Gorch Fock

Sanierungschaos bei der Gorch Fock: Das sagt ein Ex-Besatzungsmitglied aus Allendorf (Lumda)

  • schließen

Lange war die Gorch Fock das Paradeschiff der Marine, doch seit Jahren macht sie negative Schlagzeilen. Karl Gustav Pfeifer aus Allendorf (Lumda) gehörte zur Besatzung. Was sagt er zum Chaos um die Sanierung?

Auf einer Kaffeetasse in Karl Gustav Pfeifers Wohnzimmer strahlt der Stolz der deutschen Marine noch in alter Pracht: das Segelschulschiff Gorch Fock mit hochgezogenen schneeweißen Segeln und blitzblankem Rumpf, ein imposanter Anblick.

Doch die Realität sieht inzwischen anders aus: Die Dreimastbark fristet ein trauriges Dasein in einer Werft im niedersächsischen Elsfleth, rostig und marode. Die Gorch Fock ist zum Sorgenkind und Sanierungsfall geworden. Ein Millionengrab, umhüllt von Korruptionsvorwürfen – und weit davon entfernt, wieder seetauglich zu sein.

Bekannter als ihr Namensgeber

In welch schlechtem Zustand sie ist, hatte das Verteidigungsministerium offenbar völlig unterschätzt, die Sanierungskosten stiegen und stiegen. Die Werft, in der sie liegt, ist inzwischen insolvent. Seit dieser Woche ist klar: Die Instandsetzung soll fortgesetzt werden. Eine Nachricht, die Pfeifer freut. "Das ist in Ordnung", sagt er, "es ist wichtig, dass sie wieder fit gemacht wird".

Benannt ist das Schiff nach einem Schriftsteller, der im Ersten Weltkrieg in einer Seeschlacht gefallen war. Den Namensgeber kennen heute die wenigsten. Das Schiff aber ist längst nicht nur Seeleuten ein Begriff. Vielen ist es aus den Nachrichten bekannt – oder vom alten Zehn-Mark-Schein.

Für Pfeifer hat die Dreimastbark weit größere Bedeutung. Sie ist Teil seiner eigenen Vergangenheit, voll beladen mit Erinnerungen an weite Reisen auf hoher See.

Generationen von Offiziersanwärtern haben auf der Gorch Fock Erfahrungen gesammelt. Heute gibt es für junge Menschen aus Deutschland viele Möglichkeiten, fremde Länder kennenzulernen – etwa auf Reisen, über Schüleraustausche oder während des Studiums.

Von Allendorf in die weite Welt

Von alledem konnte Pfeifer, Jahrgang 1942, als junger Mann nur träumen. "Ich wollte schon immer zur See fahren", blickt er zurück. Darin sah er die einzige Option, als Junge vom Dorf, weit weg von der Küste, die Welt zu bereisen. Als gelernter Elektriker heuerte der Allendorfer 1962 bei der Marine an. Zunächst ließ er sich zum Taucher ausbilden, war auf dem Kreuzer "Deutschland" unterwegs, der später in Indien verschrottet wurde.

Dann folgte ein dreiviertel Jahr auf der Gorch Fock. Dort war Pfeifer Maschinist – und musste als Taucher regelmäßig am Schiffsrumpf nach dem Rechten sehen. Im Gegensatz zu den Kadetten in Ausbildung gehörte er zur Stammbesatzung.

Das war ein Musterschiff, wir hatten alle Respekt davor

Karl Gustav Pfeifer, ehemaliger Maschinist auf der Gorch Fock

Damals lag die Jungfernfahrt der Gorch Fock erst ein paar Jahre zurück, sie war noch gut in Schuss. "Das war ein Musterschiff, wir hatten alle Respekt davor." Zugleich war sie ein Symbol für die noch junge Republik: kein waffenstarrender Stahlkoloss, sondern ein segelnder Riese ohne Kanonen, der eher an Freiheit als an Krieg erinnert.

Zur seemännischen Ausbildung auf dem Segelschiff gehörte stets auch das gemeinsame Setzen der Segel – ein Kraftakt, der Teamwork und Mut erfordert: Ein Teil der Besatzung muss dafür die Takelage hinauf klettern. Auch Pfeifer legte den Weg bis ganz oben an seinem zweiten Tag auf der Gorch Fock zurück. "Da haben alle erstmal Angst – wer geht schon freiwillig 45 Meter hoch!".

Vor wenigen Jahren machten tödliche Unfälle auf dem Schiff Schlagzeilen. Zwei junge Offiziersanwärterinnen stürzten ab. Danach kursierten Gerüchte über allzu harten Drill auf der Gorch Fock. Die Todesfälle hätten vermieden werden können, monierten Kritiker, und der Umgang der Schiffsführung damit sei wenig sensibel gewesen. Das Image des Paradeschiffs bekam erste Kratzer.

Während seiner Zeit an Bord sei niemand auf der Gorch Fock gezwungen worden, bis ganz oben zu klettern, erinnert sich Pfeifer, "da musst du hundertprozentig fit sein". Todesfälle auf dem Schiff habe es auch damals schon gegeben, aber sie hätten keine hohen Wellen geschlagen. "Die Öffentlichkeit hat es erst mitbekommen, wenn die Toten in ihrem Dorf beerdigt wurden."

Kopfschütteln über das Chaos

Nach dieser Episode – der Debatte um die Todesfälle und die harte Ausbildung an Bord – kam die Gorch Fock weiter in Verruf. Das Hickhack um die Sanierung zog und zieht sich hin.

Die Bordwände sind halb durchgerostet – so einen Mist gab es bei uns nicht

Karl Gustav Pfeifer, ehemaliger Maschinist auf der Gorch Fock

Marineveteran Pfeifer hat die Bark mit seiner Ehefrau Traudel zuletzt vor drei, vier Jahren besucht. Da seien ihm keine äußerlichen Mängel aufgefallen, erzählt er. Dass die Sanierung um ein Vielfaches teurer wird als einst der Bau, quittiert Pfeifer mit Kopfschütteln. "Die Bordwände sind halb durchgerostet – so einen Mist gab es bei uns nicht."

Regelmäßig sei damals nachgeschaut worden, ob und wo Reparaturen nötig sind. "Ich glaube nicht, dass es damals so weit hätte kommen können", sagt Pfeifer. "Da wurde vorher nicht richtig geschaut, was alles kaputt ist." Verteidigungsministerin von der Leyen habe sich mit ihrer öffentlichkeitswirksamen Stippvisite vor einigen Wochen der Gorch Fock erst angenommen, "als das Kind schon in den Brunnen gefallen war".

Bis vor wenigen Tagen war völlig offen, wohin die Gorch Fock künftig steuert. Reparieren um jeden Preis, als Museumsschiff trocken legen, verschrotten – nichts schien ausgeschlossen. Aus Pfeifers Sicht gab es stets nur eine Option: "Fertig machen – so schnell wie möglich! Jetzt ist schon so viel Geld ausgegeben, da kommt es auch nicht mehr darauf an", sagt er mit einem bitteren Lachen.

Aus der Zeit gefallen?

Einerseits macht ihn das Chaos rund um das Schiff fassungslos. Andererseits hält er die Gorch Fock für unverzichtbar. Aber warum eigentlich? "Das braucht man für die Segelausbildung, man wird vertraut mit der Natur und dem Wind." Die Gemeinschaft auf einem Segelschiff sei etwas ganz Besonderes, weil jeder sich auf den anderen verlassen können müsse. Auch deshalb, findet der Allendorfer, müsse das Ministerium nun aufs Tempo drücken, "die Kadetten warten darauf".

Zum Schluss zeigt Pfeifer noch einige Fotos aus seiner Gorch-Fock-Zeit. "Mensch, da krieg' ich richtig Heimweh", sagt er schwelgend. Manche halten das stolze Segelschulschiff für aus der Zeit gefallen; für ein Relikt, dessen Unterhaltung zu teuer und für eine moderne Marineausbildung ohnehin überflüssig ist.

Hat Pfeifer Verständnis für solche Skeptiker? "Nee, die sind nie auf dem Schiff gewesen."

Info

Sanierung wird zum Fiasko

Ursprünglich wollte das Bundesverteidigungsministerium das Segelschulschiff Gorch Fock für rund zehn Millionen Euro sanieren lassen. Mittlerweile wird mit Kosten von rund 135 Millionen Euro gerechnet, 69 Millionen sind bereits überwiesen. Laut einem Bericht des Bundesrechnungshofs war die Ministerin über die Kostenexplosion offenbar nicht informiert worden. Die als Generalunternehmer beauftragte Werft hat inzwischen Konkurs angemeldet, Korruptionsvorwürfe stehen im Raum. Am 12. Dezember war ein Zahlungsstopp verhängt worden, der vor wenigen Tagen wieder aufgehoben wurde. Nun soll die Gorch Fock für zunächst weitere elf Millionen Euro bis zum Sommer wieder schwimmfähig gemacht werden. (dpa/jwr)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare