Die kürzlich aufgestellten Schilder (hier in der Londorfer Straße in Allendorf) haben Unbekannte abmontiert.
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Die kürzlich aufgestellten Schilder (hier in der Londorfer Straße in Allendorf) haben Unbekannte abmontiert.

Politisch motiviert

„Toleranz“ demontiert: Schilder in Allendorf nach wenigen Tagen gestohlen - Staatsschutz ermittelt

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Kürzlich wurden in Allendorf (Lumda) und seinen Stadtteilen fünf Schilder aufgestellt, die auf Vielfalt, Demokratie und Toleranz hinweisen. Nun wurden sie gestohlen, die Polizei ermittelt.

Allendorf – Für Allendorfs Bürgermeister Thomas Benz war es ein Schreck auf Raten: »Am Donnerstag hat mich jemand im Büro angerufen und gesagt: ›Das Toleranz-Schild in Winnen ist weg.‹« Er habe dann Bauhof-Mitarbeiter losgeschickt, berichtet Benz. Und bald war klar: Nicht nur am Ortseingang von Winnen, sondern auch an jenen in Climbach, Nordeck und Allendorf (Treiser Straße und Londorfer Straße) waren die Schilder entwendet worden. »Ich hatte mich darauf eingestellt, dass sie beschmiert werden«, äußert sich der Rathauschef am Wochenende. »Aber dass alle fünf auf einmal weg sind - das ist ziemlich dreist.«

Der Allendorfer Ordnungspolizeibeamte, so Benz, habe umgehend Anzeige wegen Diebstahls bei der Polizei in Grünberg erstattet. Laut Polizeiauskunft vom Sonntag ist es nun ein Fall für den Staatsschutz. Erst vor wenigen Tagen hatte die Stadt die Schilder aufgestellt, ein offizieller Pressetermin sollte laut Bürgermeister bald stattfinden.

Die Botschaft auf den Schildern (»Allendorf (Lumda) - Ort der Vielfalt, Demokratie und Toleranz«) hat, so scheint es, umgehend Gegner dieser Aussage auf den Plan gerufen. Wer hinter der Aktion steckt, ob es eine Person war oder mehrere, das muss nun ermittelt werden. Dass es sich aber um eine politisch motivierte Straftat handelt, liegt zumindest sehr nahe. Auch Benz sieht das so: »Davon ist auszugehen.« Die Schilder waren jeweils mit vier Schrauben befestigt, das Abmontieren also mit einem gewissen Aufwand verbunden.

Allendorf (Lumda): Probleme mit Rechten bereits 2012

Im Lumdatal, gerade in Allendorf, weckt die Straftat Erinnerungen an Vorfälle vor ein paar Jahren: 2012 hatte eine Gruppe von Rechtsextremisten dort ihr Unwesen getrieben. Die damalige Bürgermeisterin Annette Bergen-Krause und weitere Kommunalpolitiker wurden bedroht und belästigt, Aufkleber mit rechten Parolen im Ort angebracht.

Damals hatten die Taten die Zivilgesellschaft im Lumdatal aufgerüttelt: Ein runder Tisch wurde in Staufenberg initiiert, Mahnwachen abgehalten. Vor dem Hintergrund der rechtsextremen Übergriffe wurde unter dem Schlagwort »Dabeisein« eine »Partnerschaft für Demokratie« im Rahmen des Bundesprogramms »Demokratie leben« gegründet. Zu den Zielen gehört, die Zivilgesellschaft zu stärken, vor allem auch die Teilhabe junger Menschen zu fördern und so dazu beizutragen, dass demokratiefeindliche Tendenzen schwerer Fuß fassen können. Neben Lollar, Staufenberg, Allendorf (Lumda) und Rabenau sind inzwischen auch Buseck und Reiskirchen beigetreten.

Allendorf (Lumda) Schüler entwarfen Motiv

Bundesweit haben sich schon etliche Kommunen zu »Orten der Vielfalt« erklärt. Die Toleranz-Schilder im Lumdatal gehen auf Anträge der Grünen zurück: Sie sollen ein sichtbares Bekenntnis zu demokratischen Werten darstellen. Schüler der Clemens-Brentano-Europaschule in Lollar haben das Motiv entworfen,. Es ist angelehnt an Picassos Friedenstaube.

Die Diskussionen über die Aufstellung der Schilder zogen sich in den Parlamenten teils hin. Von CDU-Seite kam der Einwand, man könne solche Werte nicht per Schild verordnen, sie müssten gelebt werden. Ohnehin seien Toleranz, Demokratie und Vielfalt Gebote des Grundgesetzes. Mancher riet von den Schildern ab - auch mit dem Hinweis, man provoziere damit Demokratiefeinde.

In Allendorf entschied das Parlament schließlich, dass man bei der Aktion mitziehen werde, wenn andere Kommunen es auch tun. In Lollar sind die Schilder aufgestellt, auch in Staufenberg ist dies beschlossen.

Für die Finanzierung der Schilder kommt »Dabeisein« auf. Aus Sicht von Andreas Schaper (Koordinierungs- und Fachstelle des Projekts) ist der Schilder-Klau ein Indiz dafür, dass es in Sachen Prävention weiter viel zu tun gibt. »Wir müssen da offenbar noch ein bisschen mehr Arbeit leisten«, äußerte sich Schaper am Sonntag, gerade mit Blick auf Jugendarbeit.

Allendorf (Lumda): Bürger wollen Motiv in Fenster hängen

Seit der Zerschlagung der rechtsextremen Kameradschaft »Freie Nationalisten Lumdatal« vor etwa sechs Jahren war es um die rechtsextreme Szene im Lumdatal ruhiger geworden. »Das Gedankengut ist aber nicht weg«, mahnt Schaper. Wie ordnet er die jüngste Straftat ein? Um 2012 habe es »konkrete Bedrohungen von Einzelpersonen« aus einer organisierten rechtsextremen Gruppierung heraus gegeben. »Das hatte eine andere Qualität«, so Schaper. Gleichwohl versteht er den Diebstahl der Schilder nun als »Alarmzeichen«.

Benz ist sich sicher: »Bis auf einen verschwindend geringen Prozentsatz sind die Allendorfer tolerant.« Doch die Tat lege den Schluss nahe, dass dies eben nicht für alle gilt.

Wie geht es nun weiter? Schaper spricht sich dafür aus, dass die Schilder möglichst schnell ersetzt werden. Benz will sich dazu nun unter anderem mit Stadtverordnetenvorsteherin Sandra Henneberg besprechen. Es gebe bereits Anfragen von Bürgern, die sich die Schilder gern als Plakat ins Fenster hängen oder das Toleranz-Motiv als Aufkleber verwenden würden. »Eine super Idee«, findet der Bürgermeister. Je weiter die Botschaft um sich greifen würde, desto schwerer könnten Demokratiefeinde sie entfernen.

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