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Volle Klassenzimmer, Präsenz- statt Wechsel- oder Distanzunterricht - das wünschen sich Schüler, Eltern und Lehrer auch für die Zeit nach den Sommerferien. Aber was passiert, wenn die vierte Welle doch übers Land schwappt? Sind die Schulen im Landkreis gerüstet? Norbert Kissel, Leiter des Staatlichen Schulamtes, sagt, man stehe gut da. SYMBOLFOTO: DPA

»Allheilmittel gibt es noch nicht«

  • VonChristina Jung
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Niedrige Infektionszahlen wiegen viele Menschen derzeit in Sicherheit. Andererseits ist da die Sorge mit Blick auf eine mögliche vierte Welle. Wie bereiten sich die Schulen auf diese Option vor? Sind sie gerüstet? Was haben sie aus anderthalb Jahren Pandemie gelernt? Norbert Kissel, Leiter des Staatlichen Schulamtes Gießen, sagt: »Die Schulen in Stadt und Landkreis stehen gut da.

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Nach einem belastenden Schuljahr unter Corona-Bedingungen fordern viele eine Rückkehr zur Normalität. Aber ist das sinnvoll?

Einerseits sollten wir den Wiedereinstieg in die Normalität nicht übereilen, andererseits sind da unstrittig die Nachteile für Bildung, Erziehung und die seelische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen, wenn es wieder heißen sollte: Distanzunterricht. Das fortwährende Rechnen mit einer ganzen Reihe von Unbekannten ist und bleibt sehr anstrengend. Wir sind weiter gezwungen, die Entwicklung genau zu beobachten, um dann in erster Linie zu reagieren. Aber natürlich plädiere ich für so viel Präsenzunterricht wie nur irgend möglich.

Thema Luftfilteranlagen: Wäre mit deren flächendeckendem Einbau nicht jede Diskussion über Präsenz-, Wechsel- oder Distanzunterricht obsolet?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die flächendeckende Versorgung damit die Lösung für alles ist. Filter ersetzen nicht das Lüften. Dort, wo nicht gelüftet werden kann, sind solche Geräte vielfach bereits im Einsatz. Die Diskussion darüber trägt mir langsam zu populistische, irrationale Züge. Dahinter stehen zwar ernstzunehmende Ängste und das nachvollziehbare Bedürfnis nach einem Rundum-Sicherheitskonzept. Aber auch die Suche nach Allheilmitteln, die es leider noch nicht gibt.

Die Aussagen vieler Politiker in der Pandemie gleichen häufig einem Schlingerkurs. Haben Schüler, Eltern und Lehrer nach anderthalb Jahren Corona nicht endlich das Recht auf belastbare Planungen?

Leider hat das Virus uns eine Menge an Erwartungen und Rechten genommen, so auch das auf belastbare Planungen. Sich der Entwicklung der Pandemie anzupassen, hat nichts mit unzureichender Planung oder Schlingerkurs zu tun.

Heute beginnen die Sommerferien. Welche Überlegungen gibt es für einen besseren Umgang mit der Krise ?

Die Vorbereitungen für das neue Schuljahr laufen seit Wochen auf Hochtouren. Quasi in jeder Woche gibt es neue oder überarbeitete Regelungen, die den Umgang mit der Krise optimieren sollen. Ich denke, dass Schulen und Bildungsverantwortung seit Corona darum bemüht sind, die jeweils beste Handhabung auf der Grundlage der zur Verfügung stehenden Erkenntnisse und der kaum vorhersehbaren Erfordernisse zu gewährleisten.

Die Sieben-Tage-Inzidenz ist gerade niedrig. Experten warnen aber schon länger vor einer vierten Welle. Welche Lehren haben Sie aus dem vergangenen Schuljahr gezogen?

Meine persönliche Lehre: Nicht so schnell. Handeln mit Umsicht, Pragmatismus ja, aber keine Hemdsärmelei.

Was wollen Sie konkret tun, wenn die Zahlen im Herbst wieder steigen?

Für diesen Fall werden wir grundsätzlich landesweit einheitlich handeln, wobei die regionalen Gesundheitsämter Verschärfungen der geltenden Regelungen verfügen können. Wie das konkret aussehen würde, weiß ich nicht. Ich hoffe, dass wir keine vierte Welle bekommen. Alles kommt jetzt sehr auf das verantwortungsvolle Handeln der jungen und älteren Erwachsenen an.

Die Corona-Pandemie hat wie unter einem Brennglas gezeigt, was an Schulen alles im Argen liegt. Ein »Weiter so« darf es in den Augen vieler nicht geben. In welchen Bereichen steht der Landkreis mittlerweile gut da? Wo sehen Sie Nachholbedarf?

Ein »Weiter so« sollte in der Bildung generell ausgeschlossen sein. Die Schulen in Stadt und Landkreis stehen gut da. Wir sehen derzeit keinen Anlass zur Sorge, was die Unterrichtsversorgung im kommenden Schuljahr betrifft. Nehmen wir zum Beispiel den Schub in der Digitalisierung als Folge der Krise: Bund, Land und Schulträger haben große Summen investiert und gehandelt. Wer meint, es ginge trotzdem zu langsam und es würde zu wenig investiert, sollte sich mal näher mit dem Themenkomplex Beschaffung, Finanzierung, Support etc. beschäftigen.

Viele Schüler benötigen coronabedingt mehr Förderung. Reicht das von Bund und Land angekündigte Aufholprogramm in Ihren Augen dafür aus?

Das sage ich Ihnen, wenn das Aufholprogramm bis in die Details ausformuliert und in der Umsetzung ist. Die Schulen haben jetzt ihre Budgetzuweisung bekommen und sind in der Planung. Die Konzepte werden den jeweiligen Erfordernissen angepasst sein. Die Schulen entscheiden im Rahmen ihrer Handlungsspielräume anhand von Bedarfen und Ressourcen. Das Staatliche Schulamt begleitet diese Planungen. Ich bin zuversichtlich und verlasse mich auf die Kompetenz, Umsicht und das verantwortungsvolle Handeln der Schulen.

Der Verband Erziehung und Wissenschaft fordert in diesem Zusammenhang den Einsatz multiprofessioneller Teams an allen Schulen. Wie sehen Sie die Chancen dafür?

Es gibt bereits viele multiprofessionelle Teams an den Schulen, und ihre Zahl wird weiter steigen.

Thema Personal: Schon vor der Pandemie war der Schulbetrieb vielerorts ohne Lehramtsstudierende, »VSS-ler«, Quer- und Seiteneinsteiger nicht aufrechtzuerhalten, die Pandemie hat das Problem dort verschärft, wo viele Lehrer zur Risikogruppe gehörten. Sehen die Planungen für das neue Schuljahr diesbezüglich Verbesserungen vor?

Die Planungen sind in vollem Gang und orientieren sich daran, dass das Schuljahr ohne Einschränkungen durch Corona starten kann. Die Versorgung der Schulen in Stadt und Landkreis Gießen gelingt seit Jahren auf sehr hohem Niveau. Die Quote der besetzten Lehrerstellen beträgt fast 100 Prozent. Vertretungsbedarfe entstehen beispielsweise durch Elternzeiten oder krankheitsbedingte Ausfälle. Wenn es erforderlich ist, wird für die Vertretung auch auf angehende Lehrkräfte zurückgegriffen, die sich in der Ausbildung befinden. Der große Vorteil für den Standort Gießen ist, dass die Ausbildung von Lehrkräften vor unserer Haustür stattfindet. So können wir auf einen gut gefüllten Vertretungspool zurückgreifen.

Also alles paletti an den hiesigen Schulen?

Die ganze Situation fordert unsere Schulen enorm. Es wurde eine Menge on top geleistet und es wird vermutlich noch eine Zeit so weitergehen. Aber ich weigere mich, in den Chor derer einzustimmen, die alles schlechtreden. Ich kann mich auf unsere Schulen verlassen, die Schulträger tun, was sie können. Wir starten optimistisch ins neue Schuljahr.

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