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Das alte Brauhaus auf dem "Rentmeisterhof" in der Bahnhofstraße, das auch bei dem Bombenabwurf am 13. Februar 1945 zerstört wurde. FOTO: PM

Gräueltaten nicht vergessen

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Allendorf(bf). Der Heimat- und Verkehrsverein Allendorf/Lumda erinnert an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren. Da Gedenkfeiern aktuell aufgrund der Corona-Krise nicht möglich sind, veröffentlicht der Verein unter dem Titel "75 Jahre Kriegsende - 75 Jahre Frieden und Freiheit" die Berichte von Zeitzeugen.

"Wir möchten die abscheulichen Gräueltaten, die mit Hitlers Machtübernahme 1933 begannen, nicht vergessen und einen Beitrag dazu leisten, dass Ähnliches nicht mehr geschieht. Wir leben in Deutschland seit 75 Jahren in Frieden und hoffen, dass dies so bleiben möge", schreibt Brunhilde Trenz, Vorsitzende des Heimat- und Verkehrsvereins.

Reinhold Gruninger hat unter dem Titel "Erinnerungen eines im Krieg Geborenen" unter anderem geschrieben: "Die erste Erinnerung, die ich habe, war an ein Ereignis wohl im Mai 1945. Ich stehe mit Hormanns Koathrine an der Hand am Kreuz, gegenüber dem alten Rathaus. Auf den Straßen sind viele Menschen. Aus Londorf kommend fahren riesige Panzer vorüber. Auf den Panzern saßen Soldaten. Ein Teil war weiß, und die anderen hatten eine dunkle Hautfarbe. Ich hatte bislang nur auf Bildern Menschen mit dunkler Hautfarbe gesehen."

Dem kleinen Jungen fällt auf, dass die farbigen Soldaten lachten, die anderen jedoch nicht. "Den Grund dafür erfuhr ich erst später. Es waren die Folgen der Nazivergangenheit und deren schrecklichen, menschenverachtenden Auswirkungen. Viele Soldaten mögen jüdischen Glaubens gewesen sein, sie alle haben die schrecklichen Bilder der KZs gesehen und hassten die Deutschen. Aber wir Kinder wussten nichts von diesen schrecklichen Taten, und unsere Eltern und Verwandten schwiegen über das Geschehen."

Akribisch geführtes Kriegstagebuch

Nach und nach erfuhr Gruninger die Geschichte seiner Familie. Er erinnert an seinen Großvater Reinhard Lotz, der aus einem Haus in der Rheingasse stammt. "Er arbeitete in Lollar bei Buderus - wie so viele Allendorfer. Er war politisch sehr aktiv und gründete in den zwanziger Jahren den Kreisverband der sozialdemokratischen Partei des Kreises Gießen und den von Allendorf." Das führte dazu, dass seine Familie "von den Nazis verfolgt wurde, was das Leben noch schwieriger machte".

Zu essen gab es wenig, Spielzeug fehlte. "Brauchten wir auch nicht, denn wir spielten auf der Straße mit unseren Freunden aus der Nachbarschaft." Gruninger weiter: "Und dann kamen die Heimatvertriebenen, meist aus dem Sudetenland - und schon hatten wir noch mehr Freunde. Sie belebten unseren Alltag in großem Maße."

Für Ria Merte geb. Conrad war das grauenvollste Ereignis ihrer Jugend der Bombenabwurf auf das Zentrum von Allendorf im Februar 1945, den sie als neunjähriges Mädchen miterleben musste. Sie hat ihre traumatischen Erinnerungen aufgeschrieben: "So gingen wir mit sieben Personen in unseren Keller. Nur meine Mutter wollte noch einmal hoch auf den Speicher. Von dort sah sie, dass eine Bombe gegenüber der Pirrmühle (Londorfer Straße) fiel und eine weitere auf dem Anwesen von Dr. Harth einschlug. Sie versuchte, schnellstens zu uns in den Keller zu kommen, was ihr jedoch zu Fuß nicht mehr gelang, denn in diesem Moment ging eine Bombe einige Meter hinter uns nieder. Meine Mutter wurde dabei von der Druckwelle regelrecht die Kellertreppe hinunter geschleudert. Mit leichten Schürfwunden landete sie bei uns im Keller. Das war zum Glück noch einmal gut gegangen. Doch was uns draußen erwartete, war schrecklich."

Von einem Vertriebenenschicksal berichtet Christa Hantschel geb. Lewy, die während des Zweiten Weltkrieges im Sudetenland geboren wurde. Sie kam mit ihrer Familie über Gießen nach Allendorf, wurde in der alten Volkshalle untergebracht. "Eine Gruppe Frauen kochte für uns, was es so gab und das war nicht viel. Ich kann mich erinnern, dass wir Kinder einen Klecks Kartoffelbrei bekamen, in den wurden kleine Kuhlen gedrückt und das Gute kam dazu, ein Löffelchen flüssige Butter. Dazu gab es Spinat, aber nur für uns Kinder."

Außerdem veröffentlicht der Heimatverein Auszüge aus dem akribisch mit vielen Daten geführten Kriegstagebuch von Heinrich Amend aus Treis. Zu lesen ist die nüchterne Auflistung von Daten eines 24-Jährigen, der sechs Jahre seines Lebens "unter für uns heute unvorstellbaren Umständen mit Heimweh, Zweifeln, Ängsten, Hunger, oft den Tod vor Augen und qualvollen Schmerzen verbringen musste."

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