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Die Basketball-Meistermannschaft des MTV 1846 Gießen von 1965 (hinten, v. l .): Burkhard Ehrlich, Klaus Urmitzer, Ernie Butler, Holger Geschwindner, Klaus Jungnickel, Hans-Georg Rupp, Betreuer Horst Schum; vorne (v. l.): Hermann Schirmer, Jürgen Gelling, Bernd Röder, Carl Clausen, Heinz Roß, Peter Nennstiel. Es fehlt Trainer Dieter Müller.

Als die Zeilen laufen lernten

  • Ralf Waldschmidt
    VonRalf Waldschmidt
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Bleisatz, Fotosatz, Digitalsatz. Das technische Arbeitsverfahren zur Erstellung der Zeitung hat sich in den vergangenen 75 Jahren rasant verändert. Wie der Sport auch. In Formel-1-Geschwindigkeit hat sich die Informationsweitergabe gewandelt. Wo heute ein Mausklick reicht, war einst noch die Rohrpost über mehrere Etagen unterwegs. Auch die regionale Sportwelt ist eine vollkommen andere.

Wie war das eigentlich, vor 25, 50 oder 75 Jahren, als die digitale Welt noch- nicht den Alltag der (Sport-)Redakteure bestimmte? Informationen wurden per Telefon oder Fax, überwiegend aber per Post weitergegeben. Analoge Fotos benötigten lange Aufenthalte im Labor, aktuelle Bilder von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen landeten mit immenser Verspätung in der Tageszeitung. In der mehrköpfigen Redaktion klapperten stundenlang die Schreibmaschinen und rauchten bei einer »HB« mit Filter und bitter-abgestandenem Endlos-Kaffee unter enormem Zeitdruck die Köpfe.

Aus ein bis zwei Seiten Sport täglich zu Beginn der 1950er Jahre ist im Laufe der Jahre fast ein ganzes »Buch« (zehn bis zwölf Seiten) geworden. Beim Blick zurück könnte man nun Techniken (den guten alten Bleisatz) erklären, Entwicklungen aufzeigen (vom Metteur zum elektronischen Ganzseitenumbruch), veränderte Arbeitsweisen (sonntäglicher Telefon-Marathon) dokumentieren. 75 Jahre Sportredaktion stehen ebenso wie die Arbeit in den anderen Ressorts für das »Als die Zeilen laufen lernten« - aber auch für eine vollkommen andere regionale und internationale Sportwelt.

Nach dem Krieg

Der Sportbetrieb in Deutschland und damit auch in Mittelhessen leidet unter dem Mangel in nahezu allen Bereichen des täglichen Lebens. Dennoch bietet der Sport eine willkommene Abwechslung im tristen Alltag der späten 1940er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Entsprechend gestaltet sich die Berichterstattung in der »Freien Presse«, die von Zurückhaltung geprägt ist. Zu einem Bezirksvergleich Gießen/Alsfeld treten im Januar 1946 Handballer und Fußballer gegeneinander an. Gießen gewinnt bei den Fußballern vor 1000 Zuschauern mit 4:2, die heimischen (Feld-)Handballer setzen sich mit 14:1 (!) durch.

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Im Laufe der Jahre werden die Zeitungsartikel auch im Sport inhaltsschwerer. Deutschland nimmt wieder am internationalen Spielbetrieb teil, auch auf regionaler Ebene wird wieder verstärkt Sport getrieben. »Herbergers deutsches Wunderteam wurde Fußballweltmeister 1954«, titelte diese Zeitung seinerzeit. Handgeschriebene Texte, Fahrradboten, Schriftsetzer - die lokale Sportberichterstattung beschränkt sich noch weitgehend auf Gießen und Umgebung. Es wird berichtet, recherchiert, interviewt - mangels technischer Ausrüstung aber ganz selten fotografiert.

1960er Jahre

In Mittelhessen stehen Fußball und Handball hoch im Kurs. Der VfB 1900 Gießen holt 1963 den Meistertitel in der 1. Amateurliga Hessen. Die Basketballer des MTV 1846 Gießen feiern 1965 die erste deutsche Meisterschaft. »Ein Wunschtraum ging in Erfüllung«, schreibt die »Freie Presse« nach dem 69:68-Triumph am 23. Mai über den VfL Osnabrück. Auch im Radball ist Mittelhessen eine große Nummer. Höhepunkt ist der Gewinn der Weltmeisterschaft durch Werner Wenzel/Günter Bittendorf vom RV Teutonia Krofdorf-Gleiberg 1967.

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Fußball auf dem Waldsportplatz, Hallensport in der Volkshalle, Bergturnfest auf dem Hoherodskopf - mit der Mobilität wird auch die Sportberichterstattung umfangreicher. Motor- und Radsport gewinnen an Bedeutung.

1970er Jahre

Die Erfolge der Gießener Basketballer reißen nicht ab, 1975 und 1978 heißt der Deutsche Meister erneut MTV 1846, der TV 05/07 Hüttenberg spielt in der Spengler-Ära in der eingleisigen Handball-Bundesliga. Ebenfalls 1978 holen Ute und Ruth Jiskra vom RV Germania Hungen ihren ersten von drei EM-Titeln im Zweier-Kunstrad. Regional gehört der VfL Bad Nauheim in der Eishockey-Bundesliga zu den Etablierten, Eigengewächs Rainer Philipp holt 1976 mit dem Nationalteam Olympia-Bronze.

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Das Seitenvolumen in der Sportberichterstattung wächst und wächst. Das Redaktionsteam wird weiter ausgebaut, regionaler vom überregionalen Sport getrennt. Die Mitarbeiter sind zumeist motorisiert, die Satellitentechnik lässt schnellere Bildübertragung zu, der Sport wird gesellschaftsfähig und nimmt montags 50 Prozent der gesamten Ausgabe ein. Die gute alte Schreibmaschine leistet ganze Arbeit. Korrektoren, Metteure und Setzer sind noch unersetzlich. Kuriere überbringen - teils noch mit Moped oder Taxi - die gesammelten Sportergebnisse, um deren Aushang sich sonntags von 18 bis 21 Uhr die Sportinteressierten an den Verlagshäusern und Geschäftsstellen scharen.

1980er Jahre

Der Gießener Motorsportler Stefan Bellof wird 1984 als erster Deutscher Langstrecken-Weltmeister, verunglückt am 1. September 1985 beim 1000-Kilometer-Rennen im belgischen Spa aber tödlich. Nicht zu vergessen sind die Volleyball-Triumphe des USC Gießen, der 1982, 1983 und 1984 jeweils die deutsche Meisterschaft an die Lahn holt.

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Die Revolution in der Zeitungsbranche beginnt. Computer ersetzen nach und nach die Schreibmaschine, die Andruckzeiten lassen sich schon bei der Fußball-WM 1986 in Mexiko bis nachts um 2.15 Uhr schieben. In der Sportredaktion bimmeln sonntags von 17 bis 21 Uhr unentwegt die Telefone, die Nachfrage nach Fußball-, Handball- und Basketballergebnissen ist riesig. Die zahlreichen heimischen Bundesligisten sorgen dafür, dass die Reporter bundesweit unterwegs sind. Der Sportteil der Montagausgabe erreicht in Stoßzeiten bis zu 23 (!) Seiten.

1990er Jahre

Goldene Zeiten erleben die Handballerinnen des TV Gießen-Lützellinden, die in den frühen 1990er Jahren in Deutschland unerreicht sind und 1991 mit einem Finalsieg über Hypobank Wien sogar den europäischen Thron besteigen. Der VfB 1900 kehrt nach langer Abstinenz in die Fußball-Hessenliga zurück und verpflichtet Weltmeister Uwe Bein, der TV 05/07 Hüttenberg und der TSV Dutenhofen liefern sich ein Wettrüsten um den Erstliga-Aufstieg, den die Handballer der HSG Dutenhofen/Münchholzhausen 1998 auch schaffen. Im Bad Nauheimer Sportpark beginnen sich Sport-Promis wie Michael Schumacher, Hilde Gerg und Carlos Sainz die Klinke in die Hand zu geben.

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Die digitale Revolution schlägt mit voller Wucht zu. Ganze Arbeitsprozesse (Fotolabor, Mettagen, Texterfassung) verschwinden, die Informationsübertragung an der Schwelle zum neuen Jahrtausend wird mobiler, E-Mails ersetzen mehr und mehr den Postweg, die Bildschirmarbeit verschmilzt ein halbes Dutzend Arbeitsprozesse.

2000 bis 2010

Die Medien rücken den überregionalen Sport immer mehr in den Mittelpunkt. 2003 werden die deutschen Fußball-Frauen mit der Wetzlarerin Nia Künzer Weltmeister, die Heim-WM 2006 lässt mehr als nur alle Fußballer-Herzen höher schlagen. Was den Fußballern verwehrt bleibt, gelingt den deutschen Handballern 2007, die als Weltmeister im eigenen Land ein »Wintermärchen« schreiben.

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Schneller, höher, weiter. Die Sportberichterstattung macht sich das olympische Credo zu eigen. Internetrecherche, Mobiltelefone und Online-Angebote erhöhen nochmals das Tempo der Berichterstattung, sorgen für eine »Just in time«-Aktualität. Das Fernsehen sucht mit immer späteren Anstoßzeiten nach Exklusivität; mit der Tageszeitungen nur noch auf lokaler Ebene mithalten können.

2010 bis heute

Neue Sportarten (Pole Dance, Open Gym) gewinnen an Bedeutung, andere verlieren an Aufmerksamkeit (Kunstrad). Der TV 05/07 Hüttenberg feiert 2011 als »kleines gallisches Dorf« den Aufstieg in die 1. Handball-Bundesliga, muss ein Jahr später aber wieder runter. Die Langgönser Sprinterin Lisa Mayer sorgt 2016 bei den olympischen Spielen in Rio für ein Ausrufezeichen einer heimischen Sportlerin in einer der olympischen Kernsportarten. Die Basketballer der Gießen 46ers steigen erstmals aus der Bundesliga ab und wieder auf, Handball-Bundesligist HSG Wetzlar prägt unter Trainer Kai Wandschneider eine Ära und holt Weltstar Ivano Balic an die Lahn.

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Die Tabellenbearbeitung geschieht im großen Stil mithilfe immer modernerer Software über Dienstleister, Print- und Online-Angebote ergänzen sich bzw. laufen parallel, die Anforderungen an Redakteure im IT- und EDV-Bereich wachsen. Es ist eine komplett neue Arbeitsweise und -atmosphäre am »Newsdesk« entstanden, die Informationsverarbeitung erfolgt in Sekundenschnelle, selbst über die sozialen Medien (WhatsApp, Facebock, Twitter, Instagram). Die abendliche Aktualität verliert an Bedeutung, fundierte Hintergrundberichterstattung wird verstärkt nachgefragt. Denn beim Knopfdruck auf die Druckmaschine sind über TV, Klub- und Verbandshomepages, Streaming-Dienste und soziale Medien viele Nachrichten bereits übermittelt und am nächsten morgen bei der U 40-Generation überholt.

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