Fichte, früher der "Brotbaum" aller Waldbesitzer, wird heute als Kalamitätsholz verramscht. Von "Entsorgung" ist die Rede. FOTO: VH
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Fichte, früher der "Brotbaum" aller Waldbesitzer, wird heute als Kalamitätsholz verramscht. Von "Entsorgung" ist die Rede. FOTO: VH

Markt für Fichtenholz am Boden

  • vonVolker Heller
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Allendorf(vh). Die Waldschäden durch Klimawandel, Trockenheit der vergangenen Jahre, Schadpilze und Borkenkäfer stellen Forstwirtschaftspläne und sogar die hessische Forstreform auf den Kopf. Statt weiterhin Personal einzusparen, wird künftig wieder Nachwuchs gesucht. Wettenbergs Forstamtsleiter Ralf Jäkel sagte am Montagabend im Allendorfer Finanzausschuss: "Wir brauchen den Förster auf der Fläche." Das Gremium diskutierte den Wirtschaftsplan des Stadtwaldes. Der steht kräftig im Minus. 146 000 Euro beträgt die Unterdeckung.

Kostenträchtige Buchen-Ernte

Jäkel erläuterte, dieses Jahr seien besonders viele Revierleiter verabschiedet und deren Stellen mittlerweile in Absprache mit Hessen-Forst (Kassel) neu besetzt worden. Thomas Kremberg heißt der künftige Revierleiter in Allendorf. Wegen des vorgeschriebenen Bewerbungsverfahrens macht er das momentan kommissarisch. Er betreut das Revier seines Vorgängers Krautzberger, also die Wälder von Allendorf und Rabenau. Kremberg stellte sich kurz dem Ausschuss vor. Er wohne in Grünberg, habe zwei kleine Kinder und er wolle hier länger bleiben.

Den jährlichen Hiebsatz für den Allendorfer Stadtwald bezifferte Jäkel auf 3760 Festmeter. 2019 habe man 7000 Festmeter eingeschlagen, 6000 Festmeter allein an Fichtenholz. Bis Ende Oktober seien bereits 6800 Festmeter zusammen gekommen, darunter 5000 Festmeter Fichte. Am Jahresende stehe wieder der doppelte Hiebsatz zu Buche. Für 2021 plane man nur 2350 Festmeter. "Der Markt für Fichtenholz ist tot", so Jäkel. Vom "Bäume entsorgen" sprach Gerold Dietrich, Geschäftsführer Holzvermarktung Mittelhessen. Zwei bis drei Euro pro Festmeter erhalte man dafür.

Erwähnenswerte Schäden an der Buche seien schon nach der Jahrhundertwende aufgetreten, aber deren Dramatik seit 2018 habe auch die Forstwissenschaftler überrascht, so Jäkel. Wie lange eine alte Buche mit dünner Krone (abgestorbene Äste) noch durchhalte, sei mittlerweile schwer einzuschätzen.

Einmal angefangen, schreite der Zersetzungsprozess voran. Der Vorgang sei aber von Baum zu Baum verschieden. Jäkel: "Man kann nicht hinein gucken". Folglich muss der Förster in jedem Einzelfall entscheiden. Lichte Baumkronen sind beim Fällen für die Waldarbeiter lebensgefährlich.

Kremberg informierte, man habe spezielles Fällwerkzeug. Anderenfalls müsse der Rückeschlepper den umzusägenden Baum sichern. Holzernte im Buchen-Starkholz ist kostenträchtig geworden.

Immerhin weiß Dietrich: "Die großen Holzsäger brauchen Buche". Es bestehe eine Unterversorgung. Die Preise seien schon gesunken, aber 25 Euro bringe der Festmeter noch. Vor wenigen Jahren noch galt in Hessen der Satz "Wenn nix mehr geht, geht die Buche", so Jäkel. Jetzt sei die Buche das nach der Fichte größte Sorgenkind. Die Hoffnung liege jetzt auf der Fähigkeit der Buche, viele Standorte zu besiedeln, damit Jungpflanzen sich wenigstens teilweise anpassten.

"Auch die Eichen leiden", bedauerte Jäkel. Schäden machten sich mit einem Zeitverzug bis zu drei Jahren bemerkbar. Lichte Kronen und Schleimfluss wie bei der Buche gehörten dann dazu, aber "die Eiche geht nicht so schnell kaputt". Laut Dietrich ist Eichenholz "sehr begehrt". Dummerweise wollten Exporteure immer 100 Festmeter auf einen Schlag. Solche Mengen könne ein Revier nicht liefern. Jäkel nannte das Problem "Totholz", abgestorbene oder ausgelichtete Bäume an Waldwegen. Diese Bäume müssten weg aufgrund der Verkehrssicherungspflicht. Wobei tote Fichten nicht mal einen ökologischen Wert hätten. Buchen-Totholz gebe es in diesem Jahr zu viel auf einmal.

Bei 50 Hektar aufzuforstender Freifläche und Kosten von 20000 Euro/Hektar sind das eine Million Euro in den kommenden Jahren. Förster Kremberg muss in detektivischer Kleinarbeit die Fördermöglichkeiten von Land, Bund und EU ausfindig machen. Kulturschutz (Gatterung) und die Jagd erhalten künftig einen hohen Stellenwert. Jäkel hatte noch eine schlechte Botschaft: "Was die Leute zum gegenwärtigen Regen sagen, ›Sauwetter‹, reicht bei Weitem nicht aus". Die Forstleute hoffen auf ein feuchtes Jahr 2021.

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