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Seit über 20 Jahren führen Paola Amorelli-Cortazzo und ihr Mann Ugo Cortazzo das Bürgerhaus in Climbach. Schwere Zeiten habe es immer mal gegeben, doch die Corona-Krise übertreffe alles. FOTO: PM

Kneipe in der Krise

Klopapier zur Pizza: So hält sich das Bürgerhaus in Climbach über Wasser

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Die Corona-Krise trifft Gastronomien besonders hart - doch auf dem Land in einem anderen Ausmaß. Müsste das Bürgerhaus Climbach schließen, wäre auch der letzte Treffpunkt weg.

Wäre heute ein ganz normaler Tag, würden sich die Tische im Climbacher Bürgerhaus bereits füllen und die schon warmen Sonnenstrahlen hätten den einen oder anderen Gast sicher in den Biergarten gelockt. Auf ein kaltes Pils oder einen heißen Espresso. Aber heute ist kein normaler Tag. Es ist 18 Uhr und die Tische bleiben leer - vorerst und auf unbestimmte Zeit. So, wie gerade überall im Kreis.

Im Bürgerhaus in Climbach ist an diesen Tagen alles anders. Statt des Geruchs von Pizza und Schnitzel liegt ein Hauch von Desinfektionsmittel in der Luft, und anstelle des sonst so vertrauten Beisammenseins heißt es nun Abstand halten. Die Stimmung in der Kneipe ist nicht ausgelassen, sondern angespannt. "Es ist einfach schlimm", sagt Paola Amorelli-Cortazzo. Die Wirtin seufzt tief. "Alles."

Bürgerhaus Climbach: Abholservice statt Lieferdienst

Seit genau zwei Wochen sind alle Restaurants und Gaststätten im Landkreis dicht. Eine Maßnahme im Kampf gegen das Coronavirus, mit der die Ansteckungsgefahr verringert werden soll. Den Gastronomen geht es erwartungsgemäß schlecht. Viele versuchen, sich mit Lieferdienst oder Abholservice über Wasser zu halten. Auch Amorelli-Cortazzo und ihr Mann Ugo Cortazzo bieten letzteres an.

"Bitte 1,5 Meter Sicherheitsabstand halten. Danke!", steht auf dem großen Zettel, den Amorelli-Cortazzo an ihre Theke geklebt hat. Davor zieren in gleichem Abstand Markierungen den Boden. "Ich gebe am Telefon den Preis durch und die Kunden sollen das Geld dann passend mitbringen", erklärt die 45-Jährige das neue Prozedere. Auch der Ablauf danach ist gründlich durchdacht. Handschuhe an, Bestellungen in einen mitgebrachten Behälter auf Theke Nummer eins geben und zurücktreten. Dann sind die Gäste am Zug: Pasta und Co. nehmen, Geld auf Theke Nummer zwei ablegen und zurücktreten. Wer will, kann sich beim Rein- und Rausgehen die Hände desinfizieren.

Bürgerhaus Climbach: Wirtin lässt sich nicht unterkriegen

Ein steriler, fast mechanisch klingender Ablauf. Ausgerechnet an dem Ort, den die Menschen aus der Umgebung nicht nur wegen des Essens, sondern vor allem wegen der familiäre Atmosphäre schätzen. Der Wirtin und ihrem italienischen Temperament setzt das sehr zu, das ist deutlich zu spüren. Doch sie lässt sich nicht unterkriegen. "Ich versuche immer, gute Laune zu machen", sagt sie, "meine Kunden genießen das richtig. Mal rauszukommen und ein bisschen zu reden und zu lachen." Stark bleiben für andere - das könnte ihr Motto sein, dabei hat sie gerade selbst mit einigem zu kämpfen.

Bürgerhaus Climbach: 90 Prozent Umsatzeinbußen

"Wir machen nur noch zehn Prozent unseres eigentlichen Umsatzes", sagt Amorelli-Cortazzo. Ihre Mitarbeiter musste sie schon freistellen, den Laden schmeißt das Paar nun nur noch zu zweit. Die Speisekarte fällt darum etwas kleiner aus, und auch der Lieferservice wurde gestrichen - anders sei das gerade nicht zu machen, sagt die Wirtin. Die Öffnungszeiten des Bürgerhaus wurden auf drei Stunden täglich reduziert, Speisen können von 17 bis 20 Uhr telefonisch vorbestellt und vor Ort abgeholt werden. "Obendrauf gibt es für alle eine Klopapierrolle", sagt die Wirtin. Sie lacht herzlich - ihren Humor hat sie nicht verloren.

"Das mit dem Klopapier ist wirklich eine gute Idee. Ein netter Gag in diesen Zeiten", sagt Gernot Schäfer. Der Ortsvorsteher Climbachs ist seit vielen Jahren Stammgast im Bürgerhaus, selbst hinter der Theke stand er schon, wenn mal Not am Mann war. Auch in diesen Zeiten unterstützt er die Gastwirte seines Vertrauens. "Ich schaue immer mal wieder vorbei, nehme was mit und frage, wie die Lage ist", sagt er. Dabei käme er - mit dem gebotenen Abstand - auch immer wieder mit anderen ins Gespräch. "Allen fehlt das hier", sagt Schäfer, "für viele ist das Bürgerhaus das Zentrum des sozialen und kulturellen Lebens."

Bürgerhaus Climbach: Letzte Kneipe im Ort

Das Bürgerhaus ist Climbachs letztes Wirtshaus. Vor gut 20 Jahren verpachtete es die Gemeinde Allendorf an die Italiener. Viele Kneipen und Gaststätten im Umkreis hätten seitdem dicht gemacht - Kneipensterben, wie Amorelli-Cortazzo erzählt. Nach Climbach kommen darum auch etwa Gäste aus Londorf, Treis und Kesselbach. Das Bürgerhaus ist eine Institution - im Ort und darüberhinaus.

Sollte die Corona-Krise den Gastronomen derart zusetzten, dass sie nach der Pandemie gar schließen müssten, das wäre für viele im Ort unvorstellbar. Regelmäßig bekommt Amorelli-Cortazzo Anrufe. Vor allem von älteren Gästen, die möglichst nicht mehr aus dem Haus sollten. "Viele erzählen mir, dass sie mich, Ugo und das Bürgerhaus vermissen", sagt sie gerührt. "Viele würden so gerne einfach mal auf ein Schwätzchen vorbeikommen."

Bürgerhaus Climbach: Miete wird vorerst gestundet

Für die Climbacher wäre der Verlust der Gaststätte schlimm, das weiß auch der Allendorfer Bürgermeister Thomans Benz: "Für viele ist das Bürgerhaus der einzige Treffpunkt", sagt er. Um den Pächtern unter die Arme zu greifen, werden die Mietkosten in den nächsten zwei bis drei Monaten gestundet. "Wir alle wollen, dass es das Bürgerhaus auch weiterhin gibt", sagt er.

Amorelli-Cortazzo und ihr Mann sind sehr dankbar für den Rückhalt. Trotz Krise kämen noch einige, um etwa den Pizza- oder Schnitzeltag wahrzunehmen und viele gäben dabei um einiges mehr Trinkgeld als sonst. Kürzlich habe ihnen ein Nachbar geholfen, einen Antrag auf Förderung zu stellen, erzählt Amorelli-Cortazzo. "Das tut gut", sagt sie, "gemeinsam schaffen wir das."

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