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In den vergangenen Jahrzehnten ist Allendorf/Lumda gewachsen. Die "Siedlung" mit der Gesamtschule in der unteren Bildhälfte ist erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Links oben ist das Gewerbegebiet Richtung Treis erkennbar.

Ortsporträt

Wieso Tradition in Allendorf/Lumda manchmal bis an die Schmerzgrenze geht

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Die Kreiskommune mit den wenigsten Einwohnern ist eine Stadt - das gehört zum Allendorfer Selbstverständnis. Die Kernstadt ist im Wandel begriffen, gleichzeitig werden Traditionen gepflegt - manchmal bis an die Schmerzgrenze.

Heimat ist einfach zu buchstabieren, aber ein schwieriges Wort. Eine deutsche Spezialität, manchmal ein politischer Kampfbegriff. Für mich persönlich ist Heimat aber ziemlich eindeutig mit einem anderen Wort zu übersetzen: Allendorf/Lumda. Bis ich 20 war, habe ich hier gelebt. Wer an dieser Stelle ein nüchternes Ortsporträt ohne persönliche Note erwartet, sollte vielleicht lieber umblättern. Das hätte jemand anderes schreiben müssen.

Natürlich könnte man Allendorf als Dorf bezeichnen, aber viele Allendorfer sind stolz auf das Wort "Stadt" auf dem Ortsschild. Wer hier das Rathaus betritt, der geht "auf die Stadt". Seit 1370 - das habe ich in der Grundschule gelernt - führt Allendorf Stadtrechte. Von der Bedeutung von einst zeugen noch der letzte verbliebene Wehrturm und Reste der mittelalterlichen Stadtmauer. Der Stadt-Status hat dagegen heute faktisch keine Bedeutung mehr - und führt mitunter zu Missverständnissen. Schon etliche Male musste ich erklären, dass die Stadt Allendorf (Lumda) nichts mit der Stadt Stadtallendorf zutun hat.

Allendorf/Lumda: Vereine mit Spitzenpositionen

Mit 2528 Einwohnern (Erstwohnsitze, Stand 30. Juni 2019) gehört Allendorf zu den mittelgroßen Orten im Landkreis. Gemeinsam mit den Nordeck, Winnen und Climbach bildet Allendorf (Lumda) die Kreiskommune mit der niedrigsten Einwohnerzahl.

An erster Stelle unter den Kreiskommunen steht Allendorf zumindest im Telefonbuch. Darüber hinaus nehmen einige Allendorfer Gruppen regelmäßig Spitzenpositionen ein. Zum Beispiel der Spielmannszug der Freiwilligen Feuerwehr, der bei Bundeswertungsspielen wiederholt erfolgreich war. Die Kegler behaupten sich auf hohem Niveau, und die Tischtennisabteilung des TSV hat sich unter anderem mit herausragender Jugendarbeit einen Namen gemacht. Um ein Haar hätten die Allendorfer Tischtennisspieler vor einigen Jahren mit den Climbachern fusioniert, doch in letzter Sekunde platzte der Zusammenschluss doch noch. Ein Beispiel für das teils komplizierte Verhältnis Allendorfs zu seinen Nachbardörfern. Meine Familiengeschichte ist ein Gegenbeispiel dazu: Mein Opa stammte aus Climbach, meine Oma aus Allendorf. Hat irgendwie funktioniert.

Allendorf/Lumda: Nikelsmarkt als Höhepunkt

Das Allendorfer Jahr hat einen unbestrittenen Höhepunkt: Die Nikelsmarktwoche Anfang November. Dann putzt sich das Städtchen heraus, an vielen Häusern flattern blau-schwarze Flaggen. Ich erinnere mich gut, wie ich als ABC-Schütze mit meinen Eltern am Vorabend des Krämermarktes an den Buden vorbeilief. Endlich konnte ich selbst lesen, wo es Würstchen und wo es Schoko-Bananen gibt. Später wurden dann eher die Glühweinstände interessant.

Über die Jahre hat das Programm Staub angesetzt, birgt nur selten Überraschungen. Einige Veranstaltungen sind allerdings auch kaum aus der Marktwoche wegzudenken. Das gilt etwa für den Heimatabend: Am Vorabend des Krämermarktes wird Jahr für Jahr der "Bärtzebürger" mit der "Bärtzekapp" gekürt. In den 70ern wurde diese Ehre auch Landespolitikern zuteil, heute Einwohnern, die sich ehrenamtlich engagieren. Was die Leute auf der Gass’ beschäftigt und welche Peinlichkeiten sich übers Jahr zugetragen haben, davon kündet stets der Prolog der in Tracht gewandeten Marktfrauen - natürlich auf Platt vorgetragen.

Für waschechte "Anorfer" ist der Nikelsmarkt-Mittwoch ein lang ersehnter Termin. Da gilt es, Prioritäten zu setzen - notfalls auf Kosten der Gesundheit, wie mir eine Allendorferin neulich erzählte: Nach einer komplizierten Geburt hatte sie gegen ärztlichen Rat das Krankenhaus verlassen, um auf den Nikelsmarkt gehen zu können. Wenige Meter nach dem Verlassen des Hauses merkte sie, dass das keine gute Idee war und machte unter Schmerzen kehrt. Aber keine Sorge: Sie ist längst wieder wohlauf.

Allendorf/Lumda: Entwicklung am Ortsrand

In den vergangenen Jahren hat das Lumdatalstädtchen zwischen Totenberg, Homberg und Ziegenberg sein Gesicht gewandelt: Neue Wohnhäuser sind im Nordosten der Kernstadt entstanden. Und am Ortsausgang Richtung Treis ist ein kleines Gewerbegebiet gewachsen - mit Edeka-Markt, Ärztehaus, Waschanlage und Tankstelle. Die Kehrseite: Im Ortskern sind Angebote weggefallen. Den Einkaufsmarkt in der Londorfer Straße (früher Kontra) gibt es nicht mehr, ebensowenig innerörtlichen Arztpraxen und die Metzgerei. Immerhin: In der früheren Apotheke hat 2018 ein Café eröffnet, das schnell zum beliebten Teffpunkt geworden ist.

Das stolze historische Erbe der Stadt halten verschiedene heimatkundliche Akteure aufrecht. Auch ihnen ist es zu verdanken, dass seit ein paar Jahren mit Gedenkstelen an die während der NS-Herrschaft ermordeten Allendorfer Juden erinnert wird. Mit neuem Rechtsextremismus musste sich die Zivilgesellschaft im Ort vor gut fünf Jahren auseinandersetzen. Nicht wenige Allendorfer haben etwa bei Mahnwachen gegen Rechts Haltung gezeigt, Stichwort: "Das Lumdatal bleibt bunt".

Allendorf/Lumda: Manche hoffen auf die Lumdatalbahn

Wie mobil das Lumdatal bleibt oder wird, darüber werden die kommenden Jahre Aufschluss geben. Früher sind wir oft über die rostigen Gleise spaziert - es war immer klar, dass nie ein Zug kommen wird. Mittlerweile wünschen sich viele Allendorfer, dass die Lumdatalbahn bald wieder fährt. Die Chancen stehen nicht schlecht.

Ach ja, eins noch: An einer Wand in meiner Wohnung hängt ein verbeultes, grünes Blechschild mit der gelben Aufschrift "Lumda". Es wies Passanten auf der Brücke in der Bahnhofstraße darauf hin, wie der Fluss heißt. Eines Tages lag das Schild auf der Straße. Wahrscheinlich hätte ich es als rechtschaffener Bürger im Rathaus abgeben sollen - habe ich aber nicht. Sorry dafür. Aber echte Anorfer wissen ja auch ohne Schild, welches Flüsschen durch ihre Heimat plätschert.

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