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Wie aus Omas Garage ein Waschpark wurde

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Von: Erik Scharf

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Benjamin Hantschel hat in Allendorf aus einer Garagenwerkstatt ein professionelles Unternehmen geformt. Möglich gemacht haben das vor allem kulante Nachbarn und – die Großeltern.

Benjamin Hantschel ist ein ruhiger Zeitgenosse. Wenn er redet, sind die Sätze kurz, aber mit dem nötigen Inhalt gefüllt, um die Fragen zu beantworten. Gleiches kann man auf seine berufliche Karriere adaptieren. Nach seiner Ausbildung als Kfz-Mechaniker war für Hantschel schnell klar, dass er etwas eigenes auf die Beine stellt. Zwar war er eine Zeit lang in einem Gießener Autohaus beschäftigt, doch er wollte 2011 den Schritt in die Selbstständigkeit unbedingt wagen. Sechs Jahre später leitet er eine Firma, deren bauliche Investitionen bei rund 2,5 Millionen Euro liegen.

Für seine erste Räumlichkeit in der Allendorfer Kirchstraße musste der 31-Jährige aber nur lieb fragen. Es ging um die ungenutzte Garage auf dem Hof seiner Großeltern. Von diesem Zeitpunkt an wurde es rasant. Schnell wurden seine Dienste so häufig in Anspruch genommen, dass regelmäßig Autos, die auf ihre Reparatur warteten, die Einfahrten der Nachbarn blockierten, weil schlicht kein Platz mehr auf dem eigenen Hof war. »Wären die Nachbarn nicht so kulant gewesen, wäre das alles nicht möglich gewesen«, weiß Hantschel.

Zwangsläufige Expansion

Mit »das alles« meint er eine 5500 Quadratmeter große Fläche am westlichen Ortsrand. Darauf steht heute eine Reparaturwerkstatt, zwei Reifenlager, eine Parkhalle und einen Waschpark. Doch bis es dazu kam, waren Hantschels Großeltern der große Trumpf.

Um zu verhindern, dass Kunden über Wochen vertröstet werden mussten, bis sich Hantschel deren Fahrzeuge annehmen konnte, musste zwangsläufig expandiert werden. »Wir haben den Hof umgebaut, um Platz für drei Hebebühnen zu schaffen und haben auch noch den Keller als Büro in Beschlag genommen«, erzählt der Jungunternehmer. Und das alles mit Omas und Opas Segen? »Na ja, das war halt so«, zuckt er schmunzelnd mit den Schultern. »Außerdem kam damit Leben in die Straße«, schiebt er verteidigend hinterher. In der Provinz ein offenbar nicht zu unterschätzendes Argument. »Außerdem«, ergänzt Gesellschafter Hans-Jürgen Inden, der Hantschel beratend zur Seite steht, »hat es sie gefreut, direkt vor der Haustür zu sehen, was er tut.« Inden ist das Gegenteil zu Hantschel, der 56-Jährige bekleidet den kommunikativen und repräsentativen Part. Er war schon immer in der Wirtschaft tätig und unterstützt Hantschel im Tagesgeschäft. Hantschel und Inden kennen sich schon lange, die Familien sind befreundet.

Interessant für Wohnmobilisten

2015 kehrte in der Kirchstraße wieder Ruhe ein. Dafür herrscht nun drei Autominuten entfernt reges Treiben. Zuvor lag die Gewerbefläche am Ortsrand über ein Jahrzehnt lang brach. Mehrere Interessenten hatten sich im Laufe der Zeit das Areal reserviert, Bagger rollten aber nicht. Als Hantschel und Inden dort bauen wollten, wucherten sie mit dem Pfund der Sofortzahlung. Die Stadt, die hinter der Idee von Hantschel stand, hob die Reservierung auf und erteilte ihm den Zuschlag.

Dabei war die Bebauungsfläche anfangs deutlich zu groß, deshalb wurde zunächst nur eine Hälfte mit der Werkstatt und dem Reifenlager bebaut. Für die zweite Hälfte des Areals sicherte sich Hantschel ein Vorkaufsrecht. Dieses nahm er dann im vergangenen Jahr wahr und baute zunächst ein weiteres Reifenlager. Doch die Kunden hatten noch einen zusätzlichen Wunsch: »Viele haben gefragt, ob wir nicht ihr Auto waschen können. Da kam uns der Gedanke, einen Waschpark hinzustellen. Dafür hatten wir ja noch über 2000 Quadratmeter«, erzählt Hantschel. Also wurden drei Waschplätze, wovon einer auch für größere Pkw, wie Sprinter, ausgelegt ist, und eine automatische Anlage aus dem Boden gestampft.

Für Wohnmobile steht eine Entsorgungsstation zur Verfügung, alles rund um die Uhr verfügbar. Einzig die Waschanlage hat aufgrund von gesetzlichen Vorschriften Ruhezeiten.

Und als danach immer noch etwas Platz übrig war, baute Hantschel eine Parkhalle. »Die war vordergründig für große Fahrzeuge, wie Wohnmobile gedacht. Dann kamen aber Leute, und wollten Autos abstellen, für die sie zu Hause keinen Platz haben.« Nun stehen Caravans neben Oldtimern und Sportwagen.

Mit der Zeit erweitert wurde auch das Team. Hantschels jüngerer Bruder Nico, der ursprünglich aus Spaß an der Freude mitschraubte und nun gelernter Kfz-Mechatroniker ist, und Mechaniker Manuel Wolf gehören dazu. Ab August wird ein Lehrling ausgebildet, weitere Mechaniker werden gesucht. Hantschels Frau Andrea Simon kümmert sich seit April um die Verwaltung.

Ende noch nicht erreicht

Für die Stadt ist der Betrieb ein Gewinn. Die Erfolgsgeschichte scheint aber noch nicht am Ende. »Weiß man’s?«, antwortet Hantschel auf die Frage nach weiteren Baumaßnahmen. Es wären ja momentan genügend Flächen in Allendorf verfügbar, konkrete Pläne gebe es aber momentan nicht, sagt er. Doch auch, wenn seine Firma nicht weiter expandieren sollte, kann er behaupten: »Die Selbstständigkeit war der richtige Schritt.«

Und was ist mit Oma und Opa? Sie bekommen jeden Tag zum Mittagessen Besuch von ihren Enkeln. Schließlich müssen sie berichten, was aus ihrer ungenutzten Garage mittlerweile geworden ist.

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