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Sämtliche Straßen waren überflutet, hier die Bahnhofstraße in Allendorf.

Flutwelle im Lumdatal

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Allendorf/Lollar/Rabenau (bf). Die Bilder der verheerenden Flutkatastrophe in Westdeutschland vor zwei Wochen sind allgegenwärtig: völlig zerstörte Ortschaften, nicht mehr vorhandene Brücken und Straßen, verzweifelte Menschen, die alles in den Fluten verloren haben. Bislang kamen nach offiziellen Angaben mehr als 180 Menschen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ums Leben, Dutzende werden noch vermisst.

Welche Kraft und welche brachiale Gewalt von Wasser ausgehen kann, daran erinnern sich angesichts dieser Katastrophe derzeit auch viele ältere Menschen im Lumdatal. Vor 55 Jahren kam es dort zum »schwersten Sommerhochwasser seit Menschengedenken«. Unvorstellbare Niederschlagsmengen waren am 19. und am 22. Juli 1966 in der Region niedergegangen, es regnete wie aus Kübeln und ohne Ende. Dennoch hatten die Menschen damals Glück im Unglück: Trotz massiver Schäden in Höhe von insgesamt 6,2 Millionen D-Mark gab es keine Toten zu beklagen.

»Doch auch im Lumdatal wurden damals Brücken weggeschwemmt, unzählige Keller sind vollgelaufen. Menschen, die mit dem Zug angekommen sind oder an den Bahnhof wollten, mussten mit dem Lastwagen von Karl Franz befördert werden, denn die Straßen waren für Fußgänger und Autos unpassierbar«, erinnert sich Werner Heibertshausen von der Arbeitsgemeinschaft Heimatgeschichte Allendorf/Lda. Das Unwetter brachte die Flut vor allem in die Dörfer des Lumdatals. Aber auch das Busecker Tal, Heuchelheim und Gießen wurden von den Wassermassen getroffen.

Das Hochwasser hat damals auch große Schäden bei den Landwirten angerichtet. Landwirtschaftliche Geräte wurden zerstört, und auf den bestellten Äckern wurde die Ernte vernichtet. Auch in Gewerbebetrieben, die im Bereich des Hochwassers lagen, sind immense Schäden entstanden.

»Das Besondere an diesem Jahrhundert-Hochwasser war, dass es in zwei Etappen kam. Zuerst am 19. Juli, und dann drei Tage später, am 22. Juli, noch einmal. Letzteres richtete noch mehr Verwüstung an«, berichtet Heibertshausen.

Am 19. Juli 1966 gingen im oberen Lumdatal wolkenbruchartige Regenfälle nieder. Das gesamte Tal von Odenhausen bis Lollar wurde überflutet. Die eigentliche Flutwelle, so zeigen es die Aufzeichnungen der Feuerwehr, entstand gegen 17 Uhr in Kesselbach und erreichte Lollar gegen 23 Uhr. Weitere starke Regenfälle sorgten drei Tage später für eine zweite Flutwelle, die das Lumdatal in einem noch höheren Maße überschwemmte.

In den Ortschaften spielten sich dramatische Szenen ab, Brücken, die der ersten Flutwelle noch getrotzt hatten, wurden vom Wasser eingerissen, Straßen stark beschädigt und Telefonleitungen unterbrochen. In einigen Gemeinden brach nicht nur die Strom-, sondern auch die Wasserversorgung zusammen.

In Lollar wurde bespielsweise die Pumpe vorübergehend geflutet, sodass die US-Armee ausrückte, um den Schaden zu beheben und Tankfahrzeuge einsetzte. Angehörige der Bundeswehr retteten mit Schlauchbooten Menschen aus freistehenden Höfen, Vieh musste vielerorts aus Ställen gerettet werden. In Lollar hatten Soldaten zwar rechtzeitig für ausreichend Sandsäcke gesorgt, doch verschont blieb die Stadt nicht.

Werner Heibertshausen ist sich sicher, dass die Regulierung der Lumda zu den Hochwassern entscheidend beigetragen habe. Erst ihre Renaturierung und der Bau von Rückhaltebecken habe die Situation beruhigt.

Aufräumarbeiten nach dem Jahrhundert-Hochwasser in Kesselbach.

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