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In der Treiser Straße in Allendorf/Lumda wurde 1996 eine 68-Jährige ermordet. FOTO: JWR

Serie "Mord verjährt nicht"

Mord in Allendorf/Lumda: Aufklärung nach 14 Jahren

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Im Februar 1996 wird eine Seniorin in Allendorf/Lumda ermordet. Niemand will etwas gesehen haben, die Ermittlungen führen ins Leere. Der Fall wird erst aufgeklärt, als jemand sein Gewissen erleichtert.

Am Abend des 25. Februar 1996 ist Ernst-Jürgern Bernbeck zu Fuß in Allendorf/Lumda unterwegs. Seine Mutter feiert ihren 85. Geburtstag im "Alten Bahnhof". Der Weg nach Hause führt Bernbeck auch durch die Treiser Straße, vorbei an einem gelben Haus. Er ahnt nicht, welch grausames Bild ihn wenige Stunden später in diesem Haus erwarten wird.

Als Bernbeck am nächsten Morgen bei der Arbeit in Gießen erscheint, erhält er einen überraschenden Auftrag: "Als ich zum Dienst kam, hieß es: ›Du kannst wieder zurück nach Allendorf fahren, da ist jemand tot aufgefunden worden.‹" Er macht sich auf den Weg, trifft dort noch den Hausarzt, der gerade den Tod der Bewohnerin des gelben Hauses festgestellt hat. Bernbecks erster Eindruck: "Man konnte sehen, dass da jemand etwas gesucht hat." Schnell wird klar: Die Frau ist keines natürlichen Todes gestorben, sie ist vermutlich aus Habgier getötet worden.

Es war ein Verbrechen, das auch wegen seiner Brutalität Schlagzeilen machte: In der Nacht zum Montag, 26. Februar 1996, wurde eine 68-jährige Allendorferin ermordet. Nachbarn waren am Morgen misstrauisch geworden, weil ihre Rollläden - anders als sonst - noch verschlossen waren. Im Haus machen sie eine schreckliche Entdeckung: Die alleinstehende, kinderlose Seniorin liegt blutverschmiert im Erdgeschoss, gefesselt mit einem Telefonkabel, den Mund mit Klebeband verschlossen.

Mord in Allendorf/Lumda: Fassungslosigkeit im Dorf

Bis zu seiner Pensionierung war Bernbeck als Kommissar bei der Kriminalpolizei bei etlichen Obduktionen dabei, "aber diese war die schlimmste". Die Frau hatte massive multiple Verletzungen erlitten und war, wie die Obduktion ergab, vermutlich minutenlang gewürgt worden, bis sie tot war.

Eigentlich ist Bernbeck im Kriminalkommissariat 11 damals für schweren Raub zuständig. Doch nach dem Mord bleiben viele Akten erstmal liegen. "Bei sowas werden alle Kräfte zusammengezogen, denn bei Tötungsdelikten muss es schnell gehen." Anwohner werden befragt, Fingerabdrücke und andere Beweise am Tatort gesichert und ans Landeskriminalamt nach Wiesbaden geschickt.

Der Mord sorgt in dem kleinen Lumdatalstädtchen für Fassungslosigkeit, ist für einige Zeit das beherrschende Thema auf den Straßen. Die 68-Jährige war im Dorf bekannt. Man hört, sie sei ein häufiger Gast auf Beerdigungscafés gewesen, auch wegen der gezuckerten Brötchen, die es in Allendorf zu diesem Anlass gibt. Und man weiß um ihre Sparsamkeit. Möglicherweise wurde ihr die zum Verhängnis: "Sie hat unten geschlafen, damit sie oben nicht heizen muss", sagt der damalige Kriminaloberkommissar Bernbeck.

Mord in Allendorf/Lumda: Heiße Spur bleibt aus

Wer hat ihr auf so brutale Art das Leben genommen? Der Mord nährt auch Misstrauen unter Einheimischen. Es war ein offenes Geheimnis, dass die Hintertür des eng an der Straße gebauten Hauses meist unverschlossen blieb. Ein Indiz dafür, dass der oder die Mörder aus Allendorf kommen könnten.

Die Tage vergehen, doch die heiße Spur bleibt aus. Der Tatort liegt an einer Hauptstraße. Aber niemand habe etwas gesehen oder gehört, erinnert sich Bernbeck an die Aussagen. Hat er es als Vor- oder Nachteil empfunden, in seinem eigenen Wohnort zu ermitteln? "Da spricht man schon anders miteinander", sagt er, "es war ein schmaler Grat".

Die Analyse von DNA-Spuren steckt in den 90er-Jahren bestenfalls in den Kinderschuhen, umso mehr sind die Ermittler auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen. Die Polizei verteilt Flugblätter an alle Haushalte in Allendorf. Sie fragt, wer in der Mordnacht etwas Verdächtiges beobachtet hat, wer Hinweise auf Einbrüche oder Menschen mit auffälligen Kratzspuren geben kann. Auch ein Hinweis-Telefon wird eingerichtet. Anfang April dann wieder eine Schlagzeile zu dem Mordfall: Ein junger Allendorfer wird vorläufig festgenommen. Doch er hat, wie sich schon einen Tag später herausstellt, nichts mit dem Mord zutun und wird wieder freigelassen.

Es wird Sommer, dann wieder Winter, und die Ermittlungen stecken in einer Sackgasse. "Warten auf den berühmten Zufall", titelt die Gießener Allgemeine ein Jahr nach dem Mord. Im Text ist von Spekulationen die Rede, das Opfer habe kurz vor der Tat noch einen hohen Geldbetrag von seinem Konto abgehoben, doch auch das bringt keinen Durchbruch. "Ihr Tod wird womöglich nicht gesühnt werden", schreibt der Autor.

Mord in Allendorf/Lumda: Der Alltag kehrt zurück

"Die Leute waren alle sehr aufgeregt. Jeder hat gefragt: ›Wie weit seid ihr‹?", erinnert sich Bernbeck. "Es war alles durchermittelt, da war nichts mehr. Dann stehen sie irgendwann vor einer Wand." Der K11-Ermittler kümmert sich bald wieder um seine liegengebliebenen Akten, um Fälle von schwerem Raub. Auch in Allendorf kehrt wieder Alltag ein, doch der ungeklärte Mord bleibt im Hintergrund ein Thema. "Man hat immer noch gehofft, dass der entscheidende Hinweis kommt. Aber das war nicht der Fall", sagt Bernbeck. Dass Morde längere Zeit nicht aufgeklärt werden, sei eher eine Seltenheit.

Bernbeck geht für einige Jahre ins Ausland, wird unter anderem Personenschützer für deutsches Botschaftspersonal in El Salvador und Libanon. 2005 geht er als Kriminalhauptkommissar in Pension. Da ist der Mord an der Seniorin noch immer nicht aufgeklärt. "Ich habe immer gesagt: Mord verjährt nicht. Falls es mehrere waren, verplappert sich jemand. Einer wird immer weich." Er sollte Recht behalten.

Jahre später, als kaum noch mit einem Ermittlungserfolg zu rechnen war, sollte sich die These der Ermittler vom Tag nach der Tat bestätigen: Es war ein Raubmord. Vielleicht wäre das Verbrechen bis heute nicht aufgeklärt, wenn nicht eine Mitwisserin ihr Gewissen erleichtert hätte: Ihre Tochter, sagt die Frau 2010 im Strafprozess aus, habe sich ihr eines Nachts Jahre nach dem Mord anvertraut: Deren Mann und ein Freund hätten das Opfer "platt gemacht", zitiert die Gießener Allgemeine die Aussage vor Gericht.

Mord in Allendorf/Lumda: 70 Mark als Beute

Die beiden Täter aus dem Lumdatal hatten, wie der Prozess ergibt, von dem Gerücht gehört, die Frau horte zuhause viel Bargeld. Einer hatte draußen Schmiere gestanden, er wird wegen seiner Tatbeteiligung in Allendorf zu sechs Jahren Haft verurteilt. Der andere war auf der Suche nach Beute von der Seniorin überrascht worden. Er drosch mit einem Schlagstock auf sie ein, sie schrie offenbar weiter. Schließlich würgte er sie zu Tode und fesselte die Frau, weil er sie wohl noch am Leben wähnte. Das Gericht verurteilt ihn zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe wegen Mordes und Raubes mit Todesfolge. Der Bundesgerichtshof verwirft die Revision eines Angeklagten, 2011 wird das Urteil rechtskräftig.

Erhofft hatten sich die Täter in jener Februarnacht satte Beute - auch, um Drogen zu finanzieren. Sie raubten ihrem Opfer Scheckkarten, mit denen sie nichts anfangen konnten, Modeschmuck und 70 Mark. Von dem Geld bezahlten sie nach dem Mord ein Taxi und einen Pizzaservice.

,,Es war alles durchermittelt, da war nichts mehr.

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