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Die Allendorferin Marleen Wilhelmi und ihr Ehemann Lukas möchten ihr Leben in der Schweiz nahe Luzern nicht mehr missen.

Serie "Zuhause in der Ferne"

Wie es eine Allendorferin in die Schweiz verschlagen hat

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Marleen Wilhelmi lebt seit sieben Jahren in der Schweiz. Sie hat dort ihr persönliches Glück gefunden, will vielleicht für immer bleiben. Nur in einer Frage würde sie sich mehr Modernität wünschen.

Natürlich ist das Lumdatal eine landschaftlich reizvolle Gegend. Doch im Vergleich zu dem Panorama, das sich Marleen Wilhelmi, geborene Hantschel, in ihrer neuen Heimat bietet, verblässt die Silhouette des Totenbergs in Allendorf dann doch ein wenig: "Man sitzt in Luzern am See und schaut auf die schneebedeckten Berge", schwärmt die 31-Jährige. "Wenn ich daheim in Allendorf bin, vermisse ich die Berge. Ich habe mich wirklich in die Schweiz verliebt."

Wilhelmi wohnt in Geuensee, einer Gemeinde mit rund 3000 Einwohnern im Kanton Luzern. Vor sieben Jahren ist sie in die Schweiz gezogen. Dass sie dauerhaft jenseits der Alpen sesshaft werden könnte, war für Wilhelmi schon Jahre vor ihrer Auswanderung absehbar. Ihr Mann Lukas stammt ebenfalls aus dem Kreis Gießen. Beide haben die gleiche Schule besucht und wurden in der Oberstufe ein Paar. "Er und seine Familie haben eine starke Verbindung zur Schweiz", sagt Wilhelmi. "Es war sein Traum, auf einer renommierten Hotelfachschule in der Schweiz zu studieren. Ich wusste: Wenn ich mit dem zusammenbleibe, geht es in die Schweiz."

Aus dem Kreis Gießen in die Schweiz: Mann fürs Leben getroffen

So kam es auch, allerdings über Umwege: Wilhelmi ging für ein Jahr nach Karlsruhe, begann ein Produktdesign-Studium. Doch weder das Studium noch die Stadt sagten ihr wirklich zu. Sie ging zurück nach Gießen, ließ sich zur Immobilienkauffrau ausbilden. Über Jahre führten Marleen und Lukas Wilhelmi eine Fernbeziehung, er war zunächst in Stuttgart. "Aber wenn man den Mann fürs Leben trifft, nimmt man das in Kauf", sagt sie. Schließlich trafen sie sich in der Schweiz wieder, 2012 zog Marleen Wilhelmi dorthin.

Inzwischen möchte sie das Leben nahe Luzern nicht mehr missen und kann sich gut vorstellen, eine Familie zu gründen und für immer in der Schweiz zu bleiben. Auch Dank des Freundeskreises, den sich das junge Paar aufgebaut hat. "Aber ich bin ein Familienmensch - es wäre schon schön, wenn meine Familie auch hier wäre." Etwa viermal im Jahr trifft Wilhelmi ihre Verwandtschaft, mal im Lumdatal, mal in der Schweiz. Auch über Weihnachten wird Wilhelmi im Kreise ihrer Liebsten in der Heimat weilen, "das ist schon fix". Und zum Glück gibt es dank Facetime und Skype heute allerlei Möglichkeiten, sich auch ohne gut fünfstündige Fahrt zu sehen.

Aus dem Kreis Gießen in die Schweiz: Weniger gestresst als die Deutschen

Als sie ins Ausland zog, sei die Familie natürlich etwas traurig gewesen. "Aber sie unterstützen mich bei allem, Hauptsache, ich bin glücklich", schiebt die Allendorferin im Exil hinterher. Abgesehen von ihrer Familie fehle ihr in der neuen Heimat eigentlich nichts, sagt Wilhelmi.

Über die vermeintliche Langsamkeit der Eidgenossen macht sich manch Deutscher gern lustig. Sie wolle nicht verallgemeinern, sagt Wilhelmi, doch die Lebensart in der Schweiz habe sie inzwischen sehr lieb gewonnen: "Ich habe das Gefühl, dass die Schweizer ruhiger, entspannter und auch weniger gestresst sind." Dort sei niemand genervt, wenn es an der Kasse in der Schlage mal länger dauert. "Hier pflegt man nette Umgangsformen, man grüßt sich auf der Straße - wie man es vom Dorf kennt."

Wilhelmi lebt im deutschsprachigen Teil der Schweiz, was den Start dort erleichtert haben dürfte. Ihr Französisch aus Schulzeiten kann sie dennoch gut gebrauchen, denn bei ihrer Arbeit wird auch Französisch gesprochen. Und ihr Arbeitgeber habe darauf geachtet, die Mitarbeiter zu fördern, erzählt sie: Wilhelmi hat Französisch-Kurse belegt, die im Unternehmen angeboten wurden. Dass die Einheimischen kein Hochdeutsch, sondern Schwyzerdütsch sprechen, falle ihr kaum noch auf.

Aus dem Kreis Gießen in die Schweiz: Auch beruflich angekommen

Auch beruflich hat Wilhelmi im südlichen Nachbarland inzwischen Fuß gefasst, was als Deutsche in dem Nicht-EU-Staat gar nicht so einfach ist. Voraussetzung für eine Aufenthaltsgenehmigung sei ein Job, erklärt sie. Die erste Zeit sei nicht einfach gewesen, zumal es den Beruf Immobilienkauffrau so in der Schweiz nicht gebe. "Ich hatte mich schon für ein Studium eingeschrieben, falls es mit dem Job nicht klappt", blickt Wilhelmi zurück. Schließlich fand sie eine Anstellung, orientierte sich nach einem Jahr anderweitig und ist inzwischen seit sechs Jahren bei einer großen Krankenversicherung im Bereich Einkaufsmanagement Leistungen beschäftigt. Nebenher hat sie auch noch ein MBA-Studium (Master of Business Administration) gewuppt. Inzwischen verfügt sie über den Ausländerausweis C, der die gleiche Besteuerung wie bei Schweizern mit sich bringe. 

Ein weiterer Schritt könnte die Einbürgerung sein. Für Wilhelmi wäre das frühestens 2022 möglich, zehn Jahre nach ihrer Einwanderung. Mit einem Schweizer Pass dürfte sie dann auch wählen, was ihr bisher verwehrt bleibt. "Aber die Einbürgerung kostet Geld, ich müsste überlegen, ob es mir das wert ist." Auch sei es mit einem deutschen Pass einfacher, international zu reisen - meist ohne Visum. "Wenn überhaupt, dann käme für mich nur die doppelte Staatsbürgerschaft infrage."

Aus dem Kreis Gießen in die Schweiz: Teuer für Touristen

Die Schweiz gilt als sehr teures Land, doch das sei vor allem die Perspektive von Touristen, gibt die Allendorferin zu bedenken: "Ich kann mir hier inzwischen mehr leisten als früher in Deutschland, aber für Besucher ist es erstmal erschreckend, wenn sie herkommen." Für ein Abendessen für zwei Personen müsse man im Restaurant zwischen 150 und 200 Franken einplanen, das entspricht aktuell etwa 130 bis 180 Euro.

Ein Wermutstropfen fällt Wilhelmi doch noch ein: Besonders familienfreundlich sei die Schweiz nicht. Ein Elternzeit-Modell wie in Deutschland gebe es nicht, ein Tag in der Kita koste für die ganz Kleinen über hundert Euro. Doch das sei wirklich das einzige, was sie an ihrer neuen Heimat kritisieren könne.

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