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"Leben ist, was wir daraus machen. Also los! Tun!" Das ist der Leitspruch des Treisers Reiner Opper. (Foto: khn)

Der Lehrer der Herzen

Allendorf/Staufenberg (khn). Als Reiner Opper aus Treis in Pension ging, pflanzten ihm Eltern und Kinder an der Allendorfer Grundschule einen Baum. Sie überreichten ihm eine Scheibe mit der Aufschrift "Dem Lehrer der Herzen". Wir haben mit ihm gesprochen: über Glück, Verlässlichkeit und über Männer als Grundschullehrer.

L eidenschaft: Das ist so ein typisch deutsches Wort. Das Leiden – also ein negativ besetzter Begriff – wird mal eben positiv umgedeutet. Wenn man sagt, Reiner Opper war Grundschullehrer aus Leidenschaft, trifft das voll und ganz zu und ist keine Floskel. Der heute 66-Jährige hat vor allem als Sportler Generationen geprägt – mit einer Passion, die außergewöhnlich ist. "Ich habe zwei Riesengeschenke in meinem Leben bekommen", sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung: "Meine Familie und meinen Beruf."

Genau 30 Jahre, nachdem er in Allendorf/Lumda als Grundschullehrer seinen Dienst angetreten hatte, ging Opper in Rente. Für den gebürtigen Treiser schloss sich damit ein Kreis. Kontakt mit der Lumdatalstadt hatte er aber schon früher: Als 22-Jähriger, 1969 war das, machte er an der Grundschule sein erstes Praktikum im Schuldienst und Jahre später sein zweites Staatsexamen. Elf Jahre unterrichtete er anschließend an der Daubringer Grundschule, bis 1985 ein Lehrer in Allendorf gesucht wurde. Gleichzeitig sollte eine neue Turnhalle gebaut werden. "Das war die ideale Kombination, also habe ich nachgefragt", erzählt er.

Oppers Leidenschaft für den Sportunterricht hat er nicht von seinen Eltern geerbt. Als in Treis Turnstunden angeboten wurden, ging er als Kind hin. "Ich war 13 Jahre alt, da hieß es auf einmal, ich soll mithelfen", sagt Opper. In den Vereinen erlebte er, wie wichtig Tugenden wie Verlässlichkeit und Vertrauen sein können. "Das wollte ich weitergeben." Für Opper stand deshalb schnell fest, etwas Sportliches mit Kindern zu machen. Ein weiterer Anstoß war für ihn, dass Religion und Sport die Fächer waren, die im Fall der Fälle ausfielen. "Mein Anliegen war es, dass Sport wieder eine Bedeutung an der Schule hat." Und Sport wurde wichtiger. Auch deshalb, weil Opper aus einer Veranstaltung wie der Übergabe des Sportabzeichens ein Event machte. "Im Bürgerhaus, 350 Besucher", erzählt er und lacht.

Gerade für die leistungsschwachen Kinder ist er Lehrer geworden. Sein schönstes Erlebnis: Als ihm ein korpulentes Mädchen sagte, Sport sei ihr Lieblingsfach. Wie er das geschafft hat? "Achtung haben!" Seine Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. Er habe im Unterricht außerdem auf freie Übungen gesetzt, Gerätelandschaften aufgebaut und die Kinder dort einfach machen lassen. "Als Lehrer darf ich nicht alles regulieren, die Kinder sollen ihre Grenzen selbst austesten."

Dabei habe er immer einen Fokus auf "alte Werte" gelegt: "Vertrauen und Verlässlichkeit." Pünktlichkeit sei ihm nicht so wichtig gewesen. "Wenn jemand zu spät kam, sagte ich ihm, schön, dass du doch noch gekommen bist. Ich dachte schon, du wärst krank." Gerade deshalb wird Opper bis heute von seinen ehemaligen Schülern geschätzt: Bei ihm stand die Beziehung vor der Erziehung. "Vertrauen ist manchmal wichtiger als Stoffvermittlung", sagt der Pensionär. Er habe sich, wenn er nach dem Unterricht wieder zu Hause war, immer gefragt: "Hast du heute mit jedem Schüler einmal gesprochen?" Opper hat die Institution nie wichtiger genommen als die Kinder.

Deswegen sieht er auch die Entwicklung in den Schulen kritisch. Es werde immer bürokratischer, sagt er. "Wir sind Pädagogen, keine Schriftführer."

Was hat sich noch geändert in den 30 Jahren, in denen er Sport unterrichtet hat? Früher sei mehr der Leistungsgedanke verfolgt worden. "Viele fielen hinten runter." Opper wollte niemanden zurücklassen, betont aber auch, dass sich die Schüler bei ihm dem Wettbewerb stellen mussten. "Sie leben nummal in einer Leistungsgesellschaft." Er differenzierte aber: "Du bist zwar nicht der Schnellste, aber dafür bist du gut in Mathe." Und: "Du hattest den Mut, dich dem Wettkampf zu stellen."

Apropos: Wie war das, als Mann alleine unter Frauen? Opper hatte nie Probleme damit, oft die einzige männliche Lehrkraft zu sein. Im Gegenteil. "Wenn manche Männer wüssten, wie schön der Job ist, würden sie auf das höhere Gehalt verzichten", sagt der 66-Jährige und lacht. Er jedenfalls sei glücklich gewesen, wenn er nach Hause gekommen sei. Warum? "Grundschulkinder sind ehrlich, die buhlen nicht um gute Noten."

Auch wenn Opper seinen Beruf geliebt hat – am Tag danach fiel er in kein Loch. "Es ist ein Luxus, mich morgens zu fragen, was ich heute mache", sagt er. Wenn er Lust hat zu lesen, holt er ein Buch heraus. Will er spazieren gehen, macht er das. Zwei- bis dreimal in der Woche geht Opper ins Fitnessstudio, um etwas für sich zu machen, "um nicht mehr in der Verantwortung zu sein". Der 66-Jährige freut sich auf seinen neuen Lebensabschnitt. "Endlich habe ich mehr Zeit für mich und meine Familie."

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