und habe zum Demonstrieren aufgerufen.« Eine Stunde später standen die ersten 300 Holzheimer auf dem Feld.

Am 14. November 1988 hatte der Kreistag mit einer Stimme Mehrheit beschlossen, dass Holzheim der Standort der Kreismülldeponie werden sollte. Aus der Bürgerinitiative wurde ein Bürgerverein, dem sich 2000 Menschen - und damit nahezu das gesamte Dorf - anschlossen, Holzheim hatte 2200 Einwohner.

Kreis Gießen: „Wir haben damals auf Zeit gespielt“

Biadala und seine Vorstandskollegen erinnern sich an eine Hütte am Waldrand, die als Zentrale diente. An Verhandlungen mit dem damaligen Landrat Rüdiger Veit in einem Wohnwagen, an dem die Demonstranten so heftig rüttelten, bis der Wagen beinahe umkippte. An den Mitstreiter Hans-Jürgen Backes, der sein Autotelefon zur Verfügung stellte, um in einer Zeit noch ohne Handy oder Smartphone vor Ort ständig Informationen sammeln zu können.

»Wenn ich von der Arbeit nach Hause gekommen bin, war keiner da«, erzählt Biadala. »Die Familie war oben auf dem Feld.« Er habe seine Tasche in die Ecke gestellt und sei zu den Demonstranten gegangen. »Wir hatten dort auch einen Grillstand, dort habe ich erst mal etwas gegessen.« Mehrere Monate, von August bis Oktober 1989, sei das der Alltag gewesen. »Wir haben damals vor allem auf Zeit gespielt«, erzählt er. Es sei darum gegangen, die Arbeiten zu verzögern, auch in der Hoffnung auf technischen Fortschritt bei der Müllverarbeitung. »Ich hatte ehrlich gesagt anfangs nicht das Gefühl, dass wir siegen würden.«

Kreis Gießen: Deponiepläne für Holzheim 2005 verworfen

2005 wurden die Deponiepläne in Holzheim endgültig zu den Akten gelegt. Sicherlich, gesteht Biadala, sei in den vergangenen Jahren für den Verein ein gewisser Bedeutungsverlust zu verzeichnen, was auch an den ausbleibenden Spendeneingängen abzulesen ist. Doch noch immer habe man 800 Mitglieder und durch deren Beiträge weiterhin durchaus finanzielle Mittel, betont der Vorsitzende.

Der Kampf gegen die Deponie sei von Anfang an nicht der einzige Existenzgrund des Vereins gewesen, sagt Biadala. In der Satzung stehe, dass man sich für Natur und Menschen in Holzheim einsetze. Vor wenigen Jahren hat der Verein den Bau eines Rastplatzes am Fahrradweg in Richtung Langgöns organisiert. Außerdem hat er eine Hütte zur Beobachtung der Natur am einstigen Steinbruch errichtet. Regelmäßig unterstütze man die Holzheimer Vereine sowie die Dorferneuerung und die Kirchen, Kita und die Regenbogenschule mit Geldern, habe außerdem die Gründung des Fördervereins Schwimmbad in die Wege geleitet.

»Wir kämpfen nicht mehr an der Front. Wir sind ins zweite Glied gerückt«, sagte der Vorsitzende. Es gehe heute darum, nach dem Erfolg des Protests Dankbarkeit zurückzugeben. »Das ist eine Daueraufgabe.« (Stefan Schaal)

Sie interessieren sich für weitere Geschichten und Nachrichten aus Gießen und Umgebung? Erfahren Sie hier mehr über unseren kostenlosen täglichen Mail-Newsletter.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare