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Absage wegen Corona

"Trauriger Anblick": So erleben die Allendorfer den Tag, an dem eigentlich Nikelsmarkt wäre

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Ausgerechnet im Jubiläumsjahr musste der Nikelsmarkt wegen Corona ausfallen. Wie erleben die Allendorfer den Markttag ohne Markt? Was fehlt ihnen am meisten?

Dichtes Gedränge in den Marktstraßen, Stände mit süßen und herzhaften Leckereien, ein lockerer Plausch mit alten Bekannten: Dieses Bild bietet sich in Allendorf/Lumda Jahr für Jahr am ersten Mittwoch im November - zumindest bisher. Denn diesmal ist fast alles anders: Die Straßen sind wie leergefegt. Kaum Menschen, keine Stände, keine Stimmung. Vieles, was den Nikelsmarkt ausmacht, ist im Covid-Jahr 2020 praktisch ausgeschlossen, erst recht angesichts der nun rapide steigenden Fallzahlen.

Es sollte ein ganz besonderer Markt werden. Vor 650 Jahren erhielt Allendorf Stadtrechte, von Anfang an war das Marktrecht eng damit verbunden. Der Nikelsmarkt hat sich über die Zeit gewandelt, aber bis heute gehalten. Doch ausgerechnet im Jubiläumsjahr macht die Corona-Krise einen Strich durch die Rechnung.

Bürgermeister Thomas Benz hat von seinem Büro im Rathaus einen direkten Blick auf die Bahnhofstraße, über die normalerweise etliche Menschen Richtung Markt strömen. "Jetzt würde ich mit den Marktfrauen und dem Bärtzebürger über den Markt laufen", sagt er am Mittwochvormittag mit Nostalgie in der Stimme. Zumindest war die Nacht nicht ganz so kurz wie in den Vorjahren - denn am Dienstagabend vor dem Markt wird Jahr für Jahr beim Heimatabend der Bärtzebürger gekürt, da wird es meist spät. Auch diese Veranstaltung wurde abgesagt.

Allendorf/Lumda ohne Nikelsmarkt: "Ich könnte heulen."

Auch dem Bürgermeister fehlt der Markt mit allem, was dazu gehört - etwa "Schulkollegen, die man einmal im Jahr trifft". Benz weiter: "Man kann es nicht in Worte fassen, ich könnte heulen." Das letzte Mal wurde der Nikelsmarkt während des Zweiten Weltkriegs abgesagt. Eine völlig andere Situation, doch aus Sicht mancher ist die Corona-Pandemie die einschneidenste Krise seit dem Krieg.

"Aufgeschoben ist nicht aufgehoben", versichert Benz. Das Programm für das Stadtjubiläum inklusive stehendem Festzug liege noch in der Schublade. Doch noch sei völlig unklar, wann solche Veranstaltungen wieder möglich sind. Finanziell sei die Markt-Absage für die Stadt kein Problem, sagt Benz. Für Vereine und Beschicker brechen dagegen deutliche Einnahmen weg.

Kaum ein Wölkchen trübt am Mittwochmittag den strahlend blauen Himmel. Es scheint wie Hohn, zumal das in den letzten Jahren selten der Fall war. "Bombenwetter", bemerkt Reiner Bergen. Für ihn ist dieser Tag besonders bitter - es wäre sein letzter Markt als Marktmeister gewesen. Seit dem Morgengrauen wäre er unterwegs gewesen, hätte Stände kontrolliert und letzte Plätze vergeben.

Allendorf/Lumda ohne Nikelsmarkt: "Da blutet einem das Herz."

"Es ging mir schon am Sonntag so und heute wieder", sagt Bergen. "Es ist ein ganz trauriger Anblick, wenn man die gähndende Leere auf den Straßen sieht. Da blutet einem das Herz." Gerade für die Älteren, die vielleicht nicht mehr viele Märkte erleben werden, sei das traurig. Schon jetzt hätten "optimistische Beschicker" sich für 2021 beworben. Doch andere seien über 60, hätten nur den Jubiläumsmarkt noch mitmachen wollen. "Wir werden nächstes Jahr einige Lücken haben", befürchtet der Marktmeister.

Ganz gleich, wen man an diesem Mittwoch zum verhinderten Nikelsmarkt befragt, die Antworten sind stets ähnlich: Vielen Allendorfern fehlt die Geselligkeit, das lockere Bummeln über den Markt.

So geht es auch einer Frau, die gerade die Festschrift zu 650 Jahren Stadtrechten und Nikelsmarkt im Rathaus ergattert hat. "Der Krämermarkt am Mittwoch, da triffst du Hinz und Kunz", sagt sie. Nur eben nicht in diesem Jahr.

Allendorf/Lumda ohne Nikelsmarkt: Vor einem Jahr noch kaum vorstellbar

Um die Mittagszeit schlendern ein paar Grundschulkinder auf dem Heimweg über die Kreuzung. An einem normalen Nikelsmarkt-Mittwoch würden sie jetzt vielleicht die Stände ansteuern, Freunde auf dem Markt treffen, den ein oder anderen "Marktgroschen" einsammeln. Doch sie wirken nicht betrübt. Womöglich ist ihnen gar nicht bewusst, dass heute eigentlich Nikelsmarkt wäre. So scheint es auch manch älteren Allendorfern zu gehen. "Ich habe gar nicht mehr daran gedacht", bekundet eine 67-Jährige, die gerade mit ihrem Enkel spazieren geht. Für sie sei an diesem Mittwoch die US-Präsidentenwahl das beherrschende Thema. Zwar sind der Markt und die Wahl zwei Paar Schuhe. Aber noch vor einem Jahr schien beides schwer vorstellbar - eine mögliche zweite Amtszeit Trumps und erst recht die Absage des Nikelsmarkts.

Ein paar Details erinnern trotz allem daran, dass dieser Tag eigentlich ein besonderer wäre: Beim Bäcker an der Kreuzung haben die "Märtweck" am Mittwochvormittag reißenden Absatz gefunden. Die gezuckerten Brötchen gehören ähnlich selbstverständlich zu den Markttagen wie der Bärtzebürger.

Und vor allem in der Treiser Straße hängen, wie jedes Jahr Anfang November, Fahnen in den Stadtfarben blau und schwarz an einigen Häusern, als wollten sie Corona trotzen. Auch Robert Buining hat sein Haus beflaggt. "Das war klar", sagt der Bärtzebürger des Jahres 2007, "das ist eigentlich selbstverständlich".

Immerhin eine Selbstverständlichkeit in einem Jahr, in dem kaum Vorstellbares Realität geworden ist.

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