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Christel Reeh

"Der Egoismus in der Gesellschaft wird weniger werden"

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Allendorf(lkl). Die Corona-Pandemie hat den Alltag aller auf den Kopf gestellt. An dieser Stelle gewähren Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen Einblicke in ihren neuen Alltag. Heute: Christel Reeh, Organisatorin der Tafelausgabe in Allendorf.

Wie verläuft Ihr Tag normalerweise?

Ich bin Hausfrau und mein Mann ist Pensionär. Wir sind gerne in unserem Garten oder gehen spazieren. Zudem helfe ich seit 2008 mittwochs nachmittags bei der Ausgabe der Tafel in Gießen. 2013 haben wir auch eine Zweigstelle in Allendorf eingerichtet, wo ich alle vier Wochen Lebensmittel ausgebe. In Allendorf bin ich auch als Schiedsfrau tätig. Wir haben zwar nicht so arg viele Fälle, aber wenn etwas ist, muss ich natürlich ran.

Und wie sieht Ihr Alltag jetzt aus?

Da wir ohnehin selten Events besuchen, hat sich bei uns gar nicht so viel verändert. Das, was mir fehlt, ist die ehrenamtliche Arbeit. Da die meisten Mitarbeiter älter sind, hat die Tafel geschlossen. Und selbst bei Gericht werden ja im Moment Dinge, die liegen bleiben können, aufgeschoben. Da wir hier nur Nachbarschaftsstreitigkeiten und selten mal Beleidigungen haben, ruht das Schiedsamt. Allendorfer sind ja friedliche Leute. Allerdings muss ich sagen, dass ich diesen Tätigkeiten aus gesundheitlichen Gründen im Moment sowieso nicht nachgehen könnte, da ich mich jüngst im Krankenhaus einer Behandlung unterzogen habe.

Was vermissen Sie am meisten?

Am meisten fehlt mir der Kontakt zu den Kunden. Die Menschen sind oft sehr dankbar, und dieses Zwischenmenschliche ist wirklich schön. In Allendorf, wo nicht so viele Kunden kommen, ist es noch ein bisschen intimer. Man kommt ins Gespräch, es wird oft auch persönlich. Es tut mir weh, dass ich diesen Menschen nun nicht helfen kann. Ich habe zwar mitbekommen, dass die Tafel einen Bringdienst einrichten will, und wenn ich gesund wäre, würde ich helfen, in Allendorf Sachen auszufahren, aber das geht jetzt nicht. Durch meine Krankheit gehöre ich zur Risikogruppe. Gerade während meines Krankenhausaufenthalts habe ich aber auch wieder gemerkt, wie toll unser Tafel-Team zusammensteht. Über unsere WhatsApp-Gruppe habe ich sehr viele Nachrichten bekommen. Der direkte Kontakt zu dem Team fehlt mir auch sehr.

Was ist positiv?

Ich denke, dass die Situation dazu beiträgt, dass der Egoismus in der Gesellschaft ein bisschen weniger wird. Außerdem ist es auf jeden Fall positiv, dass jeder mal wieder ein bisschen zurückfährt. Denn es geht zu oft darum, alles mitnehmen zu wollen, alles erleben zu wollen, überall dabei sein zu wollen und überall mitmischen zu wollen. Jetzt wird das Ganze einfach mal runtergefahren und vielleicht wird unsere Lebensweise nun wieder ein bisschen solidarischer und ruhiger. FOTO: ARCHIV

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