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Seit über 40 Jahren kommt der Frauenstammtisch im Bürgerhaus Climbach zusammen. Schnitzel ist das Lieblingsessen der Damen. "Das macht Ugo einfach ganz wunderbar", schwärmen sie.

Kneipensterben

Climbachs letztes Wirtshaus trotzt dem Kneipensterben

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In vielen Kneipen im Kreis geht das Licht aus - für immer. Das Bürgerhaus in Climbach wird als Treffpunkt geschätzt und beschützt wie ein Schatz. Sogar der Ortsvorsteher hilft aus, wenn es nötig ist.

Es zischt und dampft als Ugo Cortazzo zwei panierte Schnitzel in die große Eisenpfanne legt, heiße Butter spritzt nach allen Seiten. Die Augen des 55-Jährigen gehen flink von einer Pfanne zur nächsten, er hat alles im Blick - der Herd ist sein Reich. Die Küche des Climbacher Bürgerhauses ist klein. Groß genug allerdings, dass sich Cortazzo, seine Frau Paola Amorelli-Cortazzo und ihr Bruder Nico Amorelli nicht im Weg stehen. Die Familie, der Climbach seine letzte Gaststätte zu verdanken hat, ist ein eingespieltes Team: Während Ugo brät, balanciert Nico einen Schwung Pizzen in den Gastraum und Paola garniert unter einem Schwall Anweisungen die Teller.

Freitagabends ist das Bürgerhaus gut besucht. Vor allem Climbacher und Menschen aus der näheren Umgebung trudeln ab 19 Uhr ein, füllen das helle Lokal und die einladende Sonnenterrasse. Ab und an klingelt auch das Telefon - Pizzabestellungen. Paola lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, erzählt von den Anfängen des Bürgerhauses und den Herausforderungen, denen sie sich stellen müssen, nebenbei zapft sie Bier.

Vor rund 20 Jahren haben die Italiener die Gaststätte von der Gemeinde Allendorf gepachtet - in vielen ländlichen Kneipen sei es seitdem duster geworden. "Hier im Umkreis gibt es nicht mehr viel", sagt die Italienerin. Dabei habe allein Climbach einmal mindestens drei Wirtshäuser gehabt. "Die Kneipen sterben nach und nach aus", da ist sich die 45-Jährige sicher.

Für das Kneipensterben, sagt Amorelli-Cortazzo, gibt es vielschichtige Gründe: Geld etwa - so sei die Einführung des Euro im Jahr 2002 deutlich zu spüren gewesen. Ähnlich sei es auch mit dem Rauchverbot 2007 gewesen: "Danach ging es erst einmal steil bergab bei uns." Außerdem gäbe es vor allem in den Städten ein Überangebot an Gastronomien, und die Möglichkeiten für einen gemütlichen Abend zu Hause würden auch immer besser. Ein weiterer Grund: Der Nachwuchs fehlt. "Keiner will heute noch eine Kneipe von seinen Eltern übernehmen", sagt sie.

Bei den Amorelli-Cortazzos drängt sich zumindest diese Frage nicht auf. Nachwuchs, der das Bürgerhaus übernehmen könnte, gibt es nicht. Ans Aufhören wollen die beiden ohnehin noch nicht denken, mindestens zehn Jahre trauen sie sich noch zu. Gesunder Optimismus - doch der kommt nicht von ungefähr. "Man muss dranbleiben und immer neue Dinge anbieten", sagt die Wirtin. Montags ist darum Pizza-Tag, mittwochs Schnitzel-Tag und samstags der inoffizielle Rumpsteak-Tag. Und das regelmäßig stattfindende Schlemmer-Schnitzel-Buffet ist ohnehin schon ein Evergreen. Im vergangenen Jahr wagte sich das Team erstmals an einen Cocktailabend. In diesem Jahr wollen sie sich an einem Oktoberfest versuchen.

Es ist aber nicht nur die Speisekarte, die die Menschen anzieht. Das Bürgerhaus ist eine Institution im Ort. Hier werden Geburtstage, Hochzeiten, Jubiläen und auch Beerdigungen gefeiert. Hier kommt das Dorf an Fasching zusammen und die Vereine zu ihren Stammtischen. "Hier findet eigentlich das ganze kulturelle Geschehen statt", sagt Gernot Schäfer, der Ortsvorsteher Climbachs. Er kommt regelmäßig und schon seit vielen Jahren - selbst hinter der Theke habe er schon gestanden, wenn mal Not am Mann war.

Das Bürgerhaus lebt von und mit der Dorfgemeinschaft. "Hier ist alles so familiär", schwärmt Amorelli-Cortazzo. Sie sah junge Leute erwachsen werden und selber Kinder bekommen. Und hinter vorgehaltener Hand weiß jeder, dass es mit 18 Jahren den ersten Schnaps bei ihr gibt. So etwas wie die Gemeinschaft hier, habe sie selten erlebt. Als ihr Mann vor ein paar Jahren einen schweren Schlaganfall gehabt hat, sei der Rückhalt groß gewesen. "Das ganze Dorf hat sich so richtig ins Zeug gelegt für uns", sagt sie noch immer gerührt. Es ist ein Geben und Nehmen im Bürgerhaus. Dass die Stimmung so familiär ist, hat dennoch viel mit Paola Amorelli-Cortazzo zu tun. Ihre herzerwärmend freundliche Art steckt an. "Freundlichkeit ist das A und O", sagt sie. Viel wichtiger als jede schicke Einrichtung und abgefahrene Speisen.

"Wir sind einfach froh, dass es das Bürgerhaus gibt" - diesen Satz hört man immer wieder von den Gästen. Siglinde Böhmer etwa kommt fast täglich. Zwischen Schnitzel und Bier, den Kassenschlagern des Bürgerhauses, schwärmt sie vom guten Essens, dem hervorragenden Wein und vor allem von der familiären Atmosphäre. Seit 20 Jahren schon sei die Climbacherin Stammgast, auch etliche Familienfeste hat die 72-Jährige im Bürgerhaus schon gefeiert.

Ähnliches berichtet Uwe Dallwein aus Allertshausen: "Die Italiener machen einfach gutes Essen. Und die Unterhaltung der Gastwirte ist immer gesellig." Auch er sei seit gut zwei Jahrzehnten Stammgast, manchmal komme er einfach nur auf ein Bier vorbei. Sogar schon seit mehr als 40 Jahren gibt es den Frauenstammtisch - alle zwei Wochen am Freitagabend. Hier wird gelacht, gegessen und getrunken. "Wenn es das Bürgerhaus nicht gäbe, wären wir schon sehr traurig. Und vor allem allein daheim", sagt eine der älteren Damen.

Das Bürgerhaus in Climbach ist eine der letzten Kneipen ihrer Art. Was in zehn Jahren sein wird, ist ungewiss, doch noch ist es die letzte Instanz für ein geselliges Miteinander im Dorf. Ein Ort, an dem Familien und Freunde zusammenkommen. Ein Ort, der verbindet.

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